Die Welt nach dem Kino

Christian Zehnder

»Leider kann man ja Liebe nicht teilen.«
Lorenz, einst Platzanweiser in einem Kino, arbeitet in einem Kopierladen. Als er das Tagebuch eines Diplomaten binden soll, hält er ein Exemplar für sich zurück und schenkt es ungelesen Iris, einer Jura-Studendin, in die er sich verliebt hat. Überraschend taucht Jonas, der Diplomat, wieder auf  - und entdeckt die verloren geglaubte Kopie bei Iris. Die geheimnisvolle Geschichte einer Ménage-à-trois, ein dichter, kluger Roman über Liebe, Freundschaft und die Passanten in unserem Leben.

(Klappentext dtv)

Recensione

di Liliane Studer

Pubblicato il 06/10/2014

Man muss solche Literatur lieben, und wer sie liebt, taucht ein und geniesst. Die Rede ist von Christian Zehnders zweitem Roman Die Welt nach dem Kino, erschienen wie sein erster, Julius, bei dtv premium. Woran liegt es, dass der Roman von den Medien kaum wahrgenommen wird? Bestimmt nicht nur daran, dass die Originalausgabe bereits in einem wenn auch renommierten Taschenbuchverlag erscheint und nicht als Hardcover, auch nicht daran, dass es ein «stilles Buch» ist. Vielmehr dürfte dieses Verschwinden darauf zurückzuführen sein, dass auch die Hauptfiguren immer wieder verschwinden, dass hier alles flüchtig ist, zufällig («Es gibt nur flüchtige Bekanntschaften», lesen wir denn auch einmal). Dinge ereignen sich so, sie könnten sich genauso gut anders ereignen, Menschen begegnen sich und verlieren sich gleichzeitig wieder aus den Augen. Etwas von einem Märchen hat der Text, die Sprache, haben die Geschichten, die erzählt werden. Nicht zufällig ist eines der Kapitel mit «Auch das Zuschauen ist ein Märchen» überschrieben.

Doch um was geht es denn? Zum einen ist da Lorenz, der ein unscheinbares Leben führt, zuerst als Platzanweiser im Kino, dann als Bibliothekar in einer russischen Bibliothek, wo er faszinierende Jahre erlebt, beinahe fünf sollen es werden, vor allem geprägt durch das Entziffern von Dostojewskis Jüngling  – das Werk liest er in der Originalsprache Wort für Wort, Satz für Satz und zunehmend auch abschnittweise, doch immer mithilfe des Wörterbuchs. Nachdem die Bibliothek aufgelöst worden ist, nimmt Lorenz eine Stelle an im Kopiergeschäft. Was früher ein grosser lebhafter Betrieb war, der nicht nur Kopieraufträge aller Art ausführte, sondern auch eine Papeterie mit feinsten Schreibwaren betrieb, ist nun geschrumpft auf ein kleines Geschäft in der Nähe des Bahnhofseiteneingangs. Der heisse Julitag, an dem ein Mann ein Tagebuch mit dem Titel «Moskau wird immer kleiner» bringt, um es fünfmal kopieren zu lassen, bedeutet schon fast etwas wie eine Wende in Lorenz’ Leben. Er übergibt dem Kunden vier Kopien und behält eine bei sich. Sie findet sich auf jenem Stapel in seiner Wohnung wieder, auf dem auch Iris’ Portemonnaie liegt. Iris ist Lehrerin, und Lorenz ist ihr bereits verschiedentlich begegnet, im Zug, später in der Einsiedelei, wo sie mit ihrer Klasse unterwegs war und Lorenz gleich als Helfer einsprang, dann erneut in der Schule, an der sie unterrichtet und wohin Lorenz ihr gefolgt ist. Hier nun könnte eine Liebesgeschichte anfangen – Lorenz könnte sich tatsächlich verlieben –, wenn das mit der Liebe so einfach wäre. Doch bekanntlich ist es das nicht. Das Tagebuch, das Lorenz Iris überreicht, wäre eine mögliche Brücke zwischen ihnen. Doch da taucht bald der Verfasser Jonas auf und findet die verloren geglaubte Kopie bei Iris. Damit beginnt eine Dreiecksbeziehung – wobei sich die Protagonistin und die Protagonisten immer mehr in der Realität wie in der Märchenwelt, in der Wunschwelt verstricken. Denn da gibt es auch noch David, in den Iris mal sehr verliebt war, ebenso Sonia, bei der Iris in Untermiete lebte und die vielleicht die einzige Person in Iris’ Leben ist, zu der sie etwas wie Vertrauen aufbauen konnte. Auch wenn sich da gleich die Frage stellt, wie denn Vertrauen bei Menschen aussieht, die keine Nähe dulden können und trotzdem in der Kälte frieren.

Christian Zehnders Roman ist zwar bereits im vergangenen Frühjahr erschienen, doch er ist eindeutig ein Herbstbuch. Voller Melancholie passt er ausgezeichnet zu nebligen Tagen, und man freut sich umso mehr, wenn dann die Sonne durchdringt. Und taucht freudig ein in eine märchenhafte Geschichte, geschrieben in einer fast beiläufigen Sprache. Eine umso aufmerksamere Lektüre ist erforderlich, um die Geheimnisse um Lorenz, Iris und Jonas zu entdecken.