Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin

Heinz Helle

«Vielleicht werden sie eines Tages herausfinden, was es bedeutet, ich zu sein. Dann werden sie sagen: Wir wissen, was Bewusstsein ist. Sie werden endlich die Kontrolle bekommen über das Ich. Dann werde ich hingehen zu ihnen und sagen: Ich darf nicht aufhören, sie zu lieben, nichemals. Können sie da was machen?»

(Heinz Helle, Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin. Berlin: Suhrkamp, 2014)

Virtuose Unterkühlung

di Alexandra von Arx

Pubblicato il 10/03/2014

Ohne damit Maxim Billers im Februar in der Zeit* formulierter These zustimmen zu wollen, so trifft auf den Debütroman von Heinz Helle doch weitgehend zu, was Biller als den «kalten, leeren Suhrkamp-Ton» bezeichnet. Nicht nur besteht Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin aus der permanenten Selbstreflexion eines jungen Mannes in Verpackung eines analytisch-distanzierten Gedankenstroms, der Protagonist ist zudem auch noch einer dieser Helden, wie Biller sie Helles Verlagshaus prototypisch zuschreibt: «relativ unglückliche, gesichtslose Großstadtbewohner mit nichtssagenden Nuller-Jahre-Vornamen, mit Liebes- und Arbeitsproblemen, ohne Selbstbewusstsein und festes Einkommen». Zwar bleibt der Erzähler bei Helle gleich gänzlich namenlos, ist aber für ein Gastsemester an der City University in New York. Dort widmet er sich der philosophischen Fragestellung, wie sich Bewusstsein erklären lässt. Damit kommt er allerdings ebenso wenig zu einer befriedigenden Lösung, wie mit seinem persönlichen Problem, das er folgendermassen umschreibt: «Ich liebe eine Frau, aber ich glaube, ich werde irgendwann aufhören, sie zu lieben, und ich lehne eine Welt ab, in der das möglich ist.»

Mit diesem prognostischen Wissen und einem daran bereits wund geriebenen Herzen dreht er seine (Gedanken-)Kreise, begehrt viele fremde Frauen und schläft auch mit ihnen. «Nicht weil mein Herz hart ist, sondern zu weich, viel zu weich, ein Schwamm, eine Wolke am grauen Himmel,» begründet er sein Verhalten. Und auch damit, dass es letztlich halt doch immer irgendwie um «die Erhaltung der Art» geht. Daran vermag der Besuch seiner Freundin in New York nichts mehr zu ändern. Sie unternehmen zwar viel, treffen Freunde, gehen zusammen auf Partys, besichtigen Sehenswürdigkeiten und reden sich gut zu, schaffen es aber nicht, wieder eine Verbindung zueinander herzustellen. Vorbei sind die unbeschwerten Tage des Glücks in der Zweisamkeit. Ihre Beziehung gleicht nur noch einer leeren Hülle.

Das mag sich trostlos anhören, die Lektüre jedoch ist es nicht. Mit einnehmender Entspanntheit spielt Helle auf der Klaviatur der Stilmittel. Ob er sie am Literaturinstitut in Biel so tadellos gelernt hat? Es gibt in seinem 160-Seiten kurzen inneren Monolog aneinandergereihte Hyperbeobachtungen, verspielte Ironisierung von Klischees, überraschende Brüche und erfrischende Assoziationen. Und viel Rhythmus. Jeder Satzaufbau ist streng getaktet. Worte werden wiederholt, zu Satztürmen aufgestapelt und dann einfach wieder umgeworfen. Das ergibt einen wunderbar unaufhaltsamen Lesefluss, der schon in Klagenfurt 2013 positiv auffiel und dem in Biel wohnhaften Autor den Ernst-Willner-Preis eintrug. «Kalt und leer» mag auf diesen Roman zwar zutreffen; virtuos aber ebenfalls.

*http://www.zeit.de/2014/09/deutsche-gegenwartsliteratur-maxim-biller