Nicht bei Trost

Franz Dodel

Der Berner Schriftsteller und Theologe Franz Dodel dichtet an einem endlosen Haiku-Gedicht. Seit 2002 erweitert er es – gewissermassen als tägliche Exerzitien – Zeile um Zeile. Vor fünf Jahren ist eine erste Ausgabe in 3 Bänden und in einer Auflage von 500 Exemplaren erschienen (Edition Haus am Gern). Seit jüngst liegen nun weitere 6000 Verse in einem schönen schwarzen Buch auf Dünndruck-Papier vor. Dodels «never-ending-Haiku» ist so etwas wie ein poetisches Brevier, das nicht für eine Endlos-Lektüre geschrieben ist. Vielmehr entsteht unter der Hand des Dichters ein leichtfüssiger Strom der Gedanken über Gott, die Welt und das Ich, der sich zwischendurch zu Gemüte führen lässt. Nicht bei Trost ist eine literarische Trouvaille, die sich der literarischen Betriebsamkeit entzieht und so vielleicht erst recht ihre poetische Gelassenheit bewahrt. Alle 500 Verse erweist Franz Dodel darin Marcel Proust die Referenz.

Die Entwicklung des Haikus lässt sich online nachlesen auf Franz Dodels Webseite: www.franzdodel.ch. Zurzeit steht sein Haiku-Gedicht bei Vers 14440.

Das Schreiben als Trost

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 24/02/2009

Nach landläufigem Verständnis ist ein Haiku eine dreizeilige lyrische Miniature mit dem Silbenmuster 5–7–5. Traditionell beschreibt es bildhaft einen Gegenstand aus der Natur. Wenn Franz Dodel nun mit einem philosophischen Endlos-Haiku aufwartet, scheint er auf den ersten Blick einen Widerspruch zu erzeugen. Doch die Haiku-Form lässt trotz ihrer stilistischen Prägnanz Abweichungen zu, wie Nicht bei Trost besonnen demonstriert. Franz Dodel, Jahrgang 1949, studierter Theologe, heute als bibliothekarischer Fachreferent an der Berner Uni-Bibliothek tätig, schreibt seit Jahren täglich an seinem Kettengedicht mit alternierenden 5- und 7-silbigen Zeilen. 2004 sind die ersten 6000 Verse erschienen, nun folgen die nächsten 6000 in einem schwarzen Buch im Brevier-Format auf Dünndruck-Papier.
Nicht bei Trost verströmt die Gelassenheit eines Dichters, der die Wahrheit sucht, ohne sie finden zu müssen:


ich stelle mir vor


wie es wäre das Denken


einzustellen um


ungehindert da zu sein


wenn man da ist (falls


man Dasein so noch bemerkt)

Dodels Dichtung ist kein vertracktes Bemühen um Einhaltung der Form, sondern hält sich – ganz im Sinne der Haiku-Tradition – an eine einfache und flüssige Diktion. Es gibt hier keine gewundenen poetischen Umstellungen in der Syntax. Der Strom der Worte fliesst in einem natürlichen Bett, die Lesenden brauchen lediglich die Interpunktionen selbst zu setzen. Diesem Strom entspricht inhaltlich die leichtfüssig mäandrierende Reflexion über Gott, die Welt und das Ich, die in übertragenem Sinn auch Barthes' Forderung für ein gutes Haiku einlöst: dass «Wort und Ding in eins fallen». Dodels Ding ist der suchende Gedanke, den er mit metaphorischer Schlichtheit hin und wieder auch ins Bild setzt.
Während sich jeweils auf den ungeraden Seiten das Haiku scheinbar wie von alleine fortschreibt, weist der Autor auf den Seiten gegenüber die ihn beeinflussenden Zitate und Anregungen nach – ab und an um kleine Bilder erweitert. Periodisch taucht darin Marcel Proust auf, dessen Recherche à la temps perdu der Dichter alle 500 Verse seine Reverenz erweist.
Anknüpfend an die Tradition hat Franz Dodel eine eigenständige poetische Form gefunden, die sich wunderbar geschmeidig liest wie ein fortlaufendes Selbstgespräch über die Bedingungen des eigenen Denkens, Fühlens und Seins. Das poetische Ich läst sich ohne festes Ziel glücklich treiben:


… ich mag die / Wünsche an denen


festzuhalten sich nicht lohnt


auch die die lange


unerfüllt bleiben …

Endlos heisst ohne ein Ende, über die abschliessenden Buchdeckel hinaus. Dafür kommt Dodel das Internet gerade recht. Periodisch lassen sich auf Franz Dodels Webseite die neuesten Fortschreibungen nachlesen. Zurzeit steht das Gedicht bei der Zeile 14440:

ich beobachte


die Stille in meinem Mund


nach dem Abbeissen


und dem Kauen des letzten

Stücks eines Apfels

den ich im nassen Gras fand

Nota critica

Seit Jahren schreibt Franz Dodel täglich an einem «unendlichen Gebet» weiter. Im Wechsel von Versen mit fünf und sieben Silben variiert er die japanische Haiku-Form. Davon getragen lässt sich der Dichter zu Gedanken über Leben und Tod, Profanes und Heiliges, Natur und Kultur verführen. Es geht Dodel dabei weder ums Ankommen noch um eine Pointe, er verlässt sich allein auf diese poetische Bewegung. So gibt er sich einem bedächtigen, selbstgewissen Räsonnieren und Beobachten hin, das auch die Lektüre zum gelassenen Exerzitium werden lässt. Nicht bei Trost ist in mehrfacher Hinsicht grosse Dichtung. (Beat Mazenauer)