Die Luke

Andri Perl

Der zwanzigste September

In diesen lichten Tagen nach einem lichten Sommer ist er in die Vergessenheit der Stadt geraten, schläft er tief unten auf dem Grund des Sees. Schon morgen aber kann er erwachen: der Nebel. Wie eine trittunsichere Amphibie nach der Verwandlung wird er seinen nassen Schlupfwinkel zunächst kaum verlassen und sich nur in der Dämmerung zeigen. Einzelne Schwaden in der Frühe, am Abend, entlang der Gewässer. Nicht der Rede wert. Bald allerdings gleichen sich Tag und Nacht, und je länger die Nächte dauern, desto schwächer wärmt die Sonne die Landschaft zwischen den Hügelketten, desto eher sättigt Feuchtigkeit die Atmosphäre. Nun braucht bloß noch lauere Meeresluft aus dem Süden auf die kühlen, bodennahen Luftschichten zu sinken, damit der Himmel für Wochen verschwindet. Dass das schöne Wetter anhält, kann natürlich auch sein; sogar bis in den Oktober hinein könnte es sich vor der kommenden Kaltfront retten, vermuten die Meteorologen vom staatlichen Fernsehen. Und sind die Blätter der Bäume nicht noch ziemlich grün? Die Wespen nicht immer noch ärgerlich flügge? Dringt die Helligkeit nicht immer noch früh durchs Wohnzimmerfenster, so wie jetzt? - Doch, aber man darf ihm einfach nicht trauen, dem Nebel, erst recht nicht während seiner Absenz.

(Andri Perl, Die Luke, Salis Verlag)

Ein buntes Mosaik

di Alexandra von Arx

Pubblicato il 06/01/2014

Drei Wochen, zwei Gegenstände und ein Haus: Daraus hat Andri Perl den leichtfüssigen, kriminalistisch angehauchten Roman Die Luke geschrieben. Er dreht sich um die Ereignisse in einem Mietshaus, wobei – wie der Titel sagt – insbesondere eine Luke im Keller, die in einen ehemaligen Fluchttunnel mündet, eine tragende Rolle spielt. Der Roman ist in 21 Kapitel gegliedert. Jedes Kapitel entspricht einem Tag. Die Geschichte beginnt am zwanzigsten September. Es ist der Tag, an dem der Antiquitätenhändler Ottavio Solari stirbt. Beim Packen für seine Reise nach Brasilien stürzt er unglücklich von einem Stuhl und bricht sich das Genick. Hans Segmüller, der nicht nur so etwas wie ein Freund von Ottavio war, sondern auch sein Nachbar und zugleich der Hauswart des Mietshauses ist, findet ihn, denn er hat den Auftrag gefasst, während der Ferienabwesenheit die Pflanzen zu giessen. Als er am vierundzwanzigsten September Ottavios Wohnungstür öffnet, sticht ihm ein übler Gestank in die Nase. Im Schlafzimmer liegt der verwesende Leichnam.

Viele Figuren bevölkern diesen Roman. Sie alle werden mit kurzen Einblicken in ihren Alltag vorgestellt. Ottavios Tod führt sie zusammen. Da ist beispielsweise Aldo, der Bruder des Verstorbenen, der mit seiner Frau Marlis einen gemütlichen Lebensabend in einem abgelegenen Häuschen verbringt. Dass er nun von Ottavio ein beträchtliches Vermögen erbt, obwohl er im Streit mit ihm lebte, verwirrt und beunruhigt ihn. Steckt dahinter etwa ein perfider Plan? Wird er mit dem Geld in die unlauteren Geschäfte seines Bruders hineingezogen? Auch Hans, der Hauswart stellt sich nach dem plötzlichen Tod seines Freundes einige Fragen – allerdings eher persönlicher Art. Er beginnt sich einzugestehen, dass er unglücklich ist. Seit dem Ertrinkungstod seiner Frau ist er überfordert; nicht nur mit dem Berufsleben, auch mit der Erziehung und Betreuung seines Sohnes. Um der sich ausbreitenden inneren Leere zu entkommen, beschliesst er den Ausbruch. Er wählt den Weg «durch das Dunkel ans Licht», das heisst er nimmt durch die Luke und den damit verbundenen Fluchttunnel Reissaus und verschwindet für eine gewisse Zeit in den Wäldern. Seinen sechszehnjährigen Sohn, der zwischen schulischem Ehrgeiz, sexuellem Erwachen und Freundeskreis hin und her gerissen ist, lässt er zurück. Ebenso die Arbeit, die fortan von der unkomplizierten Ruth übernommen wird. Alle diese unterschiedlichen Charaktere fügen sich in Die Luke zu einem bunten Mosaik zusammen, das verschiedene Generationen, Lebenshaltungen und –formen abbildet. Der bald 30-jährige Bündner Autor meistert die damit verbundenen häufigen Wechsel von Setting und Figurenfokus souverän. Nur die Sprachgestaltung bewegt sich zwischendurch etwas orientierungslos zwischen überhöhtem Romantizismus und trocken-präzisem Beschrieb – ohne dass hinter diesen Wechseln jedoch eine Aussage ersichtlich würde. So zeigt sich beispielsweise im Tonfall eine gewisse Unsicherheit. Als Hans durch ein menschenleeres Dorf streift, wünscht er sich «irgendwoher erklänge eine Sirene oder eine Flasche ginge zu Bruch, sodass nicht alles Leben von ihm allein abhinge. Ist ja unerträglich, diese Verantwortung.» Ob Hans mit seinem Burn-out in diesem Moment tatsächlich zu dieser humoristischen Ironie fähig ist, sei hier in Frage gestellt. Insgesamt aber ist Andri Perl mit seinem zweiten Roman ein runder, abwechslungsreicher und inhaltlich spannender Text gelungen, der geschickt Fragen aufwirft und sich erlaubt, nicht alle zu beantworten. Und die zwei Gegenstände? Es sind eine Statue und ein Rucksack.