Hunkeler und der Fall Livius

Hansjörg Schneider

Kommissar Hunkeler ist ein Geistesverwandter von Friedrich Glausers Kommissar Studer. Wie dieser hat er einen harten Kopf und geht bei der Aufklärung seiner Fälle eigene Wege. Seine Einfühlsgabe und seine Sucht nach Geschichten bestimmen die Richtung seiner Ermittlungen. Opfer und Täter werden sich in dieser Perspektive manchmal erstaunlich ähnlich. In seinem sechsten Fall lässt ihm Hansjörg Schneider einmal mehr alle Freiheit – auch die, in Ruhe die tief verschneite Landschaft zwischen Basel und Elsass zu betrachten. Schneiders Kunst besteht darin, dass er seine atmosphärisch dichte Erzählung nicht von der Krimihandlung erdrücken lässt. Hunkeler hat nur einen Teil der Recherchen im Blick – die Spannung aber bleibt auf jeden Fall erhalten.

Die Sucht nach Geschichten

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 16/02/2007

Hansjörg Schneiders Kommissär Hunkeler löst einen neuen Fall

Kommissär Hunkeler ist ein Geistesverwandter von Glausers Kommissär Studer. Wie dieser hat er einen harten Kopf und geht bei der Aufklärung seiner Fälle eigene Wege, was den Vorgesetzten nicht immer gefällt. Seine Einfühlsgabe – das «Gspüri» bei Studer – und seine Sucht nach Geschichten bestimmen die Richtung seiner Ermittlungen. Opfer und Täter werden sich in dieser Perspektive manchmal erstaunlich ähnlich. In seinem sechsten Fall lässt ihm Hansjörg Schneider einmal mehr alle Freiheit – auch die, in Ruhe die tief verschneite Landschaft zwischen Basel und Elsass zu betrachten.

Am Neujahrsmorgen wird Hunkeler früh aus dem Bett geklingelt: in einem Schrebergarten an der Grenze zwischen Basel und Frankreich ist ein Mann brutal umgebracht worden: erschossen und mit einem Fleischerhaken am Türbalken aufgehängt. Der Fall wird dadurch kompliziert, dass die Schrebergärtner fast durchwegs in Basel wohnen, der Garten selbst aber auf Elsässer Gebiet liegt. So müssen sich die Basler und die französische Polizei notgedrungen wieder einmal zusammen raufen, um gemeinsam den Mörder zu finden. Es gelingt mehr schlecht als recht. Einzig Hunkeler findet sich zwischen den Fronten einigermassen zurecht. Er ist für beide Seiten ein Einzelgänger, und mit seinem Gegenüber Commissaire Bardet versteht er sich gut. Zwischen dem Büro in Basel und seinem Haus im Elsass pendelnd, hört er sich um, hört er sich Geschichten an.

Zwei Spuren im Schnee

Hunkeler nimmt sich Zeit zu trüben und lichten Gedanken. Abends wünscht er sich zu seiner Hedwig, oder er lässt in Ruhe die winterliche Umgebung auf sich einwirken, die sein Autor Schneider mit präziser Gelassenheit in schönen Bildern einfängt. Doch der Tod dieses Anton Flückiger, der offenkundig anders geheissen hat und der vor allem eine dunkle Vergangenheit verbirgt, beschäftigt ihn. Die Reise ins Emmental, wo Flückiger eine Zeitlang lebte, fördert seinen richtigen Namen zutage: Russius. Nur Hunkeler vermag ihn herauszufinden, weil nur einer wie er – oder eben Studer – das Vertrauen dieser verstockten Grinden gewinnt. Der Name allein aber löst das Rätsel nicht. Flückiger stammte aus Ostpreussen, diente in der Wehrmacht – und was sonst? Liegt die Lösung in diesen alten Zeiten begründet, oder nicht doch in dem «vitalen Hass» von kleinbürgerlichen Schrebergärtnern?

Dass am Ende der Fall zu einem Abschluss kommt, ist nicht allein Hunkelers Verdienst. Seine Kollegen von der Basler und der französischen Kriminalpolizei tragen fleissig das ihre dazu bei – auch wenn Hunkeler am Ende doch ein wichtiges Puzzleteilchen hinzufügt. Mehr sei natürlich nicht verraten.

Hansjörg Schneider geht es nicht in erster Linie darum, eine lückenlose Beweiskette erzählerisch aufzubauen, es reicht ihm, wenn Nebenfiguren einzelne der Bausteine ohne grossen Auftritt mit dazu beitragen, Hunkelers Recherche also lückenhaft bleibt. Die Kunst, die er in diesem Roman neuerlich beweist, besteht darin, dass er seine atmosphärisch dichte Erzählung nicht von der Krimihandlung erdrücken lässt. Das Interesse gilt vielmehr dem Menschen Hunkeler, respektive seinem grüblerischen Nachdenken über das Leben und die Menschen, denen er begegnet und die ihm zuweilen die Geduld rauben. «Und merkt euch eines», droht er den versammelten Schrebergärtnern: «Ich werde euch alle in den Arsch treten.»

Trotz solcher erzählerischen Gelassenheit bleibt die Spannung aber jederzeit erhalten. Wie kunstvoll Schneider seine Geschichte aufbaut, demonstriert ein Nebenstrang. Hunkeler trifft in einem Café einen Basler Schriftsteller, um den es mittlerweile still geworden ist. Der Fall Livius springt diesen förmlich an, so dass er ihn gleich als Inspirationsquelle nutzen will. Im Gespräch mit Hunkeler entwickelt er seine eigenen literarischen Ideen, die sich im Fortgang der Ermittlungen im Fall Livius manchmal wunderbar erfüllen – manchmal auch nicht. Auf jeden Fall bilden sie eine reizvolle zweite Ebene, die listig in den Roman hineinwächst. Allerdings reisst Hunkeler später auch wegen ihm und seiner Theorien der Geduldsfaden.

Dass er am Ende den Fall löst, hat mit seiner Gelassenheit ebenso zu tun wie mit seiner cholerischen Ungeduld, vor allem aber ist es jene Sucht nach Geschichten, die ihn ebenso hart antreibt wie die Sucht nach Nikotin.