Erzählen nach dem Erzählen

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 10/01/2010

Seit seinen Anfängen in den 1980er Jahren verfolgt Bruno Steiger eigene literarische Wege. In seiner Prosa tritt das genuin Erzählerische hinter die Sprache, hinter den Sprachsinn zurück – ohne jedoch ganz aufgegeben zu werden. Während die frühen Texte der Rezeption damit erheblichen Widerstand entgegen brachten, hat Steiger in den jüngeren Romanen Erhöhter Blauanteil (2004) und Falsche Filme (2006) eine ausgeprägter leserfreundliche Synthese von Sprache und Erzählung gefunden.
Die Brücke zwischen den beiden Schaffensperioden bildet der Band Das Fenster in der Luft. Er versammelt eine Fülle von Sentenzen, Lektürenotaten, Beobachtungen, Erinnerungen, Träumen oder Gesprächsfetzen, die seine Auseinandersetzung mit der Welt und der Kunst demonstrieren. Manchmal bilden Kunst und Welt dabei Gegensätze, manchmal fallen sie zusammen. Steiger zeigt sich hier von seiner verzwickt intellektuellen Seite, nachdenklich, philosophierend, sich selbst (dabei) beobachtend und in Frage stellend. Letzteres setzt jenen Stachel, der über das kluge Zeitgeist-Aperçu hinausweist. Wir werden in diesem Band Zeugen einer Arbeit am Denken, einer Selbstreflexion auf der Suche nach einer möglichen Wahrheit.
Diese Grundhaltung liegt auch den Essays, Aufsätzen und Rezensionen zugrunde, die unter dem programmatischen Titel Zwischen Unorten erschienen sind.
Das Erzählen erzeugt Konstrukte, die sich ihrer selbst gewahr sind, lautet ein zentrales Steigersches Postulat. Diese Konstrukte betreiben selbstreflexiv die Aufhebung des Tatsächlichen mit und in einer Sprache, «die bis zur Grenze des Möglichen mit Sinn geladen ist» – wie Steiger eine Sentenz von Ezra Pound in einem Reportage-Essay zu Joyce heranzitiert. Die Unkenntnis über den genauen Grenzverlauf macht die Sache allerdings ebenso vertrackt wie stimulierend.
Die Sammlung von Essays aus den Jahren 1993 – 2008 ist eine Wundertüte, in der wir den literarischen Vorlieben und Anregern des Verfassers begegnen. Dabei sind schöne Entdeckungen zu machen. Steiger rückt Autoren wie Peter Rosei, John Barth oder Jean Echenoz ins verdiente Licht. Er widmet den unverhofft vergessenen Reinhard Lettau oder Friedo Lampe ein kleines Denkmal. Und Meret Oppenheim erhält eine umfassende Würdigung ihres poetisch-künstlerischen Werks. In ihrem Spätwerk Meine Fahne zeige Oppenheim, bemerkt Steiger, dass sie «die Lektion einer sich selbst thematisierenden Kunst auf intuitive Weise erfasst und begriffen hat».
Um dieses poetologische Zentrum drehen sich diese Essays. Bruno Steiger interessiert sich nicht für abbildhaftes, kompaktes Erzählen, sondern für eben jenen Sprung im Kontinuum, das sich zwischen Text und Welt aufspannt. «Erzählen nach dem Ende des Erzählens mag man es nennen», oder ein Schreiben, das permanent die eigenen Produktionsbedingungen reflektiert und thematisiert.
Solche Literatur fordert auf der Gegenseite ein anderes, neugieriges, offenes Lesen heraus, das nicht mehr aufs reine Verstehen abzielt. Wer bloss krampfhaft am Sinn eines Textes festhält, wird beispielsweise Jürg Laederachs Texte für unlesbar halten. Eines der «unproduktivsten rezeptorischen Missverständnisse», nennt sie Steiger und hält ihm den Begriff der «Anverwandlung» entgegen, welcher die Lektüre zuerst als «ästhetische Erfahrung» begreift.
Die hier versammelten affirmativen Lektüren bespiegeln das Dazwischen in den verschiedensten Facetten und geben stimulierende Anstösse, um sich selbst auf die eine oder andere Lektüre einzulassen.

Nota critica

59 Texte aus 15 Jahren – Rezensionen, Porträts und Reportagen – geben uns Einblick in das literatur- und kunstkritische Schaffen eines Schriftstellers, der regelmässig als Essayist und Kritiker an die Öffentlichkeit tritt. Im Zentrum der Texte stehen 56 Autorinnen und Autoren zeitgenössischer Kunst und Literatur, die man über das Register am Ende des Bandes ebenso auffindet wie über das Inhaltsverzeichnis. Das ergibt eine kleine Enzyklopädie der radikalen Moderne und Postmoderne mit ebenso subjektiven wie bestens informierten und präzise dokumentierten Artikeln. Das Spektrum reicht von Emily Dickison (1830–1886) bis zu Christian Zehnder (geb. 1983). Das zweimalige Zitat von Adornos Diktum über die «Verfransung der Demarkationen» der Künste zeigt, worum es dem «Laiengrübler» Steiger mit dem schillernden Begriff der «Unorte» vor allem geht: um das transdisziplinäre «Grundinteresse» an Literatur und Kunst, «das unterhalb des Gehaders der Begriffsdesigner ansetzt» und uns Lebenskunst als Lesekunst erschliesst. (Daniel Rothenbühler)