Recensione

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 29/11/2001

Peter Stamm legt sein drittes Buch vor, den Roman Ungefähre Landschaft, die Geschichte einer schweigsamen Frau in der schweigenden Landschaft am Nordkap.

«Nicht viel, mein Leben»

Ein Roman (Agnes) und ein Erzählband (Blitzeis) haben dem 38-jährigen Autor Peter Stamm bisher ausgezeichnete Kritiken eingetragen. Mit seinem zweiten Roman Ungefähre Landschaft möchte er diese bestätigen.

«Ungefähr» ist die Landschaft, die Peter Stamm beschreibt, in zweifacher Hinsicht. Zum einen verlieren sich in den langen Nächten und auf den weiten Schneefeldern Nordnorwegens die scharfen Konturen. Zum anderen gerät ein männlicher Autor, der eine Frau zur Protagonistin macht, womöglich ins Zwielicht des Ahnens und Mutmassens.

Beides aber verleiht dem Roman Ungefähre Landschaft seinen Reiz. Peter Stamm erzählt von seiner Heldin Kathrine mit behutsamer Zurückhaltung. Und für die unwirtliche Gegend am Nordkap entwickelt der Autor unbestreitbar eine Faszination. Die glasklaren Beschreibungen der Polarlandschaft prägen diesen Roman stilistisch wie atmosphärisch. Mit kühler Sorgfalt beschreibt Stamm das «grenzenlose Weiss des Fjells», in dem sich die Horizontlinie im Nebel verliert. Allein eine einsame Schneespur, wenn Kathrine auf ihren Skiern hinaus zum Leuchtturm fährt, gibt einen flüchtigen Anhaltspunkt.

Eine Decke aus Schnee

Die 28-jährige Kathrine arbeitet als Zöllnerin im weit abgelegenen Dorf. Sie lebt geschieden von ihrem ersten Mann und heiratet einen zweiten, von dem sie sich aber bald auch wieder trennt. Die Welt südlich des Polarkreises hat sie noch nie betreten. Ihr Leben ist gezeichnet von Kälte und Dunkelheit der langen Winter, doch an beides hat sie sich nie gewöhnen können.

Die zweite Ehe mit Thomas steht unter unglücklichem Stern. Sie möchte ihrem Sohn Randy eine Familie geben. Doch Thomas hat Kathrine belogen. Nicht mit Affären. Schlimmer, er hat ihr eine falsche Persönlichkeit vorgespielt. Der souveräne Sportler und Akademiker erweist sich als ängstlicher Selbstbetrüger. Aber belügt sich nicht auch Kathrine?

«Sein Leben war ein Strich durch die ungefähre Landschaft ihres Lebens.»

Vor einer Antwort flieht sie. Mit verweinten Augen und ohne eigentliches Ziel erfüllt sie sich den Traum einer Reise in den Süden. Sie sucht Christian, einen frühern Freund, der zurzeit im französischen Boulogne arbeitet. So reist sie halt da hin. Einfach so.

Reise in die Fremde

Im Grunde kann auch diese Geschichte nicht gut ausgehen. Christian ist überrascht, ja überrumpelt vom Besuch Kathrines. Er mag sie gut leiden, doch zugleich fühlt er sich bedrängt. Er weiss nicht, was er mit dieser Frau anfangen soll. Zart fühlend lässt ihm der Autor seine Schüchternheit und Furcht, ohne sich über ihn lustig zu machen.
Kathrine aber muss notgedrungen wieder zurück ins Dorf. In der Stadt hat sie sich ohnehin nicht wohl gefühlt. Mit ein paar schnellen Strichen skizziert der Roman abschliessend, wie sie doch noch mit ihrem Jugendfreund Morten zusammenzieht und mit ihm ein bescheidenes Familienglück findet.

In seinen schönen Landschaftsbildern gibt sich Peter Stamm ebenso nüchtern, wortkarg wie in der Beschreibung seiner Charaktere und ihrer familiären Konflikte. Die tiefern Motive für Thomas’ Lügengeschichten bleiben unausgesprochen, auch Kathrines Verhalten wirkt manchmal rätselhaft.

Peter Stamm beobachtet, er beantwortet nicht. So hält er etliche Fragen unter der immerweissen Schneedecke verborgen. Diesbezüglich überzeugt sein Roman nicht in allen Teilen. Umso sorgfältiger erzeugt er die Atmosphäre einer verschlossenen, melancholischen und zugleich weit offenen Welt. Ungefähre Landschaft ist eine im tiefsten Grunde warme Erzählung aus dem kühlen Norden.