Polyrhythmus und Melodie

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 21/06/2007

Seit seinem Erstling Der Wettermacher von 1993 experimentiert Peter Weber mit der deutschen Sprache und entlockt ihr neue Töne, die auf verblüffende Weise prosaisch klingen. Seine bislang vier Bücher bewahren trotz lyrischer und lautmalerischer Stilmittel in ihrem Zentrum doch stets das Erzählerische auf. Weber ist ein Fabulierer, kein Lyriker, und die wortlose Musikalität pflegt er nur beim Spiel mit der Maultrommel.
Für sein literarisches Schaffen hat Peter Weber dieses Jahr den Solothurner Literaturpreis zugesprochen erhalten. Sein viertes und jüngstes Buch Die melodielosen Jahre hat der Jury dabei die letzten Zweifel genommen, wie sich ihrer Begründung entnehmen lässt:
«All diese Erzähl- und Klangbewegungen finden im neuen, vierten Buch, dem Roman Die melodielosen Jahre, zu neuer Meisterschaft. Peter Weber beschreibt darin die Epoche von 1989 bis heute, und hält der darin drohenden Melodielosigkeit seine eigenen Sprachklänge entgegen. In mal spielerischer, mal nachdenklicher Weise konfrontiert er sich auch mit der eigenen Biographie in dieser 'Schwellenzeit zwischen analog und digital'». (Quelle: http://solothurn.kat.ch)
Im vorletzten Buch Bahnhofsprosa (2002) finden sich die beiden Zeilen:
«Ich aspiriere. Ins Offene.»
Und ganz zum Schluss:
«Schon drängen neue Leute zwischen die geteilten Wellen.
‹Ufer, analog, digital.›
Vierstelstündlich entstehen unsere Weltmeere neu. […] Man wird mich belangen.»
Implizit klingt in diesen beiden Passagen der neue Roman bereits an. Ins Offene schreiben, dies tut Peter Weber in «Die melodielosen Jahre» erst recht und auf neue Weise.

Was ist ein Roman?

Die Frage ist alt und erhält immer wieder neue Antworten. Romane schildern Menschen und Ereignisse und betten sie in einen geschlossenen Erzählrahmen ein. Roman heisst auch Peter Webers Buch im Untertitel, doch dies mag erstaunen angesichts der Form, in der es sich präsentiert. Der klassischen Definition hält Weber seine eigene Variation entgegen. Die melodielosen Jahre ist untergliedert ist kurze, zuweilen minimale Textsamples, die zu 13 Kapitel verklammert Kapitel sich locker und lose aneinanderreihen und keine schlüssige Erzähldramaturgie mehr erkennen lassen.
Peter Weber stellt die Form des Romans damit hart auf die Probe. Auf der Schwelle «zwischen analog und digital» lenkt er seine überschiessende Gestaltungskraft und sein fabulierendes Ausdrucksbedürfnis in neue Bahnen. Er lässt Musik und Text mit kompositorischem Gespür ineinander verschmelzen. Die repetitive Anordnung von bekannten Leitmotiven: Bahnfahrten, Bergmassive oder Elemente aus der eigenen Biographie werden zu einer brüchigen Textur arrangiert, zu der wesentlich auch die Pausen, Brüche und Wiederholungen gehören.
Der erzählte Protagonist Oliver befasst sich mit frei improvisierter Musik und stösst dabei auf das «Repetitive» als neue treibende Kraft, die durch die Samplingtechnik möglich gemacht werde: «Glaubst du, das dein Ohr denkt?»
So treibt Peter Weber hier seine literarischen Klangexperimente weiter voran. «Wörter und Wortbedeutungen werden sinnfrei, wenn man sie wiederholt, sie werden Klang, Geräusch, behängen sich mit Ausrufezeichen oder Fragezeichen.» In seinen Poetik-Vorlesungen prägte der amerikanische Autor Raymond Federman den Begriff «Surfiction». Dessen Effekte bestehen darin, dass sie «die Fata Morgana einer fassbaren Form vorgaukeln». Jedes Erzählelement ist exakt an dem Ort, wo es zu stehen hat, doch ohne weiterhin die Realität zu imitieren. Die Wirklichkeit besteht in einer Fiktion, «also in der Sprache, die sie zum Ausdruck bringt».
Weber folgt Federman in diesem Punkt. Sein Roman ist zuallererst Sprache. Er geht aber einen Schritt weiter – weiter auch als in den ersten drei Büchern –, über die sprudelnden, melodischen Phantastereien hinaus in kantigeres Erzählgelände, das er mit sicherem Schritt durchwandert, doch eingedenk, dass er dabei hin und wieder auch einzelne Steine lostritt. Die auf den ersten Blick oft überraschende Komposition: das Durcheinander von Themen und Motiven, erhält ihren Kitt durch feine, zuweilen fast unsichtbare Verbindungsglieder. Thematische Bezüge einerseits, vor allem aber das Element Wasser sind – um bei der Bergmetapher zu bleiben – gewissermassen der kühl kalkulierte Permafrost, der ein lockeres Erzählgelände untergründig zusammenhält.
Das Wasser
Die melodielosen Jahre erzählt von Reisen durch die Schweiz und durch Europa. Das Wasser ist dabei steter Anziehungspunkt, an den es den Erzähler – der mal ich, mal Oliver, mal O heisst – zieht: Flüsse, Seen, Meere – auch Wolkenmeere oder vorbeischiessende, sich verflüssigende Landschaften im Ausblick aus dem ICE. Wasseradern durchziehen die Erdteile und verbinden alle Landschaften. Aus dem Schwarzen Meer kamen die Fische über die Donau in die Schweiz – vielleicht auch jene sagenhafte kanadische Regenbogenforelle, die mitten im Gotthard den Urquell aller europäischen Flüsse auf seine Wasserqualität prüft. Lebt sie, lebt Europa – erzählt eine unausrottbare Sage, die der Erzähler in Warschau vernimmt.
Verflüssigend wirkt auf den Schreiber aber auch jenes Medium, das die Schreibmaschine abgelöst hat: das digitale Medium.
Ein fliessendes Kontinuum – über alle Synkopen, As- und Dissonanzen hinweg – bildet schliesslich die rhythmische Struktur, die Musik, die sowohl Thema in diesem Text ist wie formales Kernelement. Überlegungen zur improvisierten Musik, die Oliver anstellt, verleihen dem Roman eine bereichernde selbstreflexive Grundspur, die sich zusehends in den Text selbst auflöst. «Monotonie hiess die untergründige Umgestalterin, Melodien wurden lustvoll zermahlen, verschluckt, auch Sprachmelodien. Montonie wirkte tief ins Sinngewebe ein.» Die hie rund im Titel angesprochene Melodielosigkeit bilanziert letztlich nicht einen nostalgischen Verlust, sondern begründet auf Basis einer rhythmischen Akzentuierung eine neue Melodie, die auch erzählerisch manifest wird.
«[…] im Swing, fühlte O, war der Text von allen Seiten berührt und umfasst, umgarnt, zugleich war diese Musik ein Spiel mit der Erinnerung, sie rief laufend ihre Herkunft in Erinnerung, zitierte sich selber, formte sich um, alles in allem dem Erzählen verwandte Abfolgen und Anordnungen.»
Still-Leben und Biographie
Ob der formalen Mittel, mit denen Weber seinen Roman komponiert, darf freilich die erzählerische Substanz nicht vergessen gehen. Die losen Erzähltexte summieren sich zum unabgeschlossenen Porträt einer Epoche, die zeitlich mit dem Mauerfall und der «Wende» 1989 einsetzt. Vereinzelte, weiter in die Vergangenheit zurückreichende Reminiszenzen (wie die Tiergeschichten im 7. Kapitel) grundieren diese Erfahrungen, die Weber in groben Umrissen und feinen Detailzeichnungen festhält.
Vor allem kleine erzählerische Glanzstücke wie die von Mr. Please machen den Roman zum beglückenden Leseabenteuer. Der Erzähler sass – 1997 – in einem Zimmer in Ostlondon und sah, wie draussen vor dem Fenster eine berittene Polizeipatrouille vorüberschritt. Von den Beamten ignoriert, nickte er artig den beiden Pferden zu, die «mit beweglicher Lippe und hellem Gebiss zurückgrüssten». Sie rieten ihm, gut auf die Melodien zu achten und stets dem Sound zu folgen.
«Please! Mister! Please!» hatten ihn Schulkinder Tage zuvor gebeten, ihnen den Ball über den Drahtzaun zurück zu werfen. So war er im multiethnischen Ostlondon angekommen und getauft worden. Er suchte hier Abstand von der «helvetischen Idyllenbewirtschaftung», und bekam an trüben Wintertagen doch nur Lust, «in der Schweiz Urlaub zu machen, als englischer Tourist». Immer wieder flüstern ihm dabei die Pferde zu, was zu tun sei.
Diese ins Phantastische ausgreifende Episode ist ebenso biographisch geerdet wie etliche andere Geschichten und Begebenheiten in diesem Buch. Diskret, unangestrengt stellt Weber so auch eine Kontinuität über sein gesamtes Werk her. Der Wettermacher reist mit im Zug zurück ins Toggenburg. Im Aargau sprudeln die Quellen, und die mächtige Hausorgel im Zürcher Hauptbahnhof klingt unterschwellig fort.
Als Leser begegnen wir auch häufiger als früher dem Autor selbst: in seinem abgedunkelten Schreibzimmer, mit Blick auf den Üetliberg, oder beim Schreiben einer Totenrede auf seinen Vater. Peter Weber lässt diesbezüglich in diesem Buch mehr zu.
Vor allem sehen wir ihn immer wieder – nicht selten mit A – an fremden Ufern den Blick auf die Welt richten und sie in kleine, präzise, wunderbare Still-Leben fassend, bannend. In Prag, der «Wasserfassadenstadt», lehnt sich der Erzähler arglos aus dem Fenster seines Schlafzimmers und schaut einer Touristengruppe zu, die zu ihm hochschaut: «O spürt die Blicke, Wünsche, er wird sofort mit dem Fensterrahmen vernäht, er verklebt mit Wunschbildern fremder Augen. Er wird für einen echten Tschechen gehalten, für einen typischen Einheimischen, nachdem er gerade seine erste Nacht in Prag verbracht hat.» Solche Still-Leben halten Momente fest, die sich an den Rändern sogleich wieder verflüssigen und deshalb erzählerisch eingedämmt werden müssen.
Nicht zuletzt sie sind es, die der experimentellen Konstruktion dieses Romans spielerische Leichtigkeit und Charme verleihen. Respektvoll grüsst Mr. Please seinerseits die Leser und sehnt sich solange nach dem Schnee, wie der unerreichbar weit entfernt auf den Schweizer Bergen liegt.