Das Recht auf Wahrheit

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 26/03/2002

19 alte und neue Geschichten von Hugo Loetscher

Vor beinahe vierzig Jahren, 1963 präzis, hat Hugo Loetscher mit dem Roman Abwässer sein viel versprechendes Romandebüt gegeben. Bereits acht Jahre zuvor indessen war schon eine erste Geschichte von Loetscher in der NZZ erschienen. In seinem jüngsten Buch nun, dem Geschichtenband Der Buckel, hat auch sie Aufnahme gefunden. Auf kurzem Raum präsentiert der Band einen Querschnitt durch das Gesamtwerk von Hugo Loetscher.

Seit mehr als vierzig Jahren trägt er einen Buckel mit sich herum: seine Autorschaft. Sie erlaubt ihm die Freiheit zur Wahrheit. Dabei scheint ihm gelungen zu sein, woran der Kleinunternehmer Comprachico in der gleichnamigen Erzählung scheitert.
Gaukler und Zwerge gehören in sein Angebot, doch als besondere Spezialität vermietet er «Wahrheitsclowns». Verwachsene Narren, die auf Bestellung kein Blatt vor den Mund nehmen. Einmal zumindest möchte auch er, der Chef, in diese Maske schlüpfen. Allein er tut der Wahrheit zuviel. Und wie unter Gelächter und Gepuffe am Ende gar der umgebundene Buckel verrutscht, wird die Anmassung entdeckt. Wer die Wahrheit spricht, muss zumindest missgestaltet sein.

Mit Jahrgang 1956 ist «Comprachico» die zweitälteste Erzählung in diesem Buch, das 19 Geschichten aus dem Zeitraum von 45 Jahren versammelt. Es ist mehr daraus geworden als ein üblicher Sammelband, in dem alt bekannte, lose Texte neu zusammen gebunden sind. Auch ein paar exquisite Erstveröffentlichungen finden sich darin.

Die Lehre aus dem Zirkus

Der Buckel bringt uns Hugo Loetschers Prosakunst gleichsam im Schnellvorlauf näher. Er zeigt sich von seiner besten Seite: gescheit und pointiert, burlesk und originell, zuweilen auch ein wenig didaktisch. Alle Stärken finden sich hier in konzentrierter Form aufgehoben. Selbst ein «Mini-Krimi» fehlt nicht.

Der Buckel, die Versehrtheit, vor allem aber die Abweichung von der Norm durchziehen leitmotivisch den Band. Die Faszination dafür lernte Loetscher als Junge im Zirkus kennen, wo er Elfen und Zwerge auftreten sah.

«Das Kunststück stellt Natur nicht aus, sondern es tritt gegen sie an», wurde ihm da beigebracht. Indem der katzbuckelnde Zuschauer dem buckligen Zwerg begegnet, «stellt sich ein Moment der Gleichheit ein. Es ist der Augenblick, in dem der Zirkus aufhört und die Literatur beginnt.»

Zwei bislang unveröffentlichte längere Texte ragen heraus: «Die Einwilligung» und «Der Hauswart lächelt». Sie bilden den Abschluss.

Ein Mann ist verzweifelt, er sitzt am Küchentisch und hofft, der Tod möge ihn heimsuchen, ohne dass er selbst Hand an sich legen muss. Sein Leben, ein Versuch zur Wahrheit, scheint ihm misslungen. Des öftern mogelte er sich nur durch, doch andererseits hat er seine Liebe zu Männern nie wirklich verleugnet. Er hat nie wie Leo lauthals Weibergeschichten zum Besten gegeben, die ihn gar nicht interessierten.

Nun ist er «positiv», also negativ. Bemerkenswert konzentriert und einfühlsam, für einmal auch frei von ironischen Untertönen, reflektiert Loetscher das Leben seines Protagonisten im Angesicht der Verzweiflung.

Die Ironie kehrt zurück im abschliessenden Mini-Krimi, einer kurzen komischen Abhandlung über das Töten in unserer Gesellschaft. Der Grund für die Mordlust des Hauswarts ist helvetisch nachvollziehbar: Er kann das Lächeln Schneebelis nicht mehr ertragen. Würde dieser wenigstens lachen, doch jene Süffisanz um die Mundwinkel. Bloss kommt es ohnehin anders.

Hugo Loetscher nimmt sich das Recht zur «Wahrheit» heraus, ohne den Buckel offen zu zeigen. Genauer: er verbirgt ihn unter der Maskerade seiner Geschichten. Manchmal allerdings verrutscht dabei auch ihm die literarische Verkleidung und lässt den Buckel erahnen. In solchen Momenten hört die Literatur auf und beginnt das Leben.

 

Literatur mit Haftung: Ein Portrait Hugo Loetschers

 

«Moral war für ihn weder Botmässigkeit, noch Gedankenweisheit, sondern das unendliche Ganze der Möglichkeiten zu leben... Moral ist Phantasie.» (Robert Musil)

Vielleicht war es die prägende Erfahrung, nicht dazuzugehören, die Hugo Loetscher einst veranlasste, nicht nur die Sihl, «den minderen Fluss», sondern die Grenzen des Heimatlandes zu überschreiten und ausserhalb nach neuen Erfahrungen zu suchen. 1929 im Zürcher Aussersihl geboren, wuchs Loetscher in kleinbürgerlich-proletarischen Verhältnissen auf, eine Umgebung, die seine soziale Wahrnehmung schärfte und ihn zwang, Grenzen zu überschreiten. Zuerst nur jene über die Sihl, den «minderen Fluss», um ins bürgerliche Gymnasium, später dann an die humanistische Institution Universität zu gelangen, schliesslich über die heimatlichen Demarkationen hinaus in die Fremde. So war früh die Welt in Frage gestellt. «Man entfremdet sich der bisherigen Umgebung und wird doch nicht der Freund der neuen Umgebung», erinnerte er sich später, weshalb man sich dazwischen einzurichten hat, z.B. als Beobachter. Nebst Fremdheit erzeugte der prägende Einschnittdas auch ein kulturelles Defizit und als dessen Folge einen «proletarischen Hunger nach Büchern..., nach Wissen, nach Kultur, nach Information», den zu stillen Loetscher bis heute nicht geschafft hat. So scheint in frühen Jahren schon eine Perspektive angelegt, die Loetscher 1963 in seinem ersten Buch «Abwässer» wiederaufnehmen sollte.

«Nicht der Einstieg ist gefährlich, sondern die Rückkehr an die Oberfläche.»

In «Abwässer», dem dieses Zitat entnommen ist - und der dem Autor notabene die erste literarische Ehrung (den Charles-Veillon-Preis) eingebracht hat - in «Abwässer» entwickelt die Ich-Figur einen subversiven Blick auf die sichtbare Realität. Mit untrüglichem «Abwasserblick» durchschaut sie, von Beruf Stadtverantwortlicher für das Kanalisationswesen, die Welt von unten her. Er weiss, «dass es zu unseren Füssen eine andere Stadt gibt als die, die wir mit den Augen sehen - eine Stadt, die im Dunkel liegt, klarer angelegt als die Stadt an der Oberfläche». Von unten besehen erhält die Wirklichkeit neue, schärfere Konturen, die befremdliche Perspektive macht das unscheinbare Detail sichtbar und lässt erkennen, was gemeinhin aus dem Blickfeld gerückt wird: die Opfer und Ausgestossenen, das Verdrängte und Vernachlässigte, die Wirklichkeit in einem umfassenderen Sinne. Erfahrungsgemäss erweise sich, legt der Inspektor in seinem Bericht dar, nicht der Einstieg in diese Unterwelt als gefährlich, sondern die Rückkehr, wenn nämlich Autofahrer die Warntafeln übersehen und die der Dole Entsteigenden überfahren würden.

Dieses Reich der «Abwässer» ist im Kern eine soziale Metapher, die sich auf den Globus übertragen lässt. Unter der Oberfläche des helvetischen Wohlstands erstreckt sich drunten in der südlichen Hemisphäre eine unübersehbare 'Kloake' aus Armut und Not, aber auch aus Reichtum und Vitalität. Gleichermassen metaphorisch gewendet werden kann auch das Diktum von der Gefährlichkeit der Rückkehr - nämlich bezogen auf den Globetrotter Hugo Loetscher. Seinen von Fernweh inspirierten Reisen nach Lateinamerika oder nach Indonesien werden erst Schranken gesetzt, wenn der Heimkehrende seine neu gewonnenen Erfahrungen mit dem schweizerischen Alltag konfrontiert. Die Rückkehr ist gefährlich, weil sie den einen entfremdet und die Zurückgebliebenen, argwöhnisch macht. Will ihnen da jemand den schwer erkrampften Besitz wegstehlen?

Sich selbst hat Loetscher einen «städtischen Menschen» genannt, der den urbanen Erfahrungsraum zum Leben benötige. Das Beobachten ist zentraler Bestandteil seiner Urbanität: sein Orientierungsmodus. Es machte ihn zuerst zum Flaneur, dann zum Reisenden, der - von Fernweh angestachelt - mit Vorliebe auf den Spuren der portugiesischen Sprache und Kultur wandelt. Über Lissabonn hinaus entdeckte er so Brasilien und schliesslich die gesamte vitale Vielfalt des lateinamerikanischen Kontinents.

Zwei aussergewöhnliche Bücher zeugen davon: «Wunderwelt. Eine brasilianische Begegnung» (1979) und «Herbst in der Grossen Orange» (1982); zwei fast schon ethnographische Studien aus zwei ganz und gar verschiedenen, randständigen Wunderwelten, die - nebeneinander gelesen - einen intimen Dialog zwischen zwei ungleich begüterten Kulturen ergeben: dort (im kargen Nordosten Brasiliens) herrscht eine trostlose Vitalität, da (im gleissnerischen Los Angeles) ist das Leben von fröhlicher Teilnahmslosigkeit geprägt: «Wo alles eine Rolle spielte, spielte nichts mehr eine Rolle». Wogegen in der brasilianischen Misere scheinbar nichts mehr eine Rolle spielt und daher noch der winzigsten Kleinigkeit wesentliche Bedeutung zukommt. Exemplarisch führt es Loetscher an der «volksverbunden Blechkultur» vor, der er ein Museum stiften möchte, in dem alles aus Blech und somit echt ist - im Unterschied zur amerikanischen «Filmwirklichkeit». Denn immerhin, die brasilianische Vitalität gibt Anlass zu einer kleinen Hoffnung: «in diesem Nordosten besitzt die Misere Phantasie.» In diesen beiden Büchern entwickelt Loetscher ein Bild der Welt von ihren Rändern her - in deren Mitte stumm die Schweiz ruht.

Seine reichen Erfahrungen auf allen diesen Wegen hat zum einen der mit Geschichten angefüllte Roman «Die Augen des Mandarin» (1995), zum anderen die Fotografie-Ausstellung widerspiegelt, die mit Texten von Loetscher im Band «Durchs Bild zur Welt gekommen» Scheidegger & Spiess 2001) dokumentiert ist.

Im Kontrast zur brasilianischen Lebensfreude scheint hierzulande eher ein trostloser Missmut zu herrschen, der sich in einem permanenten Muff-Sein als «innere Bereitschaft» manifestiert - ein Missmut, der nicht nur willig erduldet, sondern vorsätzlich gehätschelt wird. Dieser Schweiz hält Loetscher mit Witz den «fremden» Spiegel vor, um ihr ein Selbstbild ohne perspektivische Verzerrung und Idealisierung zu zeigen. Im Rahmen einer so gearteten «Dialektik von Fremdorientierung und Selbstfindung» fällt der Blick unweigerlich auf die eigenen «wilden Territorien» zurück: auf Armut, soziale Unrast, ökologische Verwüstung - die Kanalisation unter dem Wohlstand. Dies zu veranschaulichen, hat Loetscher das traditionelle Entdecker-Schema in einer Erzählung umgedreht: Indios suchen in dem helvetischen Alpen-Eldorado nach den sagenhaften Goldschätzen. In ihrem Staunen spiegelt sich das gegenseitige Unverständnis zwischen den Kulturen, d.h. zwischen unterschiedlichen, aber gleichwertigen Lebensmöglichkeiten.

Die gleichzeitige Vertrautheit mit dem Fremden und dem Eigenen prägt entsprechend auch Loetschers bekannteste literarische Figur, den Immunen. «Es gebe Fremdes», sinniert er in dem gleichnamigen Roman von 1975, «das Gefahr bedeute, und gegen diese müsse man sich wehren; aber es gebe Fremdes, das unerlässlich sei fürs Eigene, und dieses Fremde dürfe man nicht abstossen, sondern das müsse man aufnehmen - es könnte doch der Moment kommen, da wir nur noch dank Fremdem weiterleben könnten.»

Er ist eine Verkörperung des wachsamen Reisenden, der am liebsten «in alle Richtungen gegangen und aus allen Richtungen zurückgekehrt (wäre), bis jeder fremde Ort ein vertrauter wurde, jeder vertraute sich einem fremden anglich». Seine Offenheit nutzt Loetscher zu einer stilistischen Öffnung und redet im Sinne «eines epochalen Lebensgefühls, dass alles denkbar und möglich und letzten Endes gar machbar ist», einer Stilmischung das Wort, die, in der Tradition der von ihm geschätzten Dichter José Marti und Padre Antonio Vieira, ebenso literarisch wie journalistisch ist. Diese beiden Autoren haben Loetscher zur «Behaftbarkeit» seines Schreibens angeleitet und ihm gezeigt, wie Stil und Moral sich wechselseitig bedingen.

Behaftbarkeit und Moral sind denn auch die zentralen Kategorien seines literarischen Engagements; die Ironie ist ihre Form, in der jene zwanglos aufgehoben werden. Ironie erst konstituiert den für Loetscher typischen Stil, da sie auf einem moralischen Fundament gründet, dem der Ironiker Schreiben (und Leben) schuldet. Es ist, bemerkte der Autor dazu, «eine immanente Moral, die aus dem Ästhetischen selbst erwächst. Stil steht für Verantwortung.» Hugo Loetschers Werke leiden nicht unter solchem ironischen Moralismus, vielmehr faszinieren gerade deswegen; er sprengt die engen Horizonte - die literarischen und wichtiger noch die politischen und kulturellen.

Der Reisende mit dem fremden Blick, ist beseelt von einer Utopie des gerechten und friedlichen Zusammenlebens zwischen den Kulturen. «Eine Öffnung würde erstaunliche Wirkungen zeitigen», bemerkte er vor Jahren: «Man würde nicht etwas für spezifisch nehmen, was es nicht ist, und man würde Eigenes dort entdecken, wo man es nicht (oder noch nicht) vermutet.»

Beat Mazenauer