Gegengabe

Felix Philipp Ingold

Der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Felix Philipp Ingold (geb. 1942) hat in den letzten 40 Jahren ein respektables Werk publiziert, das Gedichte, Prosa und Essays sowie zahlreiche Übersetzungen vorab aus dem Russischen und Französischen umfasst. Sein opulentes Buch Gegengabe legt von diesem Reichtum Zeugnis ab.

Felix Philipp Ingold gibt sich darin als ebenso leidenschaftlicher wie kritischer Wortarbeiter zu erkennen. Er denkt über das Handwerk der Literatur nach, reflektiert Lektüren und gibt Kostproben seiner poetischen Arbeit, in der Mehrzahl Übersetzungen. In längeren Erörterungen etwa über Samuel Beckett, über den «Verrat» des Übersetzens oder über poetisches «Sprachdesign» demonstriert er, dass Lesen-Schreiben-Denken für ihn eine untrennbare Einheit bilden. In der Sache braucht man ihm gar nicht immer recht zu geben, seine Argumentationen fordern auch dann Respekt ab, wenn sie Widerspruch provozieren. Seine bedingungslose Vorliebe gilt dabei den Autoren der klassischen Moderne, namentlich Char, Pinget, Blanchot, Valéry, Nabokov, Canetti oder Beckett.

Zwischen Essays, Gedichten und Gedankensplittern wird immer wieder auch Persönliches erkennbar: Traumszenen, oder Spaziergänge in der idyllischen Umgebung von Ingolds Haus in Romainmôtier.

Gegengabe ist ein vielgestaltig schillerndes, höchst anregendes Lesebuch, das Seite um Seite mit Gedichten, essayistischen Betrachtungen und bemerkenswerten Anekdoten aufwartet und so eine formenstrenge Poetik entfaltet, in der sich der präzise Analytiker Ingold selbst spiegelt.

Lektüren für Fortgeschrittene

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 15/10/2009

In der indianischen Potlatch-Kultur gehören Geschenk und Gegengeschenk zu einem übergeordneten System der Beziehungspflege, das gelegentlich auch aus den Fugen geraten kann. Gegengabe von Felix Philipp Ingold situiert sich im Titel in einem solchen System, bei dem freilich nicht reale Objekte (das Buch ausgenommen) ausgetauscht werden, sondern Zeit und Aufmerksamkeit. Die sorgfältige Lektüre ist der Preis, den Ingold für sein Geschenk einfordert.

1942 in Basel geboren, hat der Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Felix Philipp Ingold seit seinen dichterischen Anfängen 1967 ein respektables Werk publiziert, das Gedichte, Prosa und Essays umfasst. Daneben hat er eine Vielzahl von Büchern aus dem Russischen, Französischen und Tschechischen übersetzt.
Sein opulentes Buch Gegengabe legt von diesem Reichtum Zeugnis ab. Felix Philipp Ingold gibt sich darin als ebenso leidenschaftlicher wie kritischer Wortarbeiter zu erkennen. Er denkt über das Handwerk der Literatur nach, reflektiert Lektüren und gibt Kostproben seiner poetischen Arbeit, in der Mehrzahl Übersetzungen. In längeren Erörterungen etwa über Samuel Beckett, über den «Verrat» des Übersetzens oder über poetisches «Sprachdesign» demonstriert er, wie Lesen-Schreiben-Übersetzen-Denken das Geviert seiner literarischen Arbeit abstecken.

«Edmond Jabès resümiert all jene Stimmen – […] – in dem schlichten Satz, wonach dichterisches Schreiben nichts anderes sei als die intensivste Art zu lesen.»


«Schreiben hat mehr mit Lassen als mit Tun zu tun. Dichten heisst der Sprache zuarbeiten. Mal abwarten, mal zusehn, wie der Text sich auslebt dabei.»

Ingolds Poetik ist mit Leidenschaft der literarischen Moderne verpflichtet, die sich gleichermassen respekt- und liebevoll mit Namen wie Beckett, Mallarmé, Pinget, Char, Blanchot, Valéry, Nabokov, Kafka, Canetti oder ihren russischen Impulsgebern Dostojewski und Tschechow verbindet. Sie alle erhalten hier ihren gebührenden Platz. Und dazu Thomas Pynchon, der «Alibiautor» der schwierigen Literatur, der im gegenwärtigen Feuilleton gerade eben noch durchgeht. Ihrem Arbeiten und Wirken widmet Ingold einige glänzende Essays. Ergänzt, begleitet, illuminiert werden sie von Gedicht-Übersetzungen aus den verschiedensten Sprachen sowie von kurzen Gedankensplittern.
In der Sache braucht man ihm gar nicht immer recht zu geben. Die Parteilichkeit für das poetische Handwerk der Moderne verführt Ingold zu einer sehr kritischen Betrachtung der Gegenwartsliteratur, der er kaum mehr viel zutraut. Ihre «Wortinflation» behagt ihm ebenso wenig wie die aufdringliche Ich-Bezogenheit, die das Sprachliche zu Gunsten der Marktgängigkeit vernachlässigt. Auch wenn sie in der vorgetragenen Rigorosität zuweilen überzogen und ungerecht erscheint, ist solche Kritik im Kern nicht ganz von der Hand zu weisen.

«Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie sehr individuelle Autorschaft vor gar nicht so langer Zeit an der internationalen literarischen Front verpönt gewesen ist und dass man sie auf den ‚Nullpunkt des Schreibens' hat zurückführen können.»

Die Experimente der Moderne sind unter neuen Zeitumständen nicht mehr wiederholbar, und ja bereits auch durchgeführt. Zudem ist Gegenwärtiges stets kontaminiert mit der Unsicherheit, ob es sich bewähren würde. Dennoch verarbeiten Autoren wie beispielsweise Thomas Meinecke, Kathrin Röggla, Reinhard Jirgl oder Lavinia Greenlaw Gegenwart sprachlich in einer Weise, die zeitgemäss über die Ränder der narzisstischen Selbstbespiegelung hinausweist.
Ingold bleibt diesbezüglich aber skeptisch. Und wenn er zu konkreten prägnanten Analysen ansetzt, erscheinen seine strengen Argumente durchaus schlüssig.

Zwischen Essays, Gedichten und Gedankensplittern wird immer wieder auch Persönliches erkennbar: Traumszenen, oder Spaziergänge in der idyllischen Umgebung seines Hauses in Romainmôtier.
«Allerdings ist mir das Vertraute, das Heimatliche schon immer fremder gewesen als das wirklich Fremde, und die wirkliche Fremde (auch die, deren Sprache ich nicht kenne) ist mir erfahrungsgemäss vertrauter als die wirkliche Heimat.»

Hierin wird spürbar, dass die Freiheiten, die Ingold seit seiner Befreiung von der Erwerbsarbeit an den Universitäten Zürich und St. Gallen erst recht pflegt, auch verbunden sind mit Beschränkungen. Unter dem Datum des 18. Juni 2007 heisst es:
«In diesen Tagen, da auf der Biennale, der Documenta, der Art Basel die Weltkunst floriert und verkauft wird, da kiloweise Verlagskataloge für den Herbst ins Haus kommen, da die Sommerfestivals angekündigt werden – stelle ich fest, dass ich so gut wie nicht davon mehr brauche; und schon kommt ein jäher Horror auf beim Gedanken, dass eigentlich nur noch das, was man selber macht und verantwortet, von irgendeinem Interesse ist; dass das Interesse am Machen längst rezenter ist als das am Gemachten.»

In diesem Licht erscheint die Begegnung mit dem gealterten Elias Canetti, die Ingold mit dezenter Zurückhaltung beschreibt, wie ein Schlüsselerlebnis. Wiederholt sah er ihn in Zürich, doch nur einmal kam es zwischen ihnen zum Gespräch. Canetti wirkte dabei der Welt entrückt. Eine seiner späten Aufzeichnungen hat Ingold im Nachhinein diesen Eindruck bestätigt. Canetti schreibt: «Viel ist mir entgangen, den Wenigsten von denen, die meine Lebenszeit ausgemacht haben, bin ich begegnet.»

Gegengabe ist ein vielgestaltig schillerndes, höchst anregendes Lesebuch, das Seite um Seite mit Gedichten, essayistischen Betrachtungen und bemerkenswerten Anekdoten aufwartet und so eine formenstrenge Poetik entfaltet, in der sich präzise Analytiker Ingold selbst spiegelt. Das Buch will gar nicht in einem Zug gelesen werden, mit seinem Gewicht eignet es sich auch nicht für die Mitnahme auf Reisen. Gegengabe braucht einfach für eine Weile seinen festen Platz im Haushalt, um hier aufgeschlagen zu werden – wenn Zeit und Musse es erlauben.

PS: Leider fehlt darin ein Namensregister, das eine Lektüre peu à peu zusätzlich anregen könnte.

Nota critica

Gegengabe ist ein Buch, das man keinem Genre zuordnen kann. Es enthält Gedichte – selbstgeschriebene und übersetzte – Essays, Notate in der Art von Tagebucheinträgen, kleine literatur- und kulturgeschichtliche Schlaglichter, Keime für Essays und Prosatexte. Was den Band auf elektrisierende Weise anregend macht, sind die unsichtbaren Fäden, die sich zwischen den scheinbar zufällig angeordneten Texten ziehen lassen, wenn man sich länger auf und zwischen den Seiten aufhält. Einzigartig ist die Spannung zwischen Machen und Reflektieren, zwischen Arbeit am Sprachmaterial und der Auseinandersetzung damit auf der Metaebene, die sich durch die Zusammenstellung ergibt. Ingolds Texte über das Schreiben zeigen den Leserinnen und Lesern aber gerade nicht den Königsweg zum Verständnis seiner Gedichte auf, sondern sie ermutigen dazu, sich auf eigene Lesarten einzulassen, es können auch eigenartige sein. Verstehen bedeutet nicht aufschlüsseln, was «gemeint ist», sondern dem Ohr, den Assoziationen vertrauen. Gegengabe ist mehr als ein Buch; es ist ein Raum für Gedanken und damit eine erweiterte Existenz. (Christine Lötscher)