Lena

Hanna Johansen

«Es ist einfach zuviel drin, in meinem Kopf, zuviel Vergangenes, das noch da ist, und es wird mehr.»

Von der Liebe in anderen Zeiten

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 27/06/2002

In ihrem opulenten Roman Universalgeschichte der Monogamie (1997) erzählte Hanna Johansen von Sophia, die sich bei ihrer Grosstante Lena einquartiert hat, um ihre ambitiöse Arbeit mit demselben Titel zu vollenden. Sophia hat das Werk vollbracht, Lena blieb eine Randerscheinung. Nun dreht sich der Spiess um. Im neuen Roman Lena erinnert sich die Grosstante – auf das Eintreffen ihrer Nichte wartend die zu Besuch kommt.

Lena freut sich auf den Besuch ihrer Nichte. Noch ein paar Stunden bleiben, um alles vorzubereiten. Um nachzudenken auch, denn das Nachdenken lässt sich nicht vermeiden. Der Kopf, «voller Toter», kann es nicht lassen. Die Figuren der Vergangenheit, fast alle längst verstorben, kehren ein, unabweisbar. Sie ist die ewig gleichen Selbstgespräche gewohnt, ein Kopf voll nuschelnder Toten. Zieht Lena an einem der Erinnerungsfäden, regt sich gleich ein ganzer Knäuel von unentwirrbar verknoteten Anekdoten. Noch und noch dieselben, selten nur blitzt eine neue Geschichte auf.
Lena freut sich, doch ein bisschen ist sie auch beklommen.
Sie hat ihrer Nichte ein Geheimnis zu verraten, ein längst fälliges Geständnis zu machen. Sie ist die letzte, die die Bedeutung eine solchen Satzes versteht: «Ich habe sie selbst geboren, meine Nichte, und das weiss sie immer noch nicht.» Die Nichte ist eigentlich ihre Tochter. Irgendwie hat sich seither keine Gelegenheit ergeben, es ihr zu sagen. Irgendwie passte es nie, am Ende aber muss es gesagt sein, der Wahrheit zuliebe. Die 80jährige Lena ist die letzte, die davon weiss.
Die Schwester Lotte half ihr aus, indem «ich schwanger war und sie das Kind bekommen sollte». Lotte wünschte sich ein Kind, und sie war glücklich verheiratet. Lena dagegen lebte mit einem ungeliebten Stockfisch zusammen, eine «Vernunftheirat», um nicht mehr in die Fänge der Liebe zu geraten. Doch dann hat sie Willem getroffen, der seinerseits verheiratet war.
Das gemeinsame Kind wäre ein Skandal gewesen. Der lebensbejahende, wagemutige Willem hätte ihn in Kauf genommen, doch die pragmatische Lena suchte einen Ausweg mit ihrer Schwester. Nur wie sollte sie dies endlich dem Kind sagen. Lena liegt die Pflicht auf dem Gewissen. Viel lieber möchte sie dies und jenes fragen. In ihrem Kopf spuken all die Toten umher, die sie überlebt hat. Ihr Kopf ist
Hanna Johansen legt mit ihrem Monolog ein kunstvoll fein gesponnenes Netz von Erinnerungen, Andeutungen, Zweifeln aus, in dessen stummer Mitte das Ungesagte, Ungefragte, Unbegreifliche steht. Je mehr sich Lenas Erinnerungsfäden verknäueln, desto seltsamere Gestalt nimmt die Vergangenheit an. Hätte es nicht ganz anders gewesen sein können?
Das Alter erst hält ihr Zeit und Musse bereit, um sich zu erinnern, um all die Toten zu trauern. Früher hatte Lena keine Zeit dafür: «Wir waren wohl immer zu sehr mit alldem beschäftigt, was als nächstes erledigt werden musst.» Bereits als Kind musste sie der kranken Mutter zur Hand gehen. Als diese mitten im Krieg starb und nach dessen Ende auch der Vater nicht zurückkehrte, übernahm sie die Verantwortung für die Familie.
Johansens Kunstfertigkeit beweist sich vor allem darin, dass sie hinter den fadenscheinigen Erinnerungen ihrer Erzählerin ein feinziseliertes, fragmentiertes Zeitbild durchscheinen lässt: Inflation, Machtergreifung, Krieg und Nachkrieg, Wirtschaftswunder lassen nicht zu, dass Lena und die Schwestern ihre Wünsche erfüllen können, mehr noch, überhaupt nicht zum Wünschen kommen.
Die Figuren der Vergangenheit werden von Lenas Erinnerungen gleichsam nur punktiert. Doch sie selbst ist sich unsicher, zweifelt am Gedächtnis, erprobt andere Sichtweisen. «Dieses Jahrhundert war entsetzlich.» bilanziert sie beinahe verzweifelt, dennoch hat sie Glück gehabt. Mehr noch, sie hat sich durchgesetzt. Lena, jetzt gebrechlich und etwas unmutig, muss eine starke, aussergewöhnliche Persönlichkeit gewesen sein, die nicht nur klaglos ihr Bündel getragen hat.
So wie sie sich im Leben einrichtete, entbehrt nicht der Tragikomik, zugleich verdient sie Bewunderung. Mit Fug und Recht glaubt Lena, viel Glück gehabt zu haben. Um sich für den stummen Willi selbst zu entschädigen, hat sie beinahe 50 Jahre lang mit Willem ein ebenso kompliziertes wie wunderbares Liebesverhältnis genossen.
Zu einem abenteuerlichen Leben bedurfte es, umständehalber, keiner weiten Reisen und extravaganten Lustbarkeiten. Der Alltag elbst war aufregend genug. Jetzt, wo sie allein zurückgeblieben ist, drei Jahre nach Willems Tod, nagen dennoch Zweifel und Schuldgefühle an ihr. Und dann ist da noch dieses Geheimnis.
«Lena» ist eine wunderbar intime Geschichte und zugleich ein historischer Roman, zusammengesetzt aus den Schimären der Erinnerung einer alten Frau. «Es ist einfach zuviel drin, in meinem Kopf, zuviel Vergangenes, das noch da ist, und es wird mehr» klagt sie und ist doch glücklich darüber, dass sie wenigstens die Schimären aus der Vergangenheit noch besuchen. Die Wahrheit möchte sie erinnern, doch was ist die Wahrheit. Gibt es Wahrheit mit Lücken, und erlaubt es Ungesagtes?
Eine breite Themenpalette geht ihr durch den Kopf, von der Autorin raffiniert zusammen gehalten. Hanna Johansen orchestriert Lenas verknoteten Monolog mittels klug gesetzten Wiederholungen, ohne ihn auf eine Chronologie zu verpflichten. Zeichnete sich die Universalsgeschichte der Monogamie durch ihre eher strapaziöse, ausschweifende Fülle aus, so konzentriert Johansen hier Kisten und Koffer voller Lebensgeschichten auf knappe 150 Seiten.