Eine zufällige Begegnung

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 20/04/2007

Rituale können helfen, das Leben zu bändigen. Doch der Preis dafür ist meist hoch, denn Rituale schützen nicht vor Unvorhergesehenem. Unordnung und Veränderungen wecken Ängste. Wie ein Stachel bohren sich diese in die täglichen Gewohnheiten und drohen sie zu verletzen.
Claire und Rose begegnen sich zufällig im Zug. Als Claire, die Ich-Erzählerin, ungebeten von der fremden Frau angesprochen wird, wehrt sie zuerst instinktiv ab.
«Fast hätte ich gefragt, was sie aufschreiben wollte, besann mich aber rechtzeitig und liess das Fragen, weil es mich nichts anging, weil ich mich vor der Antwort fürchtete und weil ich auf keinen Fall ein Gespräch mit ihr anfangen wollte. Ich hatte meine eigenen Sorgen …»
Einerseits die forsche Direktheit, mit der Rose auf Claire zukommt, andererseits auch das eigene Harmoniebedürfnis bewirken, dass die Abwehr nicht gelingt. Rose vergisst ihren schwarzen Schirm, und Claire fühlt sich dafür verantwortlich. Sie nimmt ihn mit sich, um ihn Rose zurück zu bringen.
So ergeben sich, abermals aus Zufall, eine erste, dann weitere Begegnungen zwischen den beiden – und immer bleibt der Schirm vergessen. Obwohl Claire bei diesen Begegnungen höchst unbehaglich zumute ist, tut sie insgeheim dennoch das Ihre, dass sich die Zufälle wiederholen. Sie fühlt durch Rose zwar die peinlich durchorganisierte Einsamkeit bedroht, mit der sie sich panzert – zugleich spürt Claire auf nicht nur unangenehme Weise, wie das ihr fest gefügtes Leben durch Rose aufgelockert wird.

Alles bleibt doppeldeutig

Die Begegnung im Zug steht in Verbindung mit Claires Suche nach ihrer Tochter, die sie unmittelbar nach der Geburt zur Adoption frei gab, frei geben musste. Der Vater hatte sich davon gemacht. Auch wenn sie keine Ahnung hat, wo diese Tochter wohnt, möchte sie wissen, ob es ihr gut geht. So geht sie flüchtigen Spuren nach, um vielleicht doch fündig zu werden. Die Reise, auf der sie rose begegnet, war freilich wieder einmal vergebens.

Umgekehrt ergeht es Rose. Sie sucht ihre Mutter, die sie nie gekannt hat. So verbindet ein Makel des schmerzhaften Nichtwissens die beiden Frauen – auch wenn Claire inständig hofft, ihre Tochter möge nicht so wie Rose geworden sein. Was aber, wenn doch?
Die rätselhafte Beziehung zwischen Claire und Rose, das manchmal einem sehr persönlichen Duell gleicht, schwankt permanent zwischen Annäherung und Abstossung. Johansen inszeniert die prekäre Balance mit unbehaglich und zugleich fast luftig anmutender Widerspenstigkeit. Claire gibt sich mal mitteilungsbedürftig, mal wortkarg, mit dem Effekt, dass ihre Erzählung sich wie gegen eigene Widerstände entfalten muss.
Nur zögernd gibt sie Einzelheiten aus ihrer Biographie preis, allem voran den traumatischen Verlust des eigenen Kindes. Damals hatte sie keine Möglichkeit gesehen, sich und das Kind allein durchzubringen. Die Zeiten erlaubten dies nicht. So hat sie sich in ihre Einsamkeit ergeben und liebt heute ihre Arbeit, beinahe ingrimmig und pedantisch, auch wenn im Dunkeln bleibt, worin diese Arbeit genau besteht.
Die Bedrängnis durch Rose ist für Claire eine Gefahr, deren Tragweite ein Moment der knisternden Spannung schafft. Was will Rose eigentlich von Claire? Der Umzug aus der kleinen sauberen Zweizimmerwohnung ins unaufgeräumte Elternhaus ist einerseits eine Flucht vor Rose und ihrer Bedrohung, zugleich eine zweite Herausforderung, indem sich Claire mit ihrer eigenen Mutter konfrontiert sieht. Diese Spannung wird durch Hanna Johansen am Ende freilich etwas unbefriedigend aufgelöst. Rose muss sterben, damit Claire ihren Frieden finden kann. Den Schirm, das Pfand der Unfreiheit, hat sie vorher schon zurückgegeben.
Dennoch überzeugt der Roman durch eine beengende Kompaktheit, die das Geheimnis zwischen Claire und Rose mehr einhüllt als eröffnet und so alles in kunstvoller Doppeldeutigkeit, Doppelbödigkeit belässt. Beide, die zuweilen verkniffene Claire wie die schrille Rose, behalten ihr persönliches Geheimnis für sich. Fragen bringen nie Gutes hervor, weiss Claire, «während die schlimmen Folgen nicht nur unvorhersehbar, sondern auch unabsehbar zu sein pflegen».
So bleibt für sie alles beim Alten: «Ich bin zu Hause». Doch das anschliessende Präteritum desavouiert diesen erlösenden Satz gleich wieder: «Gut, dachte ich. Das war es.» Mehr hat Claire nicht zu hoffen, mehr will sie gar nicht mehr hoffen.

Nota critica

Schwarz ist nicht nur der Schirm, den die verwahrloste junge Rose im Zug liegen lässt und der sie damit schicksalhaft mit der Ich-Erzählerin Claire verbindet, schwarz sind auch die Abgründe, die sich hinter der Oberfläche der vermeintlich wohl organisierten Existenz Claires verbergen. Hanna Johansen erzählt mit Sinn für finstere Komik, lässt ihre Figur mehr und mehr sich selbst demontieren, bis am Ende ein Orkan durch ihr Leben braust. (Christine Lötscher)