Raben

Adrian Naef

Raben ist – nach An der Scheibe mit dem Fisch (2011) und Mohn (2013) – der dritte Gedichtband von Adrian Naef bei weissbooks.w. Wieder streift der Lyriker in die Natur, in die Welt und in die Geschichte hinaus. Dabei begegnet er Zeitgenossen wie Niklaus Meienberg (»Rasiert wird nach dem Sieg«), konfrontiert uns mit Rätseln, blickt auf Tomaten (die »Schwester der Kartoffel«) und Äpfel, besingt seinen Lieblingsvogel, die Möwe, den »Egoisten des Himmels«, und lockt uns, mit ihm zu reisen – mit »sechzehn Einwänden gegen den Rollkoffer«.
Mit seinen beiden ersten Gedichtbänden hat Adrian Naef gezeigt, dass er »noch immer der beste lebende Poet der Schweiz« ist, so Daniel Arnet in der Sonntagszeitung. Und fügte hinzu: »Ich freue mich auf seinen nächsten Höhenflug«. Dem Manne kann geholfen werden.

(Buchpräsentation weissbooks.w)

«Es war nicht gut, aber es war so»

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 08/04/2015

Raben sind Allesfresser, klug und vorsichtig, stets zur Stelle, wo es etwas zu mausen gibt. Insofern hat Adrian Naef seinem jüngsten Gedichtband eine treffende Überschrift verliehen. Die Palette seiner lyrischen Themen ist, gelinde gesagt, vielfältig. Im Grunde, macht es den Anschein, kann sich alles in ein Gedicht verwandeln, wenn der Dichter Naef es will. Er schreckt vor nichts zurück – zuletzt vor den Äpfeln der Erkenntnis, durch deren Verzehr die Menschheit dem biblischen Paradies entkam, auch wenn Eva den Adam dazu etwas schubsen musste. Ein Glück, oder Unglück?

Apple

Jener Biss
trieb Adam vom Garten
trieb Kain vom Acker
trieb Steve Jobs an die Börse

Man kann nicht sagen
dass es gut damit anfängt
Äpfel nicht zu Ende zu essen

Von Nebukadnezars Wüten über Hannibals Mut zur Niederlage und vom alten und («da war was faul mit diesem») neuen Testament bis hin zu Niklaus Meienberg unter seinem Motorradhelm und den kotzenden Idioten an südlichen Touristenstränden – nichts ist vor seiner Feder sicher. Mit fiebriger Handschrift wirft Adrian Naef Menschen, Geschichten, Dinge und Metaphern zusammen, um sie im lyrischen Erregungszustand neu zu bespiegeln. Natürlich kommen dabei auch die Liebe und alltägliche Trivialitäten nicht zu kurz. Shakespeare entpuppt sich als träge Katze, das Rezept wird vor dem Kochen verkocht, und der Rausch steht für «eine ganze Menge / nüchtern betrachtet».

So geht das dahin. Adrian Naefs Gedichte wirken belebend auf Geist und Lektüre. Insbesondere seine Vorliebe für das Paradox regt an. Es fängt sich in Worten, um klammheimlich die vermaledeite Lage zu offenbaren.

Gut, wir standen am Abgrund
aber wir machten Fortschritte

Sprachlich ist Naef ein unerschrockener Dichter, der weder frivole Wortspiele noch den emphatischen Ton auslässt. Gerade seine Verwegenheit erzeugt Verwunderliches. Unter der eindeutig zweideutigen Überschrift «Buchenwald» hebt er an mit volksliedhafter Arglosigkeit, um diese gleich in der zweiten Zeile schrill zu übertönen:

Guter Mond du stehst so stille
überm Lager, überm Draht
auch die Wipfel schweigen stoisch
Ach, wie ist die Welt Verrat

Die titelgebenden Raben kommen im nach ihnen benannten Band nicht vor, sie werden von den räuberischen Möwen («diese Egoisten des Himmels») stellvertreten. Ihnen tut es der Dichter nach:

Stehlen wie die Elstern
schreien wie Papageien
lachen wie Hyänen
hacken wie die Geier
gnadenlos wie das Licht
ihre Heimat

Adrian Naef dichtet in gebrochenen Langzeilen und im kurzen Stakkato, er mag das lyrische Aperçu und das epische Gedicht mit vielen Strophen unter römischen Nummerierungen. Er kalauert im Reim und achtet sorgfältig auf Rhythmus und Klang. Derart hält er zusammen, was kaum auf einen Nenner zu bringen ist – ausser dem vielleicht, dass in allen Zeilen stets listig ein Wille zum Disparaten und eine unbändige Vitalität zu spüren ist.

Diese Vitalität gipfelt in der letzten Abteilung des Bandes, worin der Tod seine Aufwartung macht. In Versen, die an Carl Michael Bellmans Fredmans Episteln erinnern («Trink aus dein Glas ! Der Tod – sieh – harret deiner») begegnen sich einträchtig Memento mori und Carpe diem: «Bisch länger tot als lebändig / drum gnüss es schtändig». Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Dichter hier zur intimeren Dialektsprache greift, die dem eigenen Leib und Leben unmittelbarer, näher steht.

Solange es indes der «Chlappermaa» zulässt, tanzt Adrian Naef poetisch auf den Tischen. Zum Glück und «wider jede Vernunft» wie es in gleichnamigen Gedicht heisst:

Wider jede Vernunft
nahmen die Schreiber die Feder
statt das Gelege
und schrieben es auf