Die Beamtenstadt im Zwielicht

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 26/05/2003

Mit dem Roman Trilogie der nächsten Ziele legt der in Bern lebende 59-jährige Jürgen Theobaldy einen Roman vor, der eine brave Beamtenstadt im Zwielicht zeigt. Unter der geordneten Oberfläche geschehen finstere Dinge.

Theobaldy gilt gemeinhin als eine der wichtigsten lyrischen Stimmen der Gegenwart. Vor dreissig Jahren begründete er eine neue poetische Sprache mit, die in der umstrittenen Tradition der amerikanischen «Pop-Lyrik» Subjektivität und Widerstand miteinander verknüpfte. In einfacher Diktion drückten die Gedichtbände Blaue Flecken und Zweiter Klasse die rebellischen Impulse aus, die im Individuum stecken. Diesen politischen Impetus hat Theobaldy nicht vollends gezähmt, auch als er sich später stärker an klassischen Vorbildern zu orientieren begann. Im neuen Roman kommt er wieder unübersehbar zum Vorschein. Dafür haben hier die leichten, zuweilen beinahe hymnischen Töne der letzten Gedichte aus Immer wieder alles einer düstern Lakonik weichen müssen.
Nebst zahlreichen Gedichtbänden und ein paar Geschichten hat der Lyriker Theobaldy früher schon zwei Romane veröffentlicht: die gelobte Milieustudie Sonntags Kino (1978) und die getadelte Beziehungsgeschichte Spanische Wände (1981). Mit der Trilogie der nächsten Ziele betritt er nun Neuland.
Die Stimmung ist düster und fahl in der Beamtenstadt, die Bern heissen könnte, und wo unter der ordentlichen Oberfläche finstere Geschäfte abgewickelt werden. Alles ist von feinem schlierigem Sand überzogen, der Verkehr steht still, die Sonne zeigt sich nur als fahler Schatten. Eine Katastrophe von unbekannter Herkunft droht über die Stadt, die Welt hereinzubrechen. Mit Hilfe von Asylanten wird in einer Talsenke ein riesiger, letztlich unnützer Windfang aufgebaut.
Zu dieser Arbeit hat sich auch der ungenannte Erzähler der Episode «Staub» aufbieten lassen. Er ist in die Schweiz geflohen, weil er zuhause verfolgt wird, weshalb, weiss er nicht recht zu sagen. Im Asylantenheim hält er sich abseits, anderen Anschluss findet er aber keinen. Vivia, die er zufällig kennen lernt, versetzt ihn, und der Ingenieur, auf den er nächtens trifft, ist tot. So lässt er sich für eine mafiöse Vereinigung anheuern, um für sie als Kurier zu arbeiten. Ihm bleibt ein Koffer voller Blüten, als sein Gewährsmann auffliegt. Koffer wie Mann bleiben in den folgenden zwei Episoden verschwunden, doch ist von ihnen weiterhin die Rede.
Zuerst ein windiger Anwalt, Luigi Bartolani, danach der pflichtbewusste Staatsbeamte Tschuppert halten die Augen offen und sehen am Ende doch nicht durch. Ihre Berichte, die sie für sich abfassen, lassen aus unterschiedlicher Sicht die Machenschaften erahnen, die sich im Zwielicht zwischen Öffentlichkeit und Halbwelt abwickeln. Auch wenn die Katastrophe abgewendet scheint, sich auflösender Beton war die Quelle, bleibt die Stimmung diffus, uneindeutig. Theobaldy hat einige doppelte Böden in seine Trilogie der nächsten Ziele eingezogen.
Die drei Episoden ergänzen sich zu einem schummrigen, ungesicherten Ganzen. Die divergierenden Teile sind ebenso raffiniert wie unaufdringlich mittels Zeichen und schattenhaft wiederkehrenden Figuren miteinander verhakt. Sie verstärken die düstere Lakonik, die diesen Roman umgibt.
Die Trilogie der nächsten Ziele wirkt wie in Stein gemeisselt und zugleich aus Sand gebaut. Sprachlich befleissigen sich alle drei Erzähler einer beamtenhaften Klarheit, die in der Übersicht allerdings an Kontur verliert. Zum einen verwischen langatmige, pingelige Erörterungen über Recht und Ordnung zwischendurch die übergreifenden Zusammenhänge. Sie würden durch Kürzung an Prägnanz gewinnen. Zum anderen stehen sich die Episoden trotz ihrer unterschiedlichen Erzähler sprachlich sehr nahe. Es bleibt letztlich unklar, woher der Asylant das ihm irgendwie ungehörige Idiom hat?
Was trotz ein paar verrutschten Lyrismen aber merklich glückt, sind die zwielichtige Stimmung und die düstere Spannung. Theobaldy unterlässt es gekonnt, in dieser Parabel von den doppelten moralischen Tanzböden alle Fäden zu Ende zu knüpfen. Vielmehr ist es so, wie es immer ist: fürs erste ausgestanden. Darüber hinaus hat niemand nichts geahnt und nichts gesehen. Solange geht alles seinen rechten Gang in der rechtschaffenen Beamtenstadt, die keineswegs Bern heissen muss.