Schlafgänger

Dorothee Elmiger

An anderer Stelle, fuhr der Student fort
       und zog einen Zettel zwischen den Buchseiten hervor
  werden die Schlafgänger als flüchtige Existenzen bezeichnet,
       auf die stets das Augenmerk der Polizei gerichtet war.

 

(Dorothee Elmiger, Schlafgänger, DuMont, 2014)

Schlafwandler und Grenzgänger

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 11/09/2014

Schlafgänger sind Menschen, die sich für ihren Schlaf kein Bett leisten können, sondern ein Bett mit anderen teilen. Darin schlafen sie abwechslungsweise – je nach Arbeitsschicht tags oder nachts. Davon kündet auch die Schweizer Sozialgeschichte. In den Schlafgängern fallen auch Schlafwandler und Grenzgänger zusammen. Alle drei gleichen sie Gespenstern im reibungslosen Funktionieren des Alltags. Deshalb erregen sie Misstrauen.

Am Tag zuvor, sagte die Übersetzerin, habe sie ihr Zimmer betreten und sich hingelegt, ich lag da mit geschlossenen Augen, sagte sie, und es wurde leise, nur vereinzelte Geräusche stellten sich aber geradezu klar und deutlich heraus. Kurz bevor ich einschlief, hörte ich ein leises Läuten, oder täuschte ich mich, es war ungefähr dreizehn Uhr.

Durch die Optik dieser Schlafgänger lässt sich die Welt anders wahrnehmen. Das demonstriert uns Dorothee Elmigers Roman. Was wir Wirklichkeit nenne, liegt hinter einer opaken Folie, es wird uns sprachlich von Menschen vermittelt, die davon erzählen. Die Forderung nach Objektivität beantworten diese mit der Zerbrechlichkeit ihrer eigenen Erfahrungen und Emotionen.

Sie sind weit gereist, über den Atlantik bis in den Westen der USA, oder rings um ihr eigenes Zimmer. Der Logistiker, die Übersetzerin, Fortunat, die Schriftstellerin, der Journalist oder A.L. Erika erzählen sich Geschichten vom Ein- und Auswandern. Sie tauschen Erfahrungen über Grenzen aus und appellieren an utopische Ideale wie jene von Charles Fourier. Grenzen verbinden und trennen. Die einen können sie traumwandlerisch überqueren, wogegen die andern oft an der befestigten Realität scheitern: zwei Seiten derselben Medaille.

Dorothee Elmigers Roman erzeugt ein facettenreiches Kaleidoskop, das wie ein Filter die Wirklichkeit verfremdet und kenntlich macht. Sie formt das Sprechen über die Grenze zu einem vielstimmigen Chor, der die ebenso virtuose wie subtile Sprachartistin und Arrangeurin verrät. Schlafgänger – wie schon ihr Erstling Einladung an die Waghalsigen von 2010 – bringt einen unverwechselbar eigenen Ton in die deutschsprachige Literatur. Dorothee Elmiger eröffnet ein schwebendes Verfahren, das träumerische Leichtigkeit ebenso wie skeptische Aufmerksamkeit mit einschliesst. Ihre Träume sind Wachträume, in denen sich eine kühle, mitunter brutale Realität spiegelt. Bei aller Poesie und bei aller Verträumtheit, Schlafgänger ist so auch ein Buch über die brennenden Fragen von Vertreibung, Flucht, Migration und polizeilicher Gewalt an den anstössigen Grenzen. Eine Gruppe von Sprechenden geben verdrängte Erfahrungen preis, ob denen sie nicht bloss Unbehagen verspüren, sondern daran auch leiden: schlaflos, schreibgehemmt. Kontrapunktische Zitate im lakonischen Stil der administrativen Verlautbarung oder Vollzugsmeldung mischen sich – typographisch markiert – in die Gespräche und verleihen ihnen eine brisante Dimension. Was genau wäre unter der «Rückkehrfähigkeit von Asylsuchenden» zu verstehen?

Dorothee Elmigers Prosa ruft eine schillernde Fülle an Referenzen und Zitaten auf. Géricaults «Floss der Medusa» taucht darin auf, Walt Whitmans Poesie, Gordon Jenkins «Crescent City Blues» oder das Leben des ausgewanderten Insektenforschers und Utopisten Jakob Boll, der in Dallas / Texas seine Spuren hinterlassen hatte. Besondere Aufmerksamkeit wird dem 1975 im Atlantik verschollenen Künstler Bas Jan Ader zuteil. Er hatte sein Werk der «Gravity Art» gewidmet: dem Fallen. Videos zeigen ihn, wie er auf einem Dachfirst vom Stuhl kippt, die Dachschräge hinab rollt und hinter einem Busch zu Boden stürzt; oder wie er schnurstracks mit dem Fahrrad in eine Amsterdamer Gracht fällt. Doch Bas Jan Ader inszeniert sich nicht als reines Opfer der Schwerkraft: er lässt sich fallen.

Zum Fallen gehört das Loslassen! Darin besteht die Kunst.

Aufrichtig ist nicht, wer sich zwanghaft aufrecht hält. Dorothee Elmigers Figuren reflektieren diesen prekären Zustand auf der Grenze. Ihr Schweben ist nicht vor dem Absturz gefeit, doch sie vermögen los zu lassen.

Auch davon handelt dieses verwunderliche Buch. Wer es liest, und sich ihm ergibt, muss selbst in einen solchen Zustand der Un-Ruhe eintauchen, muss sich vertrauensvoll von der schwebenden Prosa, von dem Chor der Stimmen tragen lassen.

Wie lässt sich über Gespenster sprechen, deren Erfahrungen undenkbar sind? Dorothee Elmiger hat dafür einen zauberhaften Erkenntnisfilter gefunden. Schlafgänger gelingt es, ein kollektives Unbehagen aufzuspüren und in eine poetische Sprache zu übersetzen, die den politischen Kern – und zugleich ins Herz trifft.

 

Rassegna stampa (selezione)

Trotz der schlichten Konstellation der Tischrunde fällt die Lektüre nicht leicht. Denn der Leser muss sich immer wieder aufs Neue vergewissern, wer eigentlich das Wort hat. Zumal die Figuren immer wieder abschweifen und ihre Argumentation mit Erlebnissen früherer Reisen und Arbeiten abgleichen. Elmiger betreibt in ihrem Roman, der ohne Anführungszeichen auskommt, ein virtuoses Wechselspiel mit der Ichperspektive. [...] Elminger gelingt ein Buch, in dem sich die Sphären der Politik und der Poesie funkelnd überlagern. Es ist ein brillanter Diskussionsbeitrag zu den alles bestimmenden Fragen des Reindürfens und Rausmüssens. (Linus Schöpfer, Tages Anzeiger, 11. 03. 2014)

Schlafgänger ist ein artifizielles, trotz aller Geschichten und Anekdoten abstrakt und kühl wirkendes, auf merkwürdige Weise zerrissenes Buch. [...] Konsistenz und Kontingenz stehen in einem prekären Verhältnis. In dieser Spannung verharrt man, mal genervt, mal aufgeschreckt, das macht die Lektüre interessant, anstrengend, verwirrend. (Ulrich Rüdenauer, Süddeutsche Zeitung, 12.03. 2014)

In Schlafgänger wird noch immer nach neuen Lebensformen gesucht – vom utopischen Sozialismus ist gelegentlich die Rede –, aber auf ProtagonistInnen, an denen sie sich orientieren könnten, müssen die LeserInnen verzichten. Die Erfahrung, die beim Lesen zu machen ist, ist einmalig. Durststrecken gibt es auch, weil die Form keine Entwicklung erlaubt. Zum Schluss sei die These gewagt, dass Lesende auch das noch bräuchten: ein sich zuspitzendes Geschehen. (Felix Schneider, WoZ, 13. 03. 2014)

Das Atmosphärische der Gespräche sollte man nicht unterschätzen. Ohnehin ist Elmiger keine Theoretikerin. Ihr Plan könnte vielmehr darin bestehen, nicht nur von etwas zu erzählen, sondern das Erzählte in der literarischen Form selbst entstehen zu lassen. (Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 24. 03. 2014)

Nach ihrem klug-versponnenen Debüt Einladung an die Waghalsigen entwirft Elmiger hier, nicht minder waghalsig, ein dichtes, mitunter undurchschaubar verwickeltes Geflecht von Stimmen – fernab aller Figurenpsychologie, unter Verzicht auf eine klare Handlung und voll perspektivischer Brechungen (Tobias Lehmkuhl, Die Zeit, 26. 03. 2014)

Dorothee Elmiger verbindet gedankliche Schärfe mit politischem Bewusstsein, ohne je didaktisch zu sein. Und zeigt uns die Welt als jenes «komplizierte Gebäude», von dem die Figuren immerzu sprechen. (Nico Bleutge, NZZ, 15. 04. 2014)

Auch wenn man durch das variierende Wiederholen von Szenen und Motiven, die von unterschiedlichen Sprechern vorgetragen werden, hin und wieder choreographische Elemente in ihrer Diskursmontage ausmachen kann, widerfährt diesem Text doch etwas Ähnliches wie den Menschen, die er zum Gegenstand hat: Er wird in einem Maße seiner Körperlichkeit, seiner natürlichen Sinnlichkeit beraubt, dass er sich vor dem Leser aufzulösen droht.

 (Wiebke Porombka, FAZ, 09. 08. 2014)