Die Probe aufs Leben

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 01/02/2006

Wenn's schneit beim Krokodil erzählt von jungen Frauen, die sich ihren Platz im Leben suchen. Die 1972 in Zürich geborene Monique Schwitter, die zurzeit am Hamburger Schauspielhaus engagiert ist, legt damit ein vielversprechendes Erzähldebüt vor.
Wer wirklich beim Krokodil wartet, wenn's schneit, wissen wir auch nach der Lektüre der Titelerzählung nicht. Die Erzählerin reagiert lediglich auf eine anonyme Mitteilung: «Ich bin sicher dort. 1. Januar, neun Uhr. Wenn's schneit beim Krokodil, sonst beim Kamel.» Doch auch sie weiss nicht, wem sie begegnen wird.

Auflehnung gegen das Warten

Unsere Neugierde wird in dieser Geschichte also nicht gestillt. Wie auch in anderen Texten geht es Monique Schwitter vor allem um das Warten, um die Erregung vor einem unverhofften, unvorhersehbaren Ereignis. Ein solches hilft auch bestens über die eigene Ratlosigkeit und Unentschiedenheit hinweg.
Die Erzählerin der Titelgeschichte geht auf das rätselhafte Angebot ein und besteht so die Probe. In diesem Punkt unterscheidet sie sich von Wendel in «Wendel wartet», der seine Sorgen bloss auszusitzen versucht. «Meistens enden Wendels Gedankengänge damit. Dass es ganz in Ordnung ist, wie es ist.» Wendel ist die männliche Ausnahme in diesem Band, in der sonst Frauen von sich berichten.

Wahrheit oder Lüge

Dieses erzählende Ich will sich nicht damit begnügen, das Leben einfach abzuwarten. Es will das Leben erproben, auskosten, auch auf das Risiko hin, fehlzugehen. In der Eingangsgeschichte «Wild erlegen» sitzen zwei Frauen auf einer Parkbank, in übermütiger Vertraulichkeit scherzend.
Wie beiläufig fragt die eine die Erzählerin, wieviel Erfahrungen sie mit Frauen habe, worauf diese sogleich zu kalkulieren beginnt: die Wahrheit sagen («Keine») oder schwindeln und sich auf das ernste Spiel einlassen. Dass sie die zweite Möglichkeit wählt, eröffnet ihr eine neue Lebensmöglichkeit, die jedoch abermals aus dem Erzählrahmen fällt.

Was will ich denn?

Es ist diese Nähe von Zaudern und Wagemut, welche Monique Schwitters Geschichten ihren Reiz verleiht: das «sich wieder eine Entscheidung abringen müssen». Dabei geht es in erster Linie um den Prozess des Abwägens, nicht um dessen mögliches Resultat. «Ich weiss, was er sagen will, aber. Aber ich weiss nicht, was ich will.»
Die Unsicherheit, die sich darin widerspiegelt, legt sich aus der Perspektive der Erzählerin auch über die Umwelt. Alles wirkt flüchtig, zerbrechlich, so dass die Behauptung ihrer selbst umso stärker ausfallen muss: «Was soll's, das ist ihre Geschichte, sage ich mir. Ich gehe jetzt und stricke weiter an meiner.»

Knisternde Spannung

Monique Schwitter legt mit diesen 15 Geschichten ein Debüt vor, das durch kecke Sprachbilder und eine anziehende Klarheit imponiert, mit der diffuse, irritierende Gefühle subtil ausgedrückt sind. Das erzählerische Maskenspiel erzeugt eine unterschwellig knisternde Spannung, die von Text zu Text neu aufgebaut wird und am Ende doch immer wieder zerstäubt. Was übrig bleibt ist der vielleicht auch nur zaghafte Glaube, «dass noch nicht alles gesagt und gesehen und erlebt und getan worden ist».

Rassegna stampa (selezione)

Monique Schwitter debütiert mit einem rasanten Erzählband.
Samuel Moser
Neue Zürcher Zeitung

 

Das Spiel von Täuschung und Offenbarung, Annäherung und Zurückweisung prägt Monique Schwitters erotisierende Prosa.
Aus der Jurybegründung für den Robert-Walser-Preis 2006

 

Schwitter versetzt ihre Figuren mitten hinein in tragische oder komische, verstörende oder ganz alltägliche Situationen. Und was dort mit ihnen passiert, ist nicht nur für den Leser überraschend. Denn wie Schauspieler schlüpfen sie plötzlich in Rollen, die nicht die ihren sind und werden von den Ereignissen mitgerissen. 

 

Brigitte

 

Zart und behutsam balanciert die Autorin zwischen zerbrechlichen Momenten und abgründigen Erlebnissen. Monique Schwitter glänzt in ihrem Debütband als smarte Beobachterin. Mit wenig Pathos aber viel Gefühl für Details.
Astrid Schwarz
Ö1 ex libris

 

Monique Schwitters Texte sprechen eine munter-freche, dem Slang junger Menschen nachgebildete, stark dialogische Sprache, sie wirken direkt und unmittelbar und stecken jenseits aller selbstverliebten Larmoyanz ein breites Themenspektrum ab.
Charles Linsmayer
Weltwoche

 

Monique Schwitter erzählt zupackend, vielschichtig und mit Humor.
Christine Lötscher
Tages-Anzeiger