Der Stand der letzten Dinge

Christoph Keller, Heinrich Kuhn

Wenn zwei Autoren gemeinsam schreiben, so setzen sie sich primär mit sich selbst auseinander. Diesen Schluss legt der dritte gemeinsame Roman des Autorenduos Keller + Kuhn nahe. Die schräge Story in Der Stand der letzten Dinge dreht sich um die Autoren Prinz + Delgado, die gemeinsam einen Krimi schreiben. Dabei geraten sie in die Bredouille, als sich ihr fiktiver Held Igor Kulti auf einmal leibhaftig ins Spiel einmischt. Im Spannungsfeld von Realität und Fiktion erzählen Christoph Keller und Heinrich Kuhn ironisch auch von ihrer eigenen vertrackten Zusammenarbeit.

Nachrichten aus der Schreibwerkstatt

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 08/07/2008

Schreibende Autorenpaare sind eher selten. Die Italiener Fruttero & Lucentini, oder das schwedische Paar Per Wahlöö / Maj Sjöwall zählen dazu. Ist es Zufall, dass beide Duos Kriminalromane geschrieben haben? Auch die Autoren Keller + Kuhn haben sich in ihrer gemeinsamen Arbeit diesem Genre verschrieben. Der Stand der letzten Dinge gibt den Stand ihrer aktuellen Arbeit wieder.
Das Geheimnis ihrer Zusammenarbeit liegt wohl darin, dass beide, Heinrich Kuhn wie Christoph Keller, je an einem eigenen Werk arbeiten, für das sie sich anderer literarischer Formen bedienen. In ihren gemeinsamen Büchern steckt deshalb auch ein Element des Schalks und des Spasses, das nicht zwanghaft auf höchste literarische Weihen zielt. Im Fall von Der Stand der letzten Dinge – ihrem dritten Buch – kommt zusätzlich ein selbstreflexives Moment hinzu: eine Auseinandersetzung mit dem gemeinsamen Schreiben, das eher die Ausnahme bildet. Denn Schreiben ist im Grunde ein zutiefst eigenbrötlerisches, individualistisches Tun.

Aus dieser unheilvollen Diskrepanz resultiert hier der schräge Krimiplot. Die beiden Autoren Prinz + Delgado schreiben gemeinsam an einem Krimi, Julias Nachlass, wobei ihre Arbeit nicht frei von Tücken und kleinlichen Zerwürfnissen ist. Doch richtig in Teufels Küche geraten sie erst, als sich ihr fiktiver Held Igor Kulti leibhaftig ins Spiel mit einmischt. Prinz ist verunsichert: «Ich frage dich nur einmal. Hast du gegen unseren Grundsatz verstossen und eine reale Figur in den Stoff eingeschmuggelt, ohne mich darüber zu informieren? Mit anderen Worten: Ist Igor Kulti real?» Delgado wischt diese Zweifel weg, ohne selbst aber eine Antwort auf das Rätsel zu haben.
Was wäre in einer derart absurden Situation zu tun? Sind Igor Kultis Drohungen, denen er tatkräftig auch Nachachtung verschafft, ernst zu nehmen? Wer ist überhaupt diese Figur, die echt ist und doch in keinem Telefonverzeichnis aufgelistet?

Die beiden Autoren betreten ein Spiegelkabinett der Mutmassungen und Verdächtigungen, was selbstredend auch ihre gemeinsame Arbeit stark beeinflusst. Sie wollen sich nicht unterkriegen lassen, sie lassen sich die Autonomie ihrer Kunst nicht rauben. Ein befreundeter Polizist soll ihnen Schutz und Sicherheit bieten.
Im Spannungsfeld von Realität und Fiktion erzählen Christoph Keller und Heinrich Kuhn mit Augenzwinkern auch von ihrer eigenen Zusammenarbeit. Das ist gewitzt eingefädelt und routiniert durchgeführt – bloss die Auflösung am Ende, die hier natürlich nicht verraten sei, befriedigt nicht restlos.
«Wenn die Zündschnur nass ist, gibt es kein Feuerwerk», sinniert der merkwürdige Polizist. Aber ist die Vorfreude nicht die reinste Freude, der kein Zauber je gerecht werden kann?