Schnäll i Chäller

Franz Hohler

Franz Hohlers Lieder und Gedichte sind längst legendär: Das Lied von einer Schweiz, die ganz aus Käse ist, oder von den Leuten, die alle so schrecklich, wahnsinnig nett sind. In einem neuen Band finden sich seine besten Texte neu versammelt. Es sind Texte, die in Mundart für die Bühne oder das Radio geschrieben sind, spoken words also. Darin zeigt sich Hohler von seiner listigsten Seite. Eingängige lustige Verse geraten ins Kippen und werfen unweigerlich einen unbehaglichen Schatten. Seid ruhig, heisst es einmal: „Ihr dürft schon schreien, aber leise!“ („Dörft scho schreie, aber lysli!“). Genauer lässt sich nicht von der Schweiz singen. (Beat Mazenauer)

Franz Hohler, der Sänger

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 30/10/2012

Eine Schweiz aus Käse – Franz Hohlers „Lied vom Chäs“ (1970) ist längst legendär. Die Vorstellung, dass nicht nur die Dinge, nein auch die Träume Fäden ziehen, entwirft eine absurde Idee, in der ein Quäntchen Wahrheit steckt. Das Lied findet sich neu im Band „Schnäll i Chäller“ abgedruckt.
Wir kennen Hohler als engagierten Autor, der gerne die utopischen Potenziale der Gesellschaft auslotet. Vielleicht gelingt ihm dies nirgends besser als in den Liedern, Gedichten und „Zytlupe“-Kolumnen. Hier verpackt er seine Botschaft in eine einfache Sprache, die Witz und Hinterlist verrät. Der Klassiker diesbezüglich ist das Lied „Es si alli so nätt“, in dem die vordergründige Harmonie von mulmigen Gefühlen begleitet und gebrochen wird. Es sind alle so nett, auch wenn es am Ende „würklech zum wahnsinnig wärde“ ist.

Beim Wiederlesen dieser bis zu vierzig Jahre alten Texte fällt auf, dass sie losgelöst von ihrem historischen Kontext heute noch Wirkung entfalten. Zwar mögen die Bankherren vom Paradeplatz nicht mehr ganz so nett erscheinen wie 1979, das helvetische Bedürfnis nach Harmonie besteht weiterhin. Genau darin beweist Hohler seine feine Handschrift. Seine Volkstümlichkeit ist keineswegs simpel und banal, sie gründet auf einer eingängig raffinierten Form. Hohler ist ein gewiefter Verseschmied, der Rhythmus und Reim wunderbar in Einklang bringt, am liebsten in Formulierungen, die unvermittelt ins Kippen geraten.
So heisst es in „Sit rueig“:

Dörft scho schreie, aber lysli!
Herrgott nomol, ghöreter nüt?
Rächts vo euch het's au no Lüt!

Mit besonderer Vorliebe verknüpft er Mythos mit Moderne. Im „Geischterlied“ ruft er die alten „Strägglen und Türscht“ an, damit sie über unsere Ausgleichsbecken und Computerzentralen kommen mögen. „Mir chönntenech wider bruuche / zum s Läbe verschtoh!“
All diese Elemente finden sich auch in den Kinderliedern (ohnehin eine vergnügliche Stärke Hohlers) und den Nachdichtungen, deren berühmteste „Dr Dienschtverweigerer“ ist, frei nach Boris Vian. In letzteren zeigt sich Hohler von einer nachdenklichen Seite. Die Vergänglichkeit des Lebens und die Frage nach ihm, der uns von oben vielleicht beistehen könnte, kehren leitmotivisch wieder.

Deutlicher wird Hohler schliesslich in den ausgewählten Reden und in den „Zytlupe“-Radiokolumnen. Ihnen fehlt es auch da nicht an Witz, wo in ihnen ernsthaft Fragen zur Heimat und zur Politik gestellt werden. Charakteristisch dafür ist die Rede „Mys Quartier“, worin Hohler über Heimat nachdenkt: über den Ort, „wo s eim wohlet, weme heichunnt“. Auf Anhieb mag das gar heimelig klingen, doch Hohler beginnt sogleich aufzuzählen, wann ihn dieses Gefühl überkommt. Wenn er beispielsweise mit dem Zug aus der Ostschweiz zurück nach Zürich-Nord fahre, erkenne er „s Färnheizwärk Aubrugg und d Kehrichtverbrönnigsaalag Hageholz mit ihrne Rauchzeiche“. So gesehen gehört sogar der Kühlturm von Gösgen zu Hohlers „Corporate Identity“. Das ist listig hinterlistig gedacht und ambivalent angelegt, denn was Heimat ist, können wir zwar mitgestalten, aber nicht allein bestimmen.

Im besten Sinn versöhnlich funktioniert auch Hohlers Sprache, die Oltener Mundart. Sie klingt allgemein verständlich und stellt so etwas wie eine neutrale Mischform ohne emphatisches Gepränge dar. Franz Hohler weiss sie subtil einzusetzen, um beispielsweise die Differenz zum Newspeak-English des allgemeinen Bankwesens träfe herauszuarbeiten. Eine kurze Angewöhnung beim Lesen reicht, und wer Hohler je gehört hat, wird augenblicklich seine Stimme bei der Lektüre mithören. Auch dafür kann gelten: „Gueti Reis, blibet gsund und chömet guet witer!“ – wie es nur vordergründig lustig im „Usschaffigslied“ heisst.