Abfalltrennung als Widerstandsaktion

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 28/12/2001

 

In ihrem neuen Roman Keiner wars zeichnet Isolde Schaad das Porträt einer Generation, die ihre Zukunft hinter sich weiss. Gewitzt und beschwingt, doch nicht ganz ohne Fehl.

Abfalltrennung als Widerstandsaktion

Es ist auch nicht mehr wie auch schon. Die alten Zeiten sind vorbei, als die roten Fahnen flatterten und in zerwühlten Betten jede Liebeslust befriedigt wurde. Die Helden und Heldinnen von einst sind älter geworden und mühen sich mit unwillkommenen Gebresten. Die Kampfzone beschränkt sich inzwischen auf die Nachbarschaft.

Doch an einer ruhigen Strasse im Kreis 10 der Stadt Z. gibt es noch eine WG, in der Carola, Schorsch und Buffi loyal das Fähnlein der Aufrechten hochhalten. Auf Zeit ist auch G. (mit vollem Namen Gottfried Keller) in den Single-Haushalt zurückgekehrt. An dieser Adresse überwintert der Feminismus, den junge Dinger nicht mal dem Wort nach kennen, bestücken Bloch und Adorno die Bibliothek und wird der Gewerkschaft die Treue gehalten. Die Hausherrin und Erbin Carola hält den Laden resolut zusammen, und der «notorische Gutfritz» Schorsch, von vereinzelten Besuchen in roten Etablissements abgesehen, hat das soziale Frausein verinnerlicht.

Vom alten Geist lebt auch im Haus nebenan etwas weiter, sei es nur in Form von schlechtem Gewissen. Waltraut versucht ihre Miyakebluse loszuschlagen, nicht um näher an Volkes Lebensart zu sein, sondern weil sie angeblich verstrahlt ist. Und Madeleine trainiert auf den Kieser-Trainingsaggregaten, um sich für Edgar fit zu halten, der womöglich fremd geht, was sie neurotisch macht. Abfalltrennung und Fleischlosigkeit aber sind kollektive Tugenden über allen Dissens hinweg.

Die Generation von 68 ist bürgerlich und träge geworden. Das Klischee ist nicht nur falsch, wie Tatsachen belegen. Mitunter macht es heute den Anschein, dass der Marxismus-Leninismus als Kaderschule für bürgerliche Politkarrieren gedient hat. Und wer die Kurve nicht kriegt, tummelt sich in wehmütigen Erinnerungen oder in Klagen über den verderbten Konsumwahnsinn. Die Geschichten, die uns Isolde Schaad in ihrem Roman mit Lust auftischt, bestätigen solche Vorstellungen, ohne sie über Gebühr auszureizen. Die Autorin, ist bei der Lektüre zu spüren, kennt die Situation aus persönlicher Erfahrung – und liefert selbst ein Gegenbeispiel dazu.

«Das politische Dilemma der Linken ist das soziale Dilemma: Wenn man links steht, muss man doch irgendwie gut sein.» Dieses Zitat kreuzt sich wohl nicht zufällig mit dem neuen Buch von Nick Hornby (How to Be Good). Gemeinsam ist beiden das Thema der Vergänglichkeit von revolutionären Ideen. Wie aber soll das Loch gefüllt werden? Damals, weiss der biedere Blattmacher Fredy, «damals ging es uns noch um so etwas wie Wahrheitsfindung». Wallraff etwa, der zwar auch nicht mehr ist, was Schorsch von ihm, seinem Idol, erwartet.

Ironie und Sarkasmus teilen sich Schaad und Hornby. Der Blairsche Sozialdemokratismus unterscheidet sich kaum vom kleinbürgerlichen Gerecht-und-ordentlich-Denken, wie es die über 80-jährige Frau Rast verkörpert, dieses lebendige Denkmal der Schweizer Sozialdemokratie. Hierin spielt Isolde Schaad ihre Stärken voll aus: eine virtuose, schnelle, anekdotische und immer spitze Schreibweise, die kaum ins Kalauern gerät. Insbesondere das ironisch mit leichter Larmoyanz unterfütterte Gefühl des Älterwerdens, das ebenso gelassen macht wie Schlaflosigkeit verursacht, trifft sie ausgezeichnet.

Dafür wirkt das isolierte Kapitel, das den bösen Erfahrungen von Ylmaz Shulamit Hamna gewidmet ist, befremdlich in dem Textganzen. Auch andere Figuren lässt die Autorin im Laufe des Romans etwas gar sang- und klanglos auf- und abtreten. Signale für diese dramaturgischen wie auch stilistischen Patzer sind falsch geschriebene Namen (Liotard, Lukacz, Myake); ob bewusst gesetzt oder zufällig, bleibt unbekannt.

Doch am Ende obsiegt das Positive. Für die Lesenden. Die Art, wie hier Bilanz gezogen wird über das Wirken der 68er Generation, ist frech und geistreich, doch frei von falscher Häme. Alle kriegen ihr Fett ab. Jede Generation scheitert, wenn ihre Zukunft Vergangenheit geworden ist und ihr Elan sich an den weiten Stränden des Alltags verlaufen hat. Gut, wer dann noch solchen Witz besitzt wie Isolde Schaad.