Wünsche

Judith Kuckart

Silvester in einer kleinen Stadt: Vera geht schwimmen. Es ist ihr 46. Geburtstag, zu Hause warten wie jedes Jahr ihr Mann, ihr Sohn und ihre Freunde, um gemeinsam zu feiern. Da findet sie im Schwimmbad den Ausweis einer anderen Frau und haut ab. Nach London, wo sie sich mehr erhofft, als ihr bisheriges Leben ihr bieten konnte. Am selben Tag feiert Friedrich Wünsche die Wiedereröffnung seines Warenhauses. Er hat es geerbt und hegt große Träume.
Was wäre ein besserer Ort für Utopien als das »Haus Wünsche«? ›Wünsche‹ erkundet, ob ein besseres Leben möglich wäre. Ob man nach dem Neuanfang ein anderer ist – oder nur um eine Lebenslüge leichter. Vera und die anderen Geburtstagsgäste, die sich einen Silvesterabend lang Sorgen um sie machen, erwartet ein Jahr voller Veränderung.

(Klappentext DuMont Buchverlag)

Recensione

di Liliane Studer

Pubblicato il 27/08/2013

Wünsche – so heisst das Warenhaus, das Friedrich und seine Schwester Meret geerbt haben und nun wieder eröffnen. Warenhaus Wünsche, nach ihrem Nachnamen benannt, der ein besseres Leben verheisst, der die Wünsche zu erfüllen verspricht, die Wünsche von einem Leben, das einiges mehr enthält als dieser ganz gewöhnliche Alltag in der kleinen Stadt. Von einem solchen Leben träumt auch Vera, als sie an diesem Silvestermorgen ins Hallenbad geht, sich dort die Tasche einer Salomé Schneider nimmt und damit eine neue Identität. Sie will nicht länger Vera Conrad sein, die Mutter von Jo, die Ehefrau von Karatsch, der eigentlich Franz-Josef Kreitel heisst. Und schon gar nicht will sie Silvester feiern wie jedes Jahr, der zusammenfällt mit ihrem Geburtstag, es ist der sechsundvierzigste, mit Film und Mettbrötchen. Denn das kann doch nicht das Leben sein.

Vera kam als junges Mädchen zu Karatsch und dessen Frau, die früh starb. Vera war das Pflegekind des Paars, später wurde sie Karatschs Ehefrau, alles ganz selbstverständlich. Auch das Kind, Jo, der vielleicht nicht Karatschs Sohn ist. Und nun zusammen mit ihm übrig bleibt und die Gäste bedient, wie jedes Jahr mit Filmvorführung und Mettbrötchen.

Während die Freundinnen und Bekannten immer wieder nach Vera fragen, ist diese längst in London eingetroffen, zum ersten Mal richtig allein mit fremdem Namen und in fremden Kleidern, die sie um Jahre jünger machen. Sie folgt Menschen in der Stadt, sie schläft ein paar Stunden in einem Hotelzimmer, sie sucht nicht, sie lässt dieses Leben sich ihr nähern und nimmt es in sich auf. So findet Vera in einem Pflegeheim Arbeit. Sie versteht sich gut mit den alten Menschen, zu denen sie schneller eine Beziehung aufbauen kann, auch oder gerade wenn sie dement sind, als zu manchen Gleichaltrigen. Karatsch ist schon weit weg, Jo sehr präsent.

Jo, der grosse Sohn, der im Februar zur See fährt, hat viel Zeit, an seine Mutter zu denken. Sie waren sich nah. «Mutter und er hatten sich oft gegenseitig ihre Träume erzählt, meistens am Küchentisch. Mit Träumen muss man mutig sein, Jo, hatte sie immer gesagt. So kommt man ihrem Sinn näher. (…) Ein Traum, den man erzählt, ist ein grosses Geschenk für den, dem man ihn erzählt, hatte Mutter gesagt.» Der Name der Mutter, der auch der Name seines Grossvaters war, den er geliebt hatte, «weil er Zigarren rauchte und lügen konnte und in seinem schweren Anzug wie ein Zirkusdirektor aussah, der gerade zur Kirche geht», bedeutet ihm viel, ebenso die zwei Taschenbücher, die er vom Grossvater geerbt hat, geschrieben vom Namensvetter Joseph Conrad, eines davon der berühmte Roman Herz der Finsternis. «War beim Lesen der Wunsch entstanden, das Leben in der Nähe von Schiffen zu verbringen?»

Obwohl in diesem Roman Vera die eigentliche Hauptfigur ist, gibt es neben und mit ihr viele weitere Figuren, die jeweils für ein Kapitel ganz ins Zentrum rücken. Da sind die beiden Geschwister Friedrich und Meret, da sind Hannes, Karatsch und Jo. Sie alle begleiten wir in den Monaten zwischen Januar und September, während Vera in London lebt, arbeitet, liebt, die anderen sind zu Hause geblieben, in der kleinen Stadt – mit Ausnahme von Jo –, und suchen nach Erklärungen. Immer wieder kehren sie zurück in ein Früher, als es dieses Trio gab: Vera, Meret und Friedrich, eine Dreiecksbeziehung, liesse sich sagen. Viel Unausgesprochenes taucht in langen Nächten auf, nur eines verbindet diese Menschen, ihre Einsamkeit in einer kleineren Stadt, deren Warenhaus «Wünsche» heisst.

Dass Vera im Herbst zurückkehrt, erstaunt nicht eigentlich, ebenso wenig, dass sie Karatsch zuvorkommt, der sie holen will, zusammen mit Jo und Friedrich. Denn als die drei Männer in London eintreffen und bei Kennedy, dem Mann, bei dem Vera, will heissen, Salomé gelebt hat, läuten, teilt er ihnen mit, sie sei am Tag davor weggefahren. «Wohin?, fragt Friedrich Wünsche nach kurzem angestrengtem Schweigen. Nach Hause, wohin sonst.» Während die Männer die Stunden bis zur Rückfahrt überbrücken, findet Vera zu Hause eine Meret, die ziemlich durch den Wind ist und trotzdem noch diese Faszination ausstrahlt, die Vera einmal und immer wieder für sie eingenommen hat. Auch wenn sich Vera im Haus, in der Stadt fremd fühlt: es wird keinen andern Ort für sie geben, und die Wünsche bleiben, sie gehören zu ihrem Leben. Nur etwas hat sich geändert, denn «in diesem Jahr wird das Jahr im September beginnen», und damit ist nichts mehr, wie es einmal war.

Wenn Judith Kuckart aus ihrem Roman Wünsche liest, tut sie dies mit dem ganzen Körper, die Wörter und Sätze kommen aus dem Arm, der Schulter, sie sind Bewegung und hallen nach, nachdem sie längst verklungen sind. So geht es der Leserin auch bei der Lektüre. Der Roman ist ein Kaleidoskop von Geschichten, und Lesen bedeutet, diese Geschichten, die alle in Bewegung sind, zusammenzufügen, nicht um sie in eine Ordnung zu bekommen, vielmehr um deren Vielfalt zu erfassen. Der Rahmen ist klar abgesteckt, die eine Ebene umfasst die Zeit von Silvester bis September im darauffolgenden Jahr. Und innerhalb dieses Zeitraums gibt es die vielen Vergangenheitsebenen, in denen die Figuren bereits verbunden waren, auf unterschiedlichste Weise. So lässt sich denn dieser Roman auch nur schlecht zusammenfassen, denn die Reduktion auf eine Geschichte, die nacherzählt wird, vermag den Wünschen, um die es letztlich im Leben geht, nicht gerecht zu werden. Man kann nur eintauchen in sie – dies zu tun, wird zu einem grossen und lustvollen Gewinn.