Aufbruch zu lockenden Ufern

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 10/09/2009

Ein stattlicher Fluss ist die Sihl nicht, und schon gar kein Strom. An der Zürcher Stadtgrenze wird sie von einer Autobahnbrücke zugedeckt und in einen Kanal gezwungen, der ihr einzig beim Sihlhölzli eine bescheidene Schwelle lässt, über die sie sich geschmeidig ergiesst. Die Sihl ist Zürichs minderer Fluss. Das zugemauerte Flussbett signalisiert indes, dass sie anders kann, wenn sie will. Sollte der Damm oben am Sihlsee brechen, stünde die Stadt unter Wasser.
Ein Fluss zum Vergessen, ein Fluss des Vergessens? Nicht für Hugo Loetscher.
Am Ufer der Sihl sitzend blickte er als Junge immer wieder hinüber ans andere Ufer, auf dem es all das gab, «was man darüber vernommen hatte, was man sich ausmalte, erträumte oder fürchtete» – zumindest solange, wie man nicht selbst nachschauen ging.
Hugo Loetscher wuchs in Wiedikon auf, auf der ärmeren Seite der Sihl, da wo einst Schlachthof, Siechenhaus, Güterbahnhof, Kaserne und Friedhof hingebaut wurden. Sein Vater stammte aus dem katholischen Entlebuch, seine Mutter kam aus Schwaben. Diese Erfahrung, «Sohn eines Zugewanderten» zu sein, prägte ihn. In einfachen Verhältnissen aufwachsend, lernte er nicht nur Bescheidenheit, sondern auch, dass er besser sein musste als die andern. Für den Besuch der Kantonsschule hatte er die Sihl zu überqueren, doch er blieb in der «richtigen Stadt» einer «von drüben». Auf einer Tramfahrt zur Schule wurde er einmal von einem jungen Kontrolleur als Schwarzfahrer erwischt. Von ihm, der sich mit dem Aushilfsjob das Studium verdiente, lernte der Gymnasiast, dass einer wie er «immer ein Buch mehr» gelesen haben müsse. Hugo Loetscher beherzigte es sich.

Einer kommt nach

«Eines Nachmittags hatte ich ein Holzscheit aus der Sihl gezogen», beginnt ein Schlüsselerlebnis, das seine Spuren quer durch dieses Buch zieht. Aus dem Scheit bastelte der Junge ein segelloses Schiffchen, das er auf der Sihl auf grosse Fahrt schickte. «Ein Bote, der annoncierte: Einer kommt nach.» So geschah es, auch wenn alles noch hätte anders kommen können. Nach seinem Studium in Paris arbeitete Loetscher bei der Zeitschrift «Du» und besass beste Aussichten für die Nachfolge des Chefredaktors Manuel Gasser. Doch er kündigte. Er wollte sich noch nicht festlegen – «zu viele Fragen waren zum Ungefragten noch nicht gestellt.»
So machte sich Loetscher in die Welt auf. Die Sihl und das dazugehörige Quartier wurden für ihn zum universellen Massstab. In den Flüssen der Welt, in den Kanälen, den Ufern, Küsten und Grenzen erkannte er die Sihl wieder. Keine Brücke, die ihn nicht an die Sihlbrücke zwischen Stauffacher und Sihlporte erinnert hätte. Selbst die verdrängen Abwässer, denen er 1963 sein fulminantes literarisches Debüt widmete, waren verwandt mit dem malträtierten minderen Fluss. Einer kommt nach.
Doch Zürich blieb ein «Ort des Aufbruchs» zu neuen Ufern, hierhin kehrte er immer wieder zurück. Und die Schweiz behielt ihren Rang als «ein portables Vaterland. Tragbar nicht im Gepäck, sondern in Empfindung und Gedanke.»

Der Fluss der Erinnerung

Wie die Sihl passte Hugo Loetscher nie recht ins Bild des zwinglianischen Zürichs. Auch wenn er später in Limmatnähe umzog, dahin wo die Ufer von den Repräsentations- und Zunftbauten gesäumt werden, blieb er im Herzen der Aussenseiter, der Secondo, einer aus dem Stadtkreis drüben.
Entsprechend ist diese Autobiographie gar keine. Hugo Loetscher fehlt es an Eitelkeit, um sich derlei anzumassen. Er unternimmt in diesem Buch nur den Versuch, seine Eindrücke von Reisen und Begegnungen in quirligen Motivketten zu ordnen. Die Sihlbrücke erinnert ihn an die Statisterei im Schauspielhaus oder an den Zoo, wohin das Tram fuhr. Deshalb weckte sie in ihm die Liebe zu Brücken, wie er sie auch für die Karlsbrücke in Prag hegt. Nur die beängstigend schwankende Hängebrücke in den Anden möchte er nicht mehr betreten.
So reiht sich eins ans andere, souverän orchestriert von einem Erzähler, den zeitlebens die Neugierde trieb, der viel erlebte und immer auch ein Buch mehr gelesen hatte. Loetscher war allenorts auf dem Globus zu Besuch, manchmal auch nur in Form von Buchreisen oder von Surfexpeditionen auf dem Datenfluss. Das andere Ufer lockte ihn, auch in der Liebe, der er in alle Kontinente nachreiste.
Dabei bemerkte er, wie traditionelle Zuordnungen durcheinander geraten, «weil die Landkarte noch flächig ist». In Los Angeles begegnete er Chinesen, Japanern, Koreanern, die «orientals» hiessen, obwohl sie aus dem Westen kamen. «Der Wortschatz ist noch nicht rund».

Plädoyer für die Vielfalt

Das öffnende «Einer kommt nach» bildet hier Anfang, Mitte und Abschluss. Seine leitmotivische Funktion teilt es dabei mit dem Memento mori. In Wiedikon liegt auch der Sihlfeld-Friedhof. In seiner Erinnerungsreise besucht Loetscher häufig Friedhöfe und hält sich den eigenen Abschied vor Augen. Die Sihl, der Lebensfluss, symbolisiert den ganzen Kreislauf des Lebens, das Werden und Vergehen, Aufbruch und Rückkehr. Es hat ihn auf bezaubernde Weise diesem Buch einbeschrieben.
Der Einzigartigkeit der persönlichen Reminiszenz hält er darin die Vielfalt entgegen: «Sind wir als Person nicht defizitär, als Individuum nur eine Möglichkeit des Menschsein lebend?» Zum Schluss formuliert Hugo Loetscher ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Globalität (nicht Globalisierung) und zur heiteren Vermischung der Kulturen, der er auf seinen Reisen stets begegnet ist. So zeigt er sich hier als das beherzte Gegenteil seines Immunen, nämlich als einer, dessen Herz noch immer mitmacht.
PS: Am 18. August 2009 ist Hugo Loetscher nach einer schweren Herzoperation verstorben.

Nota critica

Kurz vor seinem Tod hat Hugo Loetscher ein Buch fertiggestellt, das sein Leben auf eine höchst kunstvolle, lebendige Art und Weise Revue passieren lässt, ohne dass der Eindruck von Memoiren entsteht. In Bildern und Momentaufnahmen und nur sehr wenigen zusammenhängenden Erzählpassagen stellt er sein Leben zu den Flüssen in Beziehung, an denen es stattfand: der Fluss der Kindheit, die Sihl, der Tiber, der Ganges, die Flüsse Afrikas und Südamerikas. Wie selbstverständlich kommen so nochmals die grossen Themen von Loetschers Werk – die Selbstfindung des Intellektuellen, die Auseinandersetzung mit der Zeit, der Aufbruch in die Welt, die Diskrepanz von Reichtum und Armut – in den Blick und werden zu den Chiffren einer Bilanz, die nicht eine Summe zieht, sondern nochmals die ganze Fülle erahnbar macht. Und schon auf der zweiten Seite taucht auch jener Fluss auf, der heimlich die Hauptrolle spielt und der immer mit dabei ist, wenn ein neuer Aufbruch angesagt ist: «Wenn Weggehen ‹ein bisschen Sterben› bedeutet, fing ich mit ein bisschen Sterben an, mit einem ersten Sterben wohl, um sich an all die andern zu gewöhnen, die folgten, bis zum definitiven Ankommen beim Tod.» (Charles Linsmayer)