Chrüzfahrte

Ernst Burren

„mit dr frou und mir geits jo gäng wie meh hingenabe mir läbe äuö nümme eso lang de dörfe die letschte tassli wo mir no choufe scho echlei tüürer si mir hei jo schliesslich johrzähntelang gäng us de glich büige trunke“

Ernst Burren, Chrüzfahrte, S. 125.

Sigs wies wöu (= Sei es wie es wolle)

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 25/06/2003

Der 1944 geborene Ernst Burren ist jener Schweizer Autor von Format, der ausschliesslich in Dialekt schreibt. Sein jüngster Band mit Geschichten in Solothurner Mundart bestätigt diese kurze und knappe Charakterisierung.

Sigs wies wöu

Die Dialektsprache neigt unweigerlich zur Folklore. Ihr breite Melodie rührt „heimelig“ an, freilich um den Preis, dass sie sich gerne vor den Inhalt stellt. Seit 30 Jahren unterläuft der im solothurnischen Oberdorf lebende Ernst Burren diese Gemütlichkeit mit seinen Geschichten.

„Sigs wies wöu“, „es geit eim jo ou nüt a“ tröstet sich der Ich-Erzähler über das Angebot eines jungen Mannes hinweg, er könne für zwanzig Franken „e geili chatz“ haben. Mit einer Floskel mag die Irritation oberflächlich besänftigt sein, der wartende Mann und seine Frau bleiben darob dennoch den ganzen Tag deprimiert.

Unter dem Eindruck der kurzen Begebenheit verliert sogar der Arztbericht, den die Frau erwartet, jede Bedeutung: „villich ischs sowiso besser / wenn mir zwöi de öppe / chöi verschwinde“.

Die Geschichte „uf em bänkli“ ist typisch für Burrens neue Texte. Der Seufzer besänftigt die Unruhe, ordnet das Chaos ringsum, doch es bleibt eine lakonisch zur Sprache gebrachte Resignation zurück. Hinter der Gemütlichkeit des Idioms steckt die tiefe Angst über eine Welt, die nicht nur Käuze hervorbringt und Probleme, sondern grundlegend aus den Fugen geraten scheint.

„Ich glaube, dass zu jedem Menschen eine grosse Einsamkeit gehört“, zitiert Burren eingangs Jon Fosse. Der Satz gilt für alle seine Geschichten, gerade weil alle seine Figuren in soziale Strukturen eingebunden sind. Die Familien erscheinen allesamt zersprengt und zerstritten, und an der Verlässlichkeit der Freunde muss grundsätzlich gezweifelt werden.

Lebensangst und Verzweiflung bleiben jedoch unterschwellig, von Wohlanstand und eigennützigem Krämergeist unter Kontrolle gehalten. Burren zeigt die Folgen davon, dass es einen mitunter schaudert. Etwa wenn ein Paar die Taten eines Krankenpflegers bespricht, der todkranke Patienten getötet hat: „so geits natürlich nit / me muess do scho / e besseri lösig sueche“. Ohne Scham denken sie auch an die eigene Mutter, die bald ins Heim muss.

Es wird viel davon gelaufen in Burrens Geschichten, und viel gestorben. Alles Intakte bricht auseinander, nur das erzählende Ich und seine Frau bzw. ihr Mann scheinen unverbrüchlich zusammen zu halten. Ihre Eintracht lebt von den Geschichten, die um sie herum so passieren, wie man sagt.

Burren hält es mit mal lakonischer, mal grausamer Ungerührtheit fest. Dabei verweigert er sich jeder aufgesetzten Mundartlichkeit. Sprachpflege ist das letzte, was er anstrebt, vielmehr lässt er seine Figuren so reden, wie sie es in ihrem Alltag tun. Die lyrische Form mit freien Absätzen, doch ohne Satzzeichen, betont die sprachliche Musikalität - und zugleich die Doppelbödigkeit.

Es kann alles passieren im Leben, „dass es äuä / gar nid eso wichtig isch / wie gschid dass bisch“. Burrens neue Geschichten handeln viel von Traurigkeit, dagegen hilft die Robustheit des Common Sense nur mit Not. Der doppelbödige, tückische Witz, der dabei oft unfreiwilig entsteht, erzeugt ein trockenes Lachen, das im Halse stecken bleibt.

Ernst Burren: Chrüzfahrte. Mundartgeschichten. Cosmos Verlag, Muri bei Bern 2003