Sensibles Porträt einer sozialen Randexistenz

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 01/08/1996

Zur Armut gehört Demut

Bernhard Greif ist ein Fenstergucker, denn er hat Zeit. Viel Zeit ohne Arbeit. Und wenn er nicht aus dem Fenster guckt, schlendert er auf verlorenen Wegen durch die Stadt, bis es endlich Abend wird. Um nicht zu verwahrlosen, versucht er wenigstens, seinen Tag nach festen Regeln einzuteilen. «Die Abmachungen, die er mit sich selbst getroffen hat, will Greif auf die Minute einhalten.»
So hat er am Rande noch Anteil an jenem Leben der Ordnung, das «die anderen, die angesehenen Bürger» krampfhaft aufrechterhalten. An ihnen geht Greif mit gesenktem Blick vorüber, weil er sich schämt, und auch, «weil er sich später nicht erinnern will, woher er sie kennt». Der Fortschritt ist radikal und er kann alle treffen, denn alle haben «mit Veränderungen zu leben, die sie nicht verstehen». Wer den Graben zwischen Ordnungs- und Konkurswelt aber einmal überschritten hat, kommt kaum mehr zurück. Die Ordnung hat eben ihre Ordnung.

Überall in Steiners Erzählung ist dieser Graben beklemmend spürbar. Spätestens seit dem Tod des einzigen Kollegen, mit dem er die Arbeitslosigkeit und die Erinnerung an den früheren Job bei Alpha teilen konnte, hat Greif niemanden mehr zum Reden. Seine Botschaften kommen nirgends mehr an, deshalb kann auch keiner verstehen, warum er einen schönen Teil seiner Sozialhilfe allwöchentlich ins Lottospiel - in sein «langfristig unfehlbares System»- steckt.

Es ist wie es ist

Nach aussen hin abgestumpft, ist Greif sensorisch hellwach. Exakt registriert, was um ihn vorgeht. Der Autor unterstützt diese innerliche Reizbarkeit mit häufigen Passagen im Konjunktiv. So kennen wir die bürgerliche Ordnung, etwa durch den grosstuerischen Hausbesitzer repräsentiert, letztlich nur aus Greifs Phantasie. Auch der tote Kollege ist primär eine erinnerte Figur, die im Kopf des Helden gegenwärtig ist.

Mit diesen Wechseln im Erzählmodus evoziert der Autor bedachtsam eine stilistische Brüchigkeit, die mit der existentiellen korrespondiert. Der Boden unter Greifs Füssen ist schwankend, weshalb nicht erstaunt, wenn dieser - vom Argwohn aller verfolgt - den Halt verliert und verunfallt. So wäre die Ordnung wiederhergestellt, wäre Greif nicht einzelner unter lauter Vereinzelten, die unversehens der Fürsorge zugetrieben werden.

In Der Kollege liefert Steiner ein schlichtes, sensibles Porträt dieser sozialen Randexistenz. Seine Geschichte ist ganz auf den Helden konzentriert und verleiht dessen Verstummen mit präzise gesetzter, «schweigender» Sprache unmittelbar Ausdruck. Eine wiederholte Lektüre enthüllt zudem, wie sich die einzelnen Erzählpartikel schliesslich zu einem Ganzen fügen, das lediglich in wenigen Passagen etwas geschönt wirkt.
«So weit darf es nicht kommen», denkt Greif und denkt dabei selbstredend nicht an politischen Widerstand. Die beiden Welten der Ordnung und des Abbaus scheinen ihre Bereiche fix abgesteckt zu haben, so dass es daran nichts zu ändern gibt. Die Faust im Sack hält die letzte Münze umklammert.