Waghalsige Explorationen

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 16/11/2010

Margarete Stein sitzt am Küchentisch und liest – und liest. Sie wohnt im Haus oberhalb der Polizeistation, der ihr Vater als Kommandant vorsteht. Die Mutter hat sich längst aus dem Staub gemacht, Margarete und ihre Schwester Fritzi erinnern sich an sie, indem sie in Gedanken das Bild einer Heroine mit Zigarette und abenteuerlichem Mut entwerfen. Margarete also liest, und Fritzi wandert durch die Umgebung. Gemeinsam suchen sie nach einem mysteriösen Fluss namens Buenaventura, gemeinsam tippen sie Versuche einer Chronologie in ihre alte Remington-Schreibmaschine. «Sie sollte uns helfen in diesem Schlamassel.»
Die 1985 geborene Dorothee Elmiger legt ein irrlichterndes Romandebüt vor. Ihre Einladung an die Waghalsigen erkundet Wege fernab des Mainstreams und entwickelt dabei poetischen Eigensinn. Margarete und Fritzi betrachten «schweigend, was man hier den Himmel nannte, und das, was hier einmal das Land darunter gewesen war und sich nun nur noch erstreckte». Im langen Schatten unnützer Fördertürme erweist sich das nördliche Kohlerevier als trauriges Ödland, das von einem Grubensystem unterminiert ist, in denen tückische Feuer schwelen und die Erde einbrechen lassen. Diese Topographie erinnert literarisch an das Meuselwitzer Braunkohlerevier, das im Werk von Wolfgang Hilbig phänomenalen Ausdruck gefunden hat.
Während sich die Gegend bei Hilbig in eine höllische Parabel auf die abgewrackte DDR verwandelt, wird sie zwei Jahrzehnte später bei Dorothee Elmiger nach innen gekehrt. Die alten Konflikte sind passé, die einstige Dramatik schwelt untergründig weiter. Geblieben ist die äusserliche Ödnis, zu der das persönliche Glücksverlangen der beiden Schwestern in Konkurrenz tritt. Dennoch ist eine lose Verbindung erkennbar. In einem Erinnerungstext, Der trügerische Grund, fragte Hilbig, was das «ausgekohlte Revier» bei ihm hinterlassen würde: «Was übrigbleibt, ist eine Sprache, deren Sätze immer wieder revidiert werden müssen.»
Das Programm kann auch auf Elmigers Roman gemünzt werden. Lektüre und Erfahrung geraten ihr zu einem sprachlichen Malstrom, der alles vermengt und verschlingt. Wenn die beiden Schwestern dennoch nicht untergehen, so deshalb, weil sie der Tristesse mit gewitzter Neugier Widerstand leisten.
Die Suche nach Buenaventura – nach «guten Abenteuern» wie nach «viel Glück» – hält ihre Lebensgeister wach. Darin eingeschlossen ist die Suche nach der verschwundenen Mutter, einer Gestalt im Geiste Hemingways – sie muss eine wie dessen Frau Martha Gellhorn gewesen sein: stark, direkt, unternehmungslustig. Ihr eifern die Schwestern insgeheim nach, um nicht in jene Abgründe zu fallen, die der Dramatiker Ferdinand Bruckner 1928 in seinem Nachkriegsdrama Krankheit der Jugend vorgeführt hat. Margarete hat es gelesen, natürlich. Sie spürt, dass sie und Fritzi in diese verwüstete Gegend gehören: «Wir sind seit jeher ihre Kinder. Sie ist unsere Jugend. Wir sind wohl zu spät gekommen.» Aber sich den Lebensmut rauben lassen und darob verzweifeln, das wollen sie nicht: «Wir waren geborene Deserteure in diesen Breitengraden, von allen guten Geistern verlassen.»
So lesen sie, schreiben sie, fahren sie durch verlassene Dörfer und schlagen der Polizei ihres Vaters ein Schnippchen. Diese patrouilliert durch die ausgeräumte Gegend wie ein nutzlos gewordenes Kontrollorgan, allein um der bewahrenden Ordnung Willen. Wenn sie könnte, würde sie auch die Träume kontrollieren. Zu Margaretes Chronik haben sie aber keinen Zugang.
Dorothee Elmiger findet für diesen wehmütigen, auch untergründig ironischen Eigensinn eine Sprache, die nur schwer greifbar ist und sich gewitzt den allzu scharfen Bedeutungen zu entziehen versucht. Was ist Erfahrung, was ist Lektüre, was ist Fantasterei? Die Erkundung der Gegend wird zur inneren Schau, die Begegnungen mit dem Kohlerevier spiegeln die eigene Waghalsigkeit: sich behaupten und die kleine Welt aufreissen. Eine solche Strategie bietet den beiden Schwestern Halt gegen das Abrutschen in die ortsübliche Passivität – sie widerstehen und erweisen sich auf eigene Weise dem mehrfach erwähnten Revolutionär Buenaventura Durruti würdig.
All das findet hier in einem lockeren, poetischen Gefüge Ausdruck: das reich facettierte Abbild einer irrealen Wirklichkeit, in der sich Detailschärfe und Innenschau gegenseitig aufheben. Ihre sprachliche Exploration rundet sich nicht zum geschlossenen Bild, sondern zerfällt in einzelne Partikel und Fragmente, die zwischen genauer Beobachtung, innerer Wahrnehmung und angelesenen Zitaten oszillieren und weite Lücken offen lassen. Derart legt die Autorin ihrem Text eine kreiselnde Unruhe zugrunde, die Abbild der Suche nach den eigenen Wünschen und Lebenszielen ist: «Wir wussten wenig. Ich wusste nicht, warum ich die Bücher las. Fritzi wusste nicht, was gesagt sein musste. Im Sommer stellten wir uns zu Beginn nur vor, wie es im Winter sein würde: Wir verlieren uns in den Höhen aufgrund des heftigen Schneefalls.»
Das mag hin und wieder etwas artifiziell und beliebig wirken – gerade darin aber liegt zugleich die poetische Selbstrechtfertigung – gegen die allgegenwärtige Polizei: «Wir müssen also, ja, eine andere Realität behaupten.» Dorothee Elmigers poetischer Roman gleicht einem herzhaften Schwelbrand, der sich jeder Kontrolle entzieht. Seine musikalisch sprachliche Struktur verrät ästhetischen Eigensinn und Wagemut. Das macht das Buch zur Aufforderung an die Neugier seiner Leserinnen und Leser.

Nota critica

Die 1985 geborene Dorothee Elmiger legt ein faszinierend furchtloses Romandebüt vor. Ihre Einladung an die Waghalsigen erkundet Wege fernab des Mainstreams und entwickelt dabei hohen poetischen Eigensinn. Margarete Stein sitzt am Küchentisch und liest – und liest. Sie wohnt gleich über der Polizeistation, der ihr Vater als Kommandant vorsteht. Die Mutter hat sich längst aus dem Staub gemacht. Sie liest, und ihre Schwester Fritzi wandert durch die Gegend. Gemeinsam suchen sie nach einem mysteriösen Fluss namens Buenaventura. Im Versuch zu einer Chronik notieren die Schwestern alles, was sie beobachten, erkunden, hoffen, wünschen. Dorothee Elmiger ordnet diese Explorationen in ihrem «Roman» nicht zu einem geschlossenen Bild, sondern legt sie in Form einzelner Partikel und Fragmente aus, die zwischen genauer Beobachtung, innerer Wahrnehmung und angelesenen Zitaten oszillieren. Derart trägt eine kreiselnde Unruhe den Text, Abbild der Suche nach den eigenen Wünschen und Lebenszielen. Elmigers poetischer Roman gleicht einem Schwelbrand, der sich jeder Kontrolle entzieht. Seine musikalische sprachliche Struktur verrät Eigenständigkeit und ästhetischen Wagemut. Das macht den erstaunlichen Erstling zu einer Aufforderung an die Neugier. (Beat Mazenauer)