Verlangen nach mehr

Andrea Gerster

»Hätte man das nicht bereits beim Betreten des Gebäudes spüren müssen? Ahnen, dass man eine halbe Stunde später als geschasster Geschäftsführer mit Rollkoffer und leerer Laptoptasche die Firma wieder verlassen wird?« Fristlos wird Alber Dillig gekündigt, seine Frau Hanna erfährt anderntags aus der Zeitung vom Tod ihres Liebhabers Maxim. Der Verlust lässt beide straucheln, Hals über Kopf fliehen sie ihr Zuhause: er in die Bündner Berge, sie nach Berlin.
An ihren Fluchtorten beginnen die Skurrilitäten: Alber schliesst auf einer Alp Freundschaft mit einem Kalb, Hanna hat ein Rendezvous mit Harald, der allein für sie existiert. Maxims Beerdigung führt die beiden und ihre drei erwachsenen Kinder Mia, Lena und Clemens wieder zusammen, doch jeder hat eigene Pläne.
»Das ist Literatur, Mia!« Der Deutschlehrer hatte sich von ihrem Manuskript begeistert gezeigt, ein Verlag ist schnell gefunden. Doch schon bald wird ihr Roman von der Wirklichkeit eingeholt.

Was ist real, was fiktiv? Andrea Gerster komponiert ein dichtes literarisches Vexierbild. Ihr hintersinniger Roman überrascht mit verblüffenden Wendungen und Perspektivwechseln.

(Buchpräsentation Lenos Verlag)

Raffiniertes Spiel mit literarischen Versatzstücken

di Verena Bühler

Pubblicato il 22/04/2015

Alber Dillig, Mitte 40, verheiratet, Vater von drei Kindern, kommt am Montagmorgen ins Büro und wird völlig unerwartet – als Tribut an den Zeitgeist per Skype – entlassen. Handy und Laptop werden ihm auf der Stelle abgenommen und mit dem für ihn bestellten Taxi fährt er eine halbe Stunde nach seiner Ankunft von dannen. Wie zu erwarten nach einem solchen Auftakt wird der Rauswurf aus der ehemals eigenen Firma für Alber Anlass, seine allgemeine Befindlichkeit zu erkunden und sein bisheriges Leben zu überprüfen. Er sinniert über die Teamanlässe – Canyoning, Paintball, Quadtouren – mit  denen der Zusammenhalt gefördert werden sollte, über die Metapher der Firma als grosse Familie, und kommt zum Schluss, dass sie ebenso verlogen ist wie seine kleine Familie: Seine Frau Hanna hat seit Jahren eine Affäre mit Maxim von Leech, dem Besitzer des Gestüts, in dem sie und die beiden Töchter Reitstunden nahmen, und Alber argwöhnt sogar, dass sein Jüngster, Clemens, nicht von ihm sei.

Nun also allenthalben ohne sicheren Ort und Halt, entscheidet sich Alber, in die Berge zu fahren und bittet einen Freund, ein paar Tage in dessen Ferienwohnung verbringen zu dürfen. Er plant, sich einen Abhang hinunterzustürzen und seinen Tod nach einem Bergunfall aussehen zu lassen. Doch beim Aufstieg versperrt ihm ein verletztes Kalb den Weg, das den Alpabzug verpasst hat. Er entscheidet sich gegen den Tod und nimmt das Kalb mit ins Tal, wo er es auf dem Balkon der Ferienwohnung mit Heu und Milch versorgt. Derweil erfährt Hanna zu Hause aus der Zeitung vom plötzlichen Tod ihres Geliebten und nimmt Reissaus nach Berlin, während Sohn Clemens, von dessen Homosexualität die Eltern nichts wissen, bei seinem Freund Jo wohnt.

Teil «Eins» des Buches, von der Form her ein Kurzroman, breitet reichlich Stoff aus, wie ihn eine breite Leserschaft mag: Die Protagonisten wirken glaubhaft, wenn auch nicht gerade originell, und die Themen sind mitten aus dem Leben gegriffen. Mit dem Kalb, dessen Aufenthalt auf dem Balkon der Ferienwohnung keinerlei Reaktionen der Umgebung auslöst, beginnen allerdings die Skurrilitäten, und es wird immer deutlicher, dass diese Geschichte nicht so konventionell gemeint ist, wie sie geschrieben steht. Die Konstruiertheit des Plots wird immer offensichtlicher, die Ideen und Zufälle überschreiten immer häufiger die Grenzen des Zumutbaren und türmen sich auf zu einem fantastischen Finale mit Chor, Kalb und Pferden sowie sämtlichen Figuren an Maxims Beerdigung. Die Figuren werden im Verlauf der Lektüre immer überdrehter und ihre Identitäten sind unsicher: Der Berliner Liebhaber von Hanna ist nur für sie selber sichtbar, Wido, der sich in den Bergen ein neues Leben aufzubauen versucht, heisst eigentlich Paul und ist in Albers Nachbarschaft aufgewachsen, Clemens schneidet Maxims Leiche ein Haarbüschel ab, um mittels einer DNA-Analyse herauszufinden, ob er Maxims oder Albers Sohn ist. Sprachspielereien und sprachbezogene Überlegungen durchbrechen die Fiktion. Alber stört es, dass ihm die Terminologie der Berge fehlt, und Wido meint, dass Albers Problem vielleicht der fehlende Buchstabe in seinem Namen sei. Variationen des Kinderreimes «Ene, mene...» durchziehen den Text und kommentieren die Ereignisse. Querverweise zu anderen Autoren verorten die Geschichte bei Johannes Mario Simmel und explizit nicht etwa bei Sartre und de Beauvoir.

Teil «Zwei» bringt überraschende Wendungen: Mit ihm wechselt die Autorin vom Kurzroman in das Genre des Tagebuchs. Es spricht, respektive schreibt, Mia, eine von Albers und Hannas Töchtern aus Teil «Eins». Wir erfahren, dass sie die Zukunft ihrer Familie fantasiert und aufgeschrieben hat und dass ihr Manuskript das Interesse eines Verlags geweckt hat, der sie für ein Gespräch nach Berlin einlädt. Die meisten Figuren aus Teil «Eins» kommen wieder vor und z.T. erfüllen sich die fiktiven Ereignisse aus Teil «Eins» in der Realität des Tagebuchs. Doch was ist hier real, was Fiktion? Was Fiktion in der Fiktion? Die Namen der Figuren sind jedenfalls an verschiedene Identitäten geknüpft. Namen aus Gersters erstem Roman von 2008, Dazwischen Lily, kommen vor, und der Entdecker von Mias Schreibtalent, ihr Berater in Sachen Literatur und vormals ihr Deutschlehrer, Harald König, hat ein Leben als Hannas Berliner Liebhaber in Teil «Eins». Der Kenner der Buchindustrie und des Literaturbetriebs bringt in Teil «Zwei» auch diese Ebene in den Roman. Er gibt ihr Ratschläge, schiebt ihr Figuren ins Manuskript, verhandelt für sie mit dem Verlag. Es sei ein Vorteil, dass sie jung sei und Bestseller zeichneten sich durch geläufige Metaphern und einfache Strickmuster aus, lässt er Mia wissen. Der allzu glatt verlaufende Plot und die teilweise klischierten Metaphern – der Kühlschrank ist zum Beispiel «gähnend leer» - wären demnach also intendiert.

Dass es überhaupt einen Teil «Zwei» des Buches, also das Tagebuch, gibt, wird damit begründet, dass der Lektor, der ihr erklärt, sie habe ein «Vexierbild mit Identitäten» geschaffen und sie «genial» nennt, gerne ein längeres Manuskript hätte. Die Rolle des Lektors, und durch ihn die Rolle des Verlages, werden von Andrea Gerster also auch explizit eingebracht in den Roman.

Fehlt noch die zweitletzte Instanz im Buchwerdungsprozess, die Presse. Diese hat ihren Auftritt in Teil «Drei», der aus einem nächtlichen Live-Chat mit einem Redakteur der Sonntagszeitung besteht. Darin ist Mia Dillig nur noch als Stimme der Autorin und mit ihrem Namen präsent. Sie treffe sich mit niemandem persönlich, erklärt sie der Sonntagszeitung. Ihre Art, mit der Öffentlichkeit umzugehen, vergleicht sie mit dem Tragen einer Burka. Sie habe Spass an der Imagination, nicht am Schreiben. Aufzulisten, wer nun real und wer fiktional sei in ihrem Buch, lehnt sie ab. Die letzte Frage der Sonntagszeitung verhallt unbeantwortet im Äther: «Wenn Sie Fiktion sind, Mia, wer hat dann dieses Buch geschrieben...?»

Nun ist die Reihe an der Leserschaft, der letzten Instanz. Sie ist nicht explizit einbezogen in Andrea Gersters postmodernes Spiel um den Entstehungsprozess von Literatur und somit frei in ihrem  Akt des Lesens. Dem Buch sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen, denn es bietet eine höchst vergnügliche und anregende Lektüre und die Möglichkeit, sich Bedeutungen auf allen Ebenen zu erschliessen.