Lied aus der Ferne

Yusuf Yeşilöz

Im Eingang des Postgebäudes liegt ein Toter, ein abgewiesener Asylbewerber. Ohne grosse Motivation macht sich der Polizeibeamte Schenker an die Arbeit, den Mord aufzuklären. Erste Spuren führen zum kurdischen Sänger Kalo Baran, der seit Jahren in der Schweiz lebt und mit einer Schweizerin verheiratet ist. Baran weiss mehr, als er zuerst preisgibt. Und später erzählt er in Bildern, die für Polizisten nur schwer verständlich sind. Schenker jedoch ist zunehmend fasziniert und gleichzeitig verunsichert von der fremden Welt, die sich ihm bei seinen Ermittlungen auftut.

In seinem neuen Roman, der in einer Kleinstadt spielt, führt Yusuf Yeşilöz mitten hinein in die unterschiedlichsten Milieus, er scheut sich nicht, auf Ungereimtheiten – auch jene in Migrantenkreisen – hinzuweisen, mit einem Augenzwinkern. Mit feinem Humor und in leisen Tönen zeigt er, dass es den Ausländer und die Schweizerin nicht gibt.

Von Kurden und Kunden

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 14/03/2008

Heimat und Entfremdung sind zentrale Themen bei Yusuf Yeşilöz, auch in seiner Krimierzählung Lied aus der Fremde. Der gebürtige Kurde beobachtet Heimat von zwei Seiten her: einerseits ist die Schweiz die Heimat von Einheimischen, den Polizisten, andererseits pendeln kurdisch-türkische Einwanderer zwischen zwei Heimaten, die immer fremdere Züge annehmen.

Letzteres spitzt Yeşilöz in seinem Roman zu einem Kriminalfall zu, der der Polizei Kopfzerbrechen bereitet. Ein toter Türke, offenkundig ermordet, wirft Fragen auf, die keine Antworten erhalten. Die Polizei tappt im Dunkeln, weil es ihr nicht gelingt, im kurdisch-türkischen Umfeld auf Vertrauen zu stossen in Form von Zeugenaussagen, Mutmassungen und Detailinformationen. Verstocktes, wissendes Stillschweigen allüberall. Dies liegt auch an der Sprache, doch mit dem Musiker und Übersetzer Baran hilft der Polizei ein diesbezüglich erfahrener und in beiden Mentalitäten erprobter Mann. Weil auch Baran mehr zu wissen scheint, als er auf Anhieb preisgibt, gerät er aber selbst in Verdacht.

So ist er ein Teil des Problems. Denn Baran, der mit einer resoluten Schweizer Juristin verheiratet ist, steckt tief im Zwiespalt zwischen seinen Wurzeln und seinem Willen zur Integration. Wie sich allmählich herausstellt, liegt dieser Zwiespalt auch dem zu untersuchenden Mordfall zugrunde. Der ermordete Türke, der illegal in der Schweiz weilte, hatte es nicht geschafft, für sich und seine Familie in eine neue Heimat aufzubauen, was insbesondere seine Kinder verwirrte und verstörte.

Yeşilöz benutzt die klassische Krimihandlung vor allem dafür, Einblick in eine höchst komplexe Realität zu geben. Das Schöne am Krimi-Genre ist, dass die Rollen klar verteilt sind zwischen Opfer, Täter, Verdächtigen, Zeugen und Polizisten. Darüber braucht nicht mehr diskutiert zu werden. Umso auffälliger ist es daher, wenn diese Rollen sich verschieben oder überlagern, also ins Wanken geraten. Genau dies macht sich Yeşilöz listig und mit feiner Ironie zunutze. «In den Brief hatte sich ein Tippfehler eingeschlichen: Statt ‹Kunden› war da ‹Kurden› zu lesen», erfährt Baran einmal aus seiner Korrespondenz. Der Verschreiber ist Zufall – und über diesen Zufall hinaus auf gewitzte Weise vielsagend.

Wie sich schnell erweist, steckt nicht nur Baran im Dilemma, auch der Kantonspolizist Schenker ist nicht frei davon. Einesteils ein Vertreter von Recht und Ordnung, der solches mit Nachdruck auch von den Türken fordert, lässt er sich andernteils durchaus zu einer menschlichen Komplizenschaft verführen – nicht zuletzt, weil seine Frau von Barans Musik schwärmt und überhaupt sehr offen ist für fremde Kulturen. Dem kann sich Schenker nicht entziehen. Abgesehen davon, dass er und seine Kumpels ihren Mittagslunch oft beim Döner-Türken einnehmen.

So hat Yeşilöz vielleicht keinen brillanten Krimi geschrieben, dafür einen wachen, gewitzten Roman über das schwierige interkulturelle Zusammen- und Aneinandervorbeileben in einer mittleren Schweizer Stadt.