Die Provinz ist überall

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 15/04/2004

Pedro Lenz: Das Kleine Lexikon der Provinzliteratur. Bilgerverlag, Zürich 2005.

Pedro Lenz: I wott nüt gseit ha. Monologe des Kummers. Audio-CD. Verlag Der gesunde Menschenversand, Bern/Luzern 2004

Beat Sterchi: Bitzius. Ein Gotthelfprogramm mit Musik von No Square. Buch und CD. 5B Produktionen/edition Ratatouille, Luzern/Langenthal 2004.

Jürg Halter: Ich habe die Welt berührt. Gedichte. Ammann Verlag, Zürich 2005.

Die Provinz ist nicht das Lieblingskind der Literatur. Sie zieht die Metropolen vor, wo die grossen Themen und die grossen Schriftsteller wohnen. Diese besuchen von Zeit zu Zeit die Provinz, um die poetische Inspiration aufzufüllen. Weit ab von der Metropole, im ländlichen Städtchen Langenthal, ist auch Pedro Lenz geboren. Die Provinz hat ihn hervorgebracht, das Provinzielle ist ihm mit der Muttermilch ins Blut übergegangen. So erstaunt es nicht, dass ausgerechnet dieser Pedro Lenz ein Kleines Lexikon der Provinzliteratur verfasst hat, das ebensogut eine grosse Einführung ins helvetische Literaturschaffen genannt werden könnte.

Pedro Lenz

Das Werk soll, so das Vorwort zur 1. Auflage, «den zahlreichen Autorinnen und Autoren zur Ehre gereichen, die in den vergangenen Jahrzehnten die Provinz literarisch veredelt haben, ohne dabei immer die Beachtung erhalten zu haben, die sie zweifellos verdient hätten». Was Lenz zusammen getragen hat an literarischen Preziosen, von Sandra Ammon bis Albrecht Zryd, ist die Visitenkarte eines Landes, in dem die Schrebergärten bis ins Stadtzentrum wuchern. Der Autor hat sich im häufig verkannten Schrifttum von Albin Blum, Mathilde Ellenberger-Ellenberger, Prudenz Meister und wie sie alle heissen, kundig gemacht, eloquent weiss er ihnen gerecht zu werden. Vor allem redet er ihnen genüsslich nach dem Mund, wenn er aus ihren Werken zitiert. Natürlich ist dies alles frei erfunden. Zwar gelingt der Spagat zwischen lexikalischer Nüchternheit und fabulierendem Witz nicht ganz: die Beiträge zu den einzelnen Namen bleiben etwas zaghaft in der Mitte stecken: sie sind weder richtig kühle Lexikoneinträge noch lustvolle Satiren.
Dennoch: Auf vergnügliche Weise bedient Pedro Lenz die trefflichen Klischees, die über die mindere literarische Kunst kursieren – um im Endeffekt doch nicht ganz falsch zu liegen. Zum einen, weil die literarische Produktion tatsächlich zu schönen Teilen zu Lasten der Provinzliteratur geht; zum zweiten, weil Lenz seine Ironie unterschwellig mit feiner Empathie polstert. Denn wo alles Provinz ist, ist alle Literatur provinziell. Spätestens im Kapitel «Rock’n’Roll-Literatur der helvetischen Provinz» wird dies offenkundig. Bloss «furt vo hie / wenn u wie».
Pedro Lenz beweist, dass er sich nicht nur in der Mundartliteratur bestens auskennt, vor allem weiss er selbst die lautmalerische Qualität der Dialekte auszuschöpfen.
Eine CD mit Texten ist ebenfalls kürzlich erschienen. I wott nüt gseit ha heisst sie vielsagend. Lenz erzählt darin 20 Mal von Aussenseitern, die gut und gern «es bar bier i de bere» haben oder die Fassung verlieren angesichts «vo chlikarierte Tröim vo Wellness-Ferie» und anderen Anpässlichkeiten. In ihrem kümmerlichen Ärger halten sie sich schlecht und recht. Die rhythmisch alliterierenden Wortgewitter werden dabei zum Selbstzweck, nicht weil der Autor es so will, sondern weil die Sprechenden sich selbst daran festhalten, um nicht den Faden ihrer Rede zu verlieren. Denn dies ist, «botz bombe», vielleicht das Letzte, was sie noch im Griff haben. «Blos mer is Bürzi du Brunzbrunne.» Die Alliteration ist das alltagspoetische Zaubermittel, dessen wir uns nur allzu gerne bedienen, weil es immer wirkt.

Beat Sterchi

Im Text "Bärg und Tau" schlägt Pedro Lenz den Bogen zu einem anderen Berner, der sich in den letzten Jahren einen Namen als virtuoser Interpret des bernischen Sprachklangs gemacht hat. Beat Sterchi intoniert auf : Beat Sterchi. Sein Werk heisst kurz und bündig Bitzius. In diesem Titel steckt ein Programm. Sterchi umkreist in seinen Texten das Werk von Jeremias Gotthelf, doch versucht er dabei ein anderes, nicht verharmlosendes Bild des Emmentaler Epikers zu vermitteln.
Mehr als den Prediger interessiert ihn der Sprach- und Beschreibungskünstler, der das Emmental in seinen besten Büchern überhaupt erst zum Leben erweckte. "Jö dr Gotthäuf!", die mehrfach rhythmisch wiederholte Eingangszeile verlacht deshalb nicht das Vorbild, sondern seine Bewunderer, die ihn für ihr "bluemets Trögli"-Heimatbild zweckentfremden.
"Gott häuf / Gott häuf üs / Gott häuf'is im Stau / Gott häuf'is bym Säiä". Mit sparsamsten Mitteln entzaubert Sterchi das "Gotthäuferlis überau", um an dessen Stelle die hohe Sprachkunst des Meisters aus dem Emmental anklingen zu lassen. Etwa in den wunderbaren Gotthelf-Alphabeten: "gäng gaagge gaggle gangle gäng / gränne graue gruchse / hämpfele harze heuschä / item".
Sterchi collagiert, komponiert und zitiert mit Lust, um, wie es in der hübschen Begleitbroschüre zur CD heisst, einen literarischen Zugang zu Bitzius alias Gotthelf zu schaffen. Sein Vortrag wird dabei virtuos begleitet und klanglich untermalt von der Jazz-Formation No Square, vom Akkordeonisten Adi Blum und von Susi Wirth (Stimme). Sie alle haben anderes im Sinn als Heimattöne.
Wir sprechen Mundart, und wir schreiben Hochsprache. Die Differenz ist wesentlich. Die Mundart entfaltet ihre schönste Wirkung in ihrem lautmalerischen Reichtum. Deshalb ist es kein Zufall, dass sowohl Beat Sterchi wie Pedro Lenz, unabhängig voneinander, ihre neuesten Texte auf CD veröffentlicht haben.
Für beide gilt, nicht ohne Ironie, was Lenz spricht: Man muss "das erb verwaute, das schöne schöne schöne schöne schöne aute bärndütsch ned lo verluedere, wes doch so schön esch". "Vo Tau" aus betrachtet klingt dies indes fast verräterisch "fatau".

Jürg Halter

Fatal bernerisch klingt auch einer, der sich aus dem behäbigen Rhythmus des Berner Dialekts eine Kunstform gemacht hat. Jürg Halter hat auf eigenwillige Weise Bern bis an internationale Slam-Wettbewerbe vertreten. Sein beinahe schleppender und derart zur kühlen Lakonie neigenden Vortragsstil ist zu seinem Markenzeichen geworden. Bisher haben wir Jürg Halter so als lakonischen Performer unter eigenem Namen oder alias Kutti MC gekannt. Nun aber will er es auch ernsthaft wissen. Im renommierten Ammann Verlag ist von ihm ein ernst zu nehmendes Gedichtband erschienen, in deme r sich von einer neuen Seite zeigt, ohne sich freilich selbst untreu zu werden.
Naseweis verspricht er, "ich mache alles neu", um gleich nachzuschieben: "Bitte, es war nur ein Versuch". Jürg Halter beherrscht die lyrische Traumsprache und setzt sich mit stoischem Gleichmut über alle Ungereimtheiten hinweg. Seine Poesie ist frei: sie geht allein am "gehalterten Zügel". Das wirkt (noch) nicht immer restlos zwingend, aber oft schon souverän, seie s im Umgang mit poetischen Metaphern und ausgeprägter noch in der Variation der lyrischen Form. Mit diesem Buch gibt der Performer Jürg Halter sein Versprechen ab.