Seltsame Schleife

Rolf Niederhauser

Pit Dörflinger, 32, glaubt, dass er einen Menschen getötet hat. Nur verworren allerdings erinnert er sich an die Umstände.
Von Cambridge, Massachusetts, aus, wo er am M.I.T. in einem Artificial-Life-Projekt mitarbeitet, das die elementaren Funktionsprinzipien des menschlichen Bewusstseins rekronstruieren soll, hat er sich auf die weite Reise nach Texas gemacht, um mit seiner Freundin und deren Eltern Weihnachten zu feiern. Ein Telefonat wirft ihn aus der Bahn, er landet bei einem Freund in Mexiko, von wo es ihn weiter nach Kolumbien treibt. Dort verliebt er sich in eine Ex-Guerillera, in deren Leben es erstaunliche Parallelen zu seinem eigenen gibt. Unversehens gerät er in den Sog einer Bewusstseinsforschung ganz anderer Art, die ihn zurück in die Kindheit führt und seine Identität immer fragwürdiger erscheinen lässt. Dörflinger muss sich den Fakten stellen. Nur – was sind die Fakten?
Mit seinem gross angelegten, kühn konstruierten Roman »Seltsame Schleife«, der auch in seiner Form eigenwillig daherkommt, meldet sich Rolf Niederhauser nach über zwanzig Jahren Schweigen auf beeindruckende Weise zurück.

(Buchpräsentation Rotpunktverlag 2014)

Endlose Reise um den blinden Fleck

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 03/11/2014

Ein Telefonat und eine Abzweigung – schon hat Pit Dörflinger seine gewohnte Lebensroutine verlassen und unwegsames Gelände betreten. Nach dem spontanen Entscheid kurz vor Weihnachten 1996 wird für ihn nichts mehr sein, wie es war.
Der 32-jährige Nicolàs (Pit) Dörflinger forscht am MIT in Cambridge (Mass.) als Mathematiker mit Spezialgebiet Artificial Life. Er arbeitet an einem intelligenten Roboter, der ein alltägliches «Verhalten» erlernen soll, inklusive der Überwindung von Hindernissen ohne fremde Hilfe. Diese Zielsetzung öffnet einen weiten Horizont – oder eine Pandorabüchse, je nach Standpunkt. Dörflinger fragt nach der Beschaffenheit des Bewusstseins, das den Menschen konstituiert. Ein solches Wissen wäre bei der Arbeit am Künstlichen Leben miteinzubeziehen. Das ist freilich Zukunftsmusik, denn zuerst stellt sich Dörflinger die Bewusstseinsfrage ganz persönlich.
Indem er aus seinem bisherigen Leben ausbricht, seine Freundin Lilith und ihre Familie in Texas warten lässt, begibt er sich unwillkürlich in eine tiefere Schicht seiner Existenz. Zusammen mit dem Jugendfreund Guido, den er spontan in Mexiko besucht, reist er auf die Galapagos-Inseln, um auf der Rückreise allein den beschwerlichen und gefährlichen Landweg über Kolumbien einzuschlagen. Dabei wird er konfrontiert mit einem gänzlich fremden Lebensalltag in den Dörfern. Er reist im Bus über holprige Strassen und bleibt in einer abgelegenen Siedlung an einem Fluss stecken, in Erwartung des ausbleibenden Bananenschiffs. Gewissermassen als Zuflucht und zum Selbstschutz notiert er fortlaufend in sein Notebook, was er erlebt und erinnert, um davon ausgehend sein Nachdenken über Wahrnehmung und Bewusstsein zu vertiefen. In einem Ort namens San Agustin begegnet er einer präkolumbianischen Skulptur, dem «Doble Yo» (Doppeltes Ich). Dieser Clanfetisch zeigt eine Menschengestalt, der eine tierische Figur auf der Schulter hockt. Sie wird für Dörflinger zur Metapher seines Nachdenkens. Menschliches Bewusstsein heisst nichts anderes, als sich selbst über die Schulter zu blicken. Ganz so einfach ist es dennoch nicht. Je weiter die Reise ins Innere Kolumbiens dauert, umso dichter mäandern die Reflexionen. Und umso mehr gerät er, vorerst ohne es zu ahnen, ins Epizentrum des eigenen Bewusstseins, erst recht, als er Flor Marina Aléman begegnet. Irgend etwas an dieser fremden Frau zieht ihn intuitiv an, als er sie auf einer Strasse in Bogotà zum ersten Mal erblickt. Dörflinger schliesst sich Flor Marina auf ihrer Reise nach Medellin an, sie wiederum geht auf sein Nachdenken über das Bewusstsein ein, indem sie die Sprache als prägende Kraft mit ins Spiel bringt.

«Der mensch dagegen kann erkennen was er nicht erkennt.» Er vermag die Lücke zwischen Innenwelt und Aussenwelt wahrzunehmen und (scheinbar) zu überbrücken. Das könnte ein Lösungsansatz sein für die Frage nach dem menschlichen Bewusstsein. Zugleich bleibt diese Lücke konstitutiv für dieses Bewusstsein.
Davon erzählt Seltsame Schleife. Der Roman mäandert erzählend und diskursiv zwischen Nicht-Erkennen und Erkennen, er ist Road Movie und Diskursroman in einem. Nach und nach offenbart sich in ihm eine Lücke, die Flor Marina und Dörflinger miteinander verbindet. Er kennt seine Mutter nicht, sie nicht ihren Vater. Im Bewusstsein, dass «auch das zufällige nie ohne grund geschieht», beginnt Dörflinger Zeichen um Zeichen zu erahnen, dass beiderlei miteinander zu tun haben könnte:

«Was ich zu sagen versuchte, war dass auch das zufällige nie ohne grund geschieht. Nicht alles unvorhersehbare ist unberechenbar. Im arrangement komplexer interaktionen ist zufall nur ein anderes wort für mangelnde information. dass wir uns begegnet waren, rein zufällig und dabei doch verbunden durch ein verwandtes schicksal, war erstaunlich; doch warum sollte  nicht eben diese ähnlichkeit von anfang an der grund dafür gewesen sein, dass aus dem zufälligen ereignis eine begegnung wurde?»

Seltsame Schleife ist ein fulminanter, breit angelegter Roman, in dem Erzählung, Form und Diskurs miteinander zur Deckung gelangen. Niederhauser erzählt von einer biographischen Lücke, die sich im Diskurs über Sprache, Wahrnehmung und menschliches Bewusstsein widerspiegelt und virtuos aufgehoben findet.
Die Lektüre-Spannung resultiert daraus, dass sich immer deutlicher herausschält, wie Dörflingers Abstecher nach Kolumbien einer rite de passage gleichkommt, die sein Leben verändert, ja umkrempelt. Die Lücke ist ein Antrieb zum diskursiven Nachdenken, in dem Dörflinger gleichsam gefangen ist und in das er auch Flor Marina mit hinein zieht.
In seiner Arbeit am MIT versucht er einer künstlichen Kreatur beizubringen, dass sie bottom up die Evolution nachbildend ein ungesteuertes «künstliches Leben» entwickelt. Aus kleinen Fehlern lernend würde sie zunehmend selbständig werden. Dabei freilich «lügt» sich Dörflinger darüber hinweg, dass dem Unternehmen die top down-Idee der artifiziellen Machbarkeit zugrunde liegt. Innenwelt und Aussenwelt, Bewusstsein und Wissen, Sprache und Idee, Wirklichkeit und Möglichkeiten: zwischen diesen Polen findet sich stets eine Lücke, die sich eingrenzen, doch nicht restlos (er)schliessen lässt. Ein unübersteigbarer Horizont versperrt dem Menschen die Sicht aufs All-Ganze. Vielleicht macht ihn gerade das zum Menschen. Ein künstliches Leben mag es geben, es würde womöglich aber anders als das menschliche sein.

Rolf Niederhauser legt, als Produkt von zwanzig Jahren Arbeit, ein ausserordentlich komplexes, zugleich subtil komponiertes und spannend lesbares Buch vor. Alles steckt da mit drin: Landschaften, Gefühle, Reflexionen, Politik, Wissenschaft und Zeitgeist der späten 1990er Jahre. Hinzu kommt eine behutsam erzählte, berührende Liebesgeschichte. Dörflinger begleitet Flor Marina in ein Dorf am Meer, um mit ihr von da aus zu Fuss über die Grenze nach Panama zu gelangen. Der Trip durch den unwegsamen Urwald ist nicht nur beschwerlich, sondern auch gefährlich. In Kolumbien agieren in jenen Jahren mehrere Guerillagruppen, zu einer von ihnen hat auch Flor Marina gehört. Mit ihrer Begleitung gelingt die Passage. Dabei kommen sie sich näher und gleichzeitig abhanden. Der blinde Fleck nistet sich zwischen ihnen ein.
Niederhausers Roman fällt allein schon äusserlich auf, indem es von zwei Seiten her lesbar ist. Als Leser folgen wir dem Text auf den rechten Seiten des aufgeschlagenen Buches, um am Ende (in der Textmitte) das Buch um 180 Grad zu drehen, und abermals auf den rechten Seiten zum Anfang zurück zu kehren. «Die Reise» respektive «Die Rückkehr» sind die beiden Teile überschrieben – damit signalisierend, dass es sich dabei nicht um eine blosse Manier handelt. Der Text verschlauft sich förmlich ineinander und löst so das Versprechen seines Titels formal ein: Seltsame Schleife.
Hinter diesem Begriff steckt das sogenannte «Möbiusband». (Ein Papierstreifen wird ringförmig gebogen und vor dem Zusammenkleben am einen Ende um 180 Grad gedreht.) Dieses Band bildet flächenmässig ein Kontinuum, mit einem Bleistift lässt sich ohne abzusetzen mit ienem einzigen Strich Vorder- und Rückseite beschreiben.
Doch wie jede Schleife dreht sich das Möbiusband um eine Leerstelle in der Mitte. Indem hier Form, Inhalt und tiefere Bedeutung auf verblüffende raffinierte Weise miteinander zur Deckung gelangen, wird Literatur zum Erkenntnisinstrument für die erzählten Figuren wie für die Leser und Leserinnen. Wir lesen im Kreis herum, um darin den Riss in der Schicksalslinie, die Lücke zwischen Projektion und Wirklichkeit, den biographischen blinden Fleck deutlicher wahrzunehmen.
Dabei bewegen wir uns auch erzähltechnisch auf einem Möbiusband. Zum einen wechselt die Erzählebene beständig zwischen einem auktorialen Erzähler (dessen Text in der üblichen Orthographie gehalten ist) und den Notaten Dörflingers (die mit Kleinschrift und mit englisch-spanischen Einsprengseln markiert sind). Der Erzähler schaut dem Helden über die Schulter, vergleichbar der Doble Yo-Figur, und ergänzt dessen subjektive Sicht auf die Dinge. Zum anderen changiert der Text beständig zwischen den erzählten Zeiten und gibt so, das narrative Möbiusband chronologisch perforierend, zu erkennen, dass die zeitweise auseinander driftenden Ereignisse sich letztlich um einen gemeinsamen Kern drehen. Rolf Niederhauser erzählt in epischer Breite, anschaulich, lebendig, präzise und psychologisch glaubhaft, wobei die Handlung stets reflexiv rückgekoppelt ist – und umgekehrt. Dörflingers Aufzeichnungen sind – eine déformation professionelle – geprägt durch eine «data procesing» Rhetorik, die den Mathematiker und Forscher verrät.
Allerdings sind auch grosse Würfe nie ganz vor Makeln gefeit. Der Autor zollt dem Wagnis für seine radikale Umsetzung insofern Tribut, als die Reflexionen über Bewusstsein und Sprache zeitweise einen Abstraktionsgrad erreichen, der – aus der Leseroptik – nur mehr schwer nachvollziehbar ist. Im Unterschied zu einem gebündelten Essay, der das Thema fortlaufend entwickelt, werden diese Reflexionen hier permanent durch die anderen Erzählstränge unterbrochen. Die diskursive Erweiterung ist einleuchtend, wo die Reflexion ans konkrete Erleben und Beobachten angebunden ist. Wo sie sich aber mäandernd und suchend ins Dazwischen der Nicht-Anwesenheit und Nicht-Erkennbarkeit begibt, bleibt sie zuweilen erratisch und dunkel. In dem Punkt hat Rolf Niederhauser, der sich leidenschaftlich mit der Materie auseinandergesetzt hat, die Anforderungen der Rezeptionsökonomie etwas ausser Acht gelassen. Er mutet seiner Leserschaft viel zu. So braucht es auch beim Lesen hin und wieder den Mut zur Wahrnehmungslücke.
Metaphorische Hilfe offeriert immerhin der Doble yo. Dörflinger selbst kann sich dieser «doble-yo routine» je länger desto weniger entziehen. Das Rätsel um seine Mutter findet schliesslich eine Lösung, die für ihn gänzlich unbefriedigend ist. So zieht Dörflinger die Konsequenz und verschwindet aus der Geschichte, unter Hinterlassung seiner Notizen, auf die der Erzähler fünf Jahre später stösst. Die Suche nach restloser Gewissheit muss eine Lücke hinterlassen.
Rolf Niederhauser ist ein ambitionierter Wurf gelungen, der nicht gleich alle Geheimnisse preisgibt. So kann diese Reise der Selbsterforschung am Ende wieder von vorne beginnen. Man braucht dafür bloss das Buch neuerlich zu drehen.

Rassegna stampa (selezione)

«Rolf Niederhauser hat sich mit diesem ambitionierten Roman, der verschiedenen Erzählperspektiven sowie Voraus- und Rückblenden einsetzt, nach über zwanzig Jahren Schweigen zurückgemeldet. Seine Hauptfigur siedelt er im Spannungsfeld der Extreme zwischen den beiden Polen Artifical Life und dem sinnlichen, prallen Leben Lateinamerikas an. Allerdings schnüren die schier endlosen theoretischen Ergüsse Dörflingers über künstliche Intelligenz, neuro­nale Netzwerke und autonome Roboter dem streckenweise durchaus packenden narrativen Bewusstseinsstrom zusehends die Luft ab.» (Alexander Sury, Tages-Anzeiger, 22.08.2014)