Das Buch des Vaters

Urs Widmer

Er klappte das Buch zu. Das war der Vorteil der Bücher, er konnte sie zumachen, wenn ihm das Leben in ihnen zu viel wurde. Dann nahm er sich ein anderes vor und las zum Beispiel von jener keuschen Nonne, die nie aufs Klo ging, vor ihrem Gott auf den Knien rutschte, ihn um Erlösung bittend, und schliesslich so viele harte Steine kackte, dass sie aus ihnen eine Kapelle errichten konnte. - Mein Vater legte eine regelrechte Sammlung all dieser herrlichen Geschichten an, stöberte in den paar Antiquariaten der Stadt verstaubte Drucke auf und fand sich, als er dann für ein Jahr in Paris lebte - in den zwanziger Jahren -, in einem wahren Paradies wieder.

(Urs Widmer, Das Buch des Vaters, Zürich, Diogenes, 2004)

Zwischen den Portalfiguren des Lebens

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 15/01/2004

Ein Roman ist ein Roman. Dies gilt es im Falle von Urs Widmers jüngstem Buch neuerlich in Erinnerung zu rufen. Das Buch des Vaters bildet zusammen mit Der Geliebte der Mutter ein sensibles Doppelporträt, das mit vielen biographischen Schlüsselreizen lockt.
Zu Swann oder zu den Guermantes hin, das war für den jungen Marcel die Frage. Zwei getrennte Welten buhlten um seine Gunst. In der Recherche du temps perdu hat Marcel Proust die Welt seiner Kindheit aufgeteilt in zwei schmerzlich unvollständige Teilwelten. Urs Widmers Doppelroman, dessen zweiter Teil nun vorliegt, ist von anderer Statur. In diesem einen Punkt indes gleicht er Prousts Kindheitserinnerung. Die Welt des Vaters und die Welt der Mutter sind zwei sich beinahe ausschliessende, komplementäre Teilwelten, in deren Mitte beklommen der kleine Junge, ich, steht. 
Radikaler hätte sich die familiäre Kluft nicht ausdrücken lassen, als wie es Urs Widmer im Mutterbuch getan hat. «Wenige Monate später heiratete auch sie», heisst es auf Seite 74. Vierzig Seiten später ist er «plötzlich tot». Mehr ist nicht zu sagen. 
Der Vater, ein Hausgespenst? Mitnichten, wie Das Buch des Vaters nun zeigt. Es füllt jene Leerstelle und korrigiert die verzerrte Mutter-Perspektive. Nach und nach entdeckt es uns obendrein eine schillernde, faszinierende Persönlichkeit: Walter Widmer (1903–1965), der vorzügliche Übersetzer von Autoren wie Villon, Stendhal, Flaubert oder Balzac. Doch, wie gesagt, ist Vorsicht ist geboten. Ein Buch ist ein Leben für sich. Und der Vater darin heisst Karl. 
«Mein Vater war ein Kommunist», beginnt es ohne Umschweife, um gleich nachzuschieben, dass er es nicht immer war und später gar nicht mehr. Mit schnellen Strichen peilt Urs Widmer auf den ersten Seiten seines Vaterbuchs zwei Höhepunkte an. Zum einen die Heirat mit der Mutter, die auch hier durch spröde Schnörkellosigkeit irritiert. Zum andern der Tod des Vaters, der am Ende aus veränderter Perspektive ein zweites Mal erzählt wird und so dem Vaterbuch einen Rahmen verleiht.

Das Buch des Vaters – das Buch der Mutter

Der Struktur nach korrespondiert es mit dem Mutterbuch. Die chronologische Erzählung der Ereignisse wird mehrfach aufgebrochen durch Motive aus der väterlichen Familienwelt, die sich wie eine anachronistisch anmutende Gegenwelt in die Erzählgegenwart herein drängt. Wir sehen Karl, wie er sich allein auf eine unwirklich wirkliche Rite de Passage ins väterliche Dorf begibt, um da seine Initiation zu empfangen. Urs Widmer hat hierfür eine Sprache gefunden, die an Gottfried Keller Mass nimmt und so einen Kontrast zur nüchternen Sachlichkeit des familiären Alltags setzt. Nirgends stärker als in diesen Episoden lässt sich der fiktionale Charakter des Vaterbuchs ablesen. 
Im Unterschied zum Mutterbuch erhält hier auch die Frau des Vaters ihren Platz zugewiesen. «Sie wollte zufrieden sein», heisst es in jenem kurz angebunden; hier nun wird spürbar, dass es anfangs sogar etwas mehr war. Mutter will mit Vater glücklich sein. Deshalb hält sie sich mit Bedacht zurück, wenn er mit seinen Kommunistenfreunden wegbleibt oder mit vollen Händen das Geld, ihr Geld, für Schallplatten und Bücher ausgibt. Zuerst unmerklich, dann immer deutlicher driften ihre beiden Welten indes auseinander. Vater liest und übersetzt, Mutter gräbt mit verhaltenem Gram den Garten um. Dazwischen das Ich. Und Schweigen. Die Gravitationskraft lässt spürbar nach. 
Sein Vater- und sein Mutterbuch hat Urs Widmer brillant aufeinander abgestimmt und miteinander synchronisiert, ohne dass beide je ihre Eigenständigkeit verlören. Die Berührungspunkte wirken wie kleine Nadelstiche: offene Schnittstellen. Die Mutter teilt ihre Schwangerschaft zuerst ihrem ehemaligen Geliebten mit. Der Vater steht daneben und ist verwundert, die Leser und Leserinnen mit ihm. Sind die Gerüchte wahr, die herum geboten werden, dass sie nach ihrer Verstossung einfach den erstbesten Mann genommen habe?

Der Stachel sitzt tief auch in diesem Buch.

Vater und Mutter sind einander zugetan, keine Frage, doch ist es Liebe, gegenseitiges Verstehen? Auch Vater träumt einem alten Schwarm nach. Seit seiner Initiation schwebt ihm eine platonische Traumliebe vor, die er damals nicht zum Tanz aufgefordert hat. In der Nacht vor dem Tod begegnet er ihr unverhofft wieder. 
Der Erzähler mitten drin, sich selbst, ich, zwischen Kommas zaghaft in Erinnerung rufend. Gegenüber dem Vater scheint ihm dies offenkundig leichter gefallen zu sein. Ist der Mutter die Liebe zu ihrem Jungen misslungen, so fühlt sich dieser wenigstens in die väterliche Tradition aufgenommen. Auch Karl hat bei seiner Initiation das grosse weisse Buch erhalten, das er mit seinem Leben füllen wird bis zum Tod. «Das Buch des Vaters» ist so etwas wie ein Realersatz dafür, dass die Mutter jenes weisse Buch weggeworfen hat, bevor es der Sohn hat lesen, weiter tragen können. 
Die grössere Vertrautheit mit dem Vater macht sich stilistisch bemerkbar. Widmer erzählt in diesem Roman gelassener, runder. Lakonisch raffende Passagen wie im Mutterbuch fehlen weitgehend, an ihre Stelle tritt die geradezu euphorisierende Begeisterung des Vaters für seine Bücherwelt. Der Autor scheint sie eher zu teilen als Mutters Gartenarbeit. 
Beide Romane bezeugen ein liebevolles Gedenken. Zugleich aber lassen sie erahnen, welche Mühe dem Autor die literarische Verarbeitung bereitet haben dürfte. Mit den beiden komplementären Büchern, die sich auf subtile, kluge Weise ineinander verzahnen, hat sich Urs Widmer ein bewegendes familiäres Diptychon geschaffen, das förmlich nach einem dritten Teil ruft: der Junge, ich, zwischen diesen beiden schwierigen Portalfiguren seines Lebens.

Rassegna stampa (selezione)

E' davvero una puntualità elvetica quella con cui Urs Widmer si presenta ogni due o tre anni, ma a volte perfino con cadenza annuale, all'appuntamento con il nuovo romanzo e con il relativo tour promozionale. Questa puntualità, in un'epoca nella quale anche la letteratura sembra assumere un carattere aziendale, potrebbe destare a dire il vero alcuni sospetti, sospetti che forse sono fondati nel caso di altri autori ma che nel caso specifico di Urs Widmer si rivelano assolutamente fuori luogo. L'ennesima e probabilmente definitiva dimostrazione è fornita da questo nuovo romanzo, Das Buch des Vaters, un libro che sembra destinato a bissare il successo del precedente Der Geliebte der Mutter e che mostra un Widmer davvero ispirato, capace di costruire una storia di grande impatto e di grande suggestione, capace soprattutto di dar vita ad un intreccio narrativo mai scontato, mai banale e mai prevedibile. Se nel precedente romanzo Widmer si era concentrato sulla figura della madre, in questo nuovo romanzo la figura centrale è invece rappresentata dal padre. O per meglio dire, come suggerisce il titolo: dal «libro del padre», un libro fatto di pagine vuote che il figlio riempie raccontando in questo modo la storia della vita del padre. La vita del padre raccontata dal figlio è una storia nella quale la «petite histoire» della quale parlava Stendhal si mescola con i grandi avvenimenti storici e politici che hanno sconvolto il secolo appena trascorso, al punto che il piano individuale e quello collettivo e sociale finiscono per coincidere. E in questo modo il libro si presenta pagina dopo pagina come un resoconto lucido, dettagliato ma anche profondamente poetico delle grandi speranze e delle grandi delusioni di questi ultimi decenni. Das Buch des Vaters stazionerà per parecchio tempo ai piani alti delle classifiche di vendita. Ma, una volta tanto, qualità e quantità andranno d'accordo. (Mattia Matonvani, 15.1.2004, © Rete2 - RSI)