Durch und durch

Zsuzsanna Gahse

Zwischen durch habe ich mir überlegt, dass in diesem Grenzgebiet, das etwas im Abseits liegt, das kaum beachtet wird, vielleicht für jeden ein (persönliches) Klima entsteht, ein ruhiges Arbeitsklima, wie es, wenn auch in anderem Sinn, auch Dirigenten haben, die ebenfalls in einer guten Abgeschiedenheit leben und deren Köpfe oft bis ins hohe Alter schön bleiben.

Aus: durch und durch, Müllheim / Thur in drei Kapiteln, S. 20.

Das Welttheater am Lindenplatz

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 03/05/2004

Seit fünf Jahren lebt Zsuzsanna Gahse in Müllheim (TG). Das Ostschweizer Dorf auf der Durchfahrtsachse Kreuzlingen – Frauenfeld ist ein Wohnort aus Zufall. Wo andere durchziehen, ist Gahse geblieben. Und schaut auf den Platz vor dem Fenster hinaus.

Wo Reisende durchziehen, treffen sie sich manchmal, richtig oder in der Erinnerung. Auf dem Weg aus dem Osten nach Amerika sei hier - «nehme ich an» – auch Onkel Julius vorbeigekommen. Lange vor ihr wäre er so denselben Weg gegangen wie die Autorin. Beinahe zumindest. 
Denn Zsuzsanna Gahse hat es nicht bis nach Amerika geschafft. Bevor sie sich in Müllheim ans Fenster stellte, um zu beobachten, wer vorüberfährt, ist sie in Budapest aufgewachsen, hat sie in Wien, Stuttgart und Luzern gelebt. Wer weiss, ob sie ihn Müllheim bleibt. 
Der Platz am Fenster ist somit auch ein Ort, um übers Reisen nachzudenken. Dabei schweift die Phantasie ab. Die Hunnen kommen von Osten, und ihnen entgegen von Westen Napoleon hoch zu Ross. Dazwischen präzis scharfe Bilder von der dörflichen Umgebung, denn genau gesehen gäbe es hier «erstaunlich viele nicht geklärte Dinge». 
Die Beobachterin steht also am Fenster und zählt den Verkehr: bis zu 121 Fahrzeuge innerhalb von zehn Minuten. Sie ist da sehr genau. Und sie beobachtet die Müllheimer und Müllheimerinnen. Allmählich kann sie sich mit ihnen anfreunden, weil sie weiss, was sie tun, wie sie die Strasse überqueren. 
Gahse hat «ein Auge, welches wirklich schaut», wie E.T.A. Hoffmanns berühmter Vetter im Eckfenster. Ihr neues Buch Durch und durch ist beherrscht vom Willen, nicht gleich weiter zu ziehen, sondern zu bleiben; es ist ein Protokoll der Vergewisserung an einem flüchtigen Wohnort.

Ein reicher Fundus an Charakteren

Dazu gehören all die Dorfgeschichten. Anekdotischer Klatsch, aber auch Historien aus der kollektiven Erinnerung, wie die vom Spanier Alfonso und dem grauen kleinen Pudel, in dessen Kern der Teufel steckte. 
Vis-à-vis ihres Fensters öffnet sich der Platz mit der Linde: eine wunderbare Dorfbühne für eine menschliche Komödie. Wer immer über diesen Platz geht, verwandelt sich augenblicklich in Columbine, Pantalone oder wer sonst noch eine Rolle in der Commedia dell’Arte spielt. 
Einmal im Jahr müsste die Strasse gesperrt werden, denkt die Beobachterin, damit die anderen Müllheimer Theaterfestspiele durchgeführt werden könnten. Um dafür gewappnet zu sein, hat sie Geschichten und Gesten gesammelt. Zusammen mit Bodo aus dem Osten und dem Basler Kollegen aus dem Westen bringt sie Ordnung in diesen «Fundus an Charakteren». 
Davon handelt das zweite Kapitel des Buches. Die auf dem Dachboden ausgelegten Geschichten beginnen aus den Beobachtungen herauszuwachsen und weiter zu keimen. 
Der Abschluss der Trilogie bildet zuletzt eine kurze Episode auf dem Platz: die Linde wird geschnitten, wie alle vier bis fünf Jahre. Ein Zeichen des Abschieds, oder der Erneuerung? Darüber breitet sich Stillschweigen. 
Zsuzsanna Gahses Geschichten vom Dorfe sind präzise Miniaturen, die sich zu einem kleinen Welttheater formen. Mag Müllheim ein blosses Durchzugskaff sein, ist es zugleich der Nabel der Welt. Da wo Zsuzsanna Gahse wohnt. Und beobachtet. Und schreibt.