Erzählen macht Sinn

Li Mollet

Die Autoren haben miteinander ein Buch geschrieben. Nein, nicht Satz für Satz, wie die Surrealisten es versucht haben. Auch nicht Kapitel um Kapitel einen Roman wie Autoren der deutschen Romantik. Sondern als Folge von Texten, die zwischen Essay und Erzählung, Novelle und Kurzgeschichte, Prosa und Lyrik changieren. Die Reihenfolge ist weder zufällig noch mechanisch: «Es passiert etwas, und es wird geantwortet» (György Kurtag).

(Buchpräsentation Edition Howeg)

Erzählen als Selbstreflexion

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 27/06/2017

Mit Rückgriff auf ein Diktum von Theodor W. Adorno, wonach zu erzählen nicht mehr möglich sei, unternehmen ein Autor und zwei Autorinnen den Versuch, dieser (scheinbaren?) Unmöglichkeit nachzulauschen, nachzudenken, nachzuerzählen. Wolfram Malte Fues, Li Mollet und Elisabeth Wandeler-Deck gehören zur Gruppe von experimentell Schreibenden in der Schweiz, die sich dementsprechend an ein eher kleines Publikum wenden. Ihre Lyrik und Prosa ist immer auch eine literarische Selbstreflexion.

Unter dem (vielleicht etwas hölzern klingenden) Titel «Erzählen macht Sinn» – ja, warum denn nicht? – legen die Drei wechselweise ihre Textstränge aus, meist kurze Texte, die mal erzählen, mal essayistisch reflektieren, oft beides zugleich tun. Sie ergänzen sich im Wechsel und durchdringen sich nach und nach gegenseitig.
Entstanden ist so ein formal schönes Buch, das dem Geschriebenen grafisch viel freien Weissraum lässt. Die Texte pendeln zwischen Diskurs und Erzählung, neigen mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Das Unterschiedliche ist Teil des Programms. Die Zielvorstellung, gewissermassen die Adorno-These zu veranschaulichen und zu widerlegen, bleibt vielleicht unscharf eingelöst – naturgemäss, denn es gibt dafür weder eine Schablone noch einen klar skizzierten Weg. Die Suche ist vielmehr das Ziel, entsprechend geht es den drei Schreibenden nicht darum, ein Geheimnis leichtfertig auszuplaudern, vielmehr wollen sie dieses in ihren Texten behutsam umgarnen und so vielleicht einfangen.

Li Mollet setzt die Vorlage mit ihren Prosaminiaturen, zu Beginn gebündelt zu einem längeren Text: einem «beinahe geglückten Tag», später dann aufgefächert auf acht Zeilen pro Seite: spielerisch erzählend und im Erzählen reflektierend. «Manche Sätze schwirren durch den Raum. Die Frau steht auf, spannt das Netz auf und sortiert die Silben neu», wie es gegen Ende heissen wird – damit daraus kleine Szenen und Beobachtungen werden. «Wir machen uns Bilder vom Realen, um besser zu sehen». In akkurat formulierte Prosa gesetzt verrät Li Mollet eine poetische Ader, in welcher Gelassenheit pulsiert nach dem Motto: «Sorgfältig scheitern». Die ebenso verspielten wie formstrengen Miniaturen setzen sich spielerisch als Puffer zwischen die komplex strukturierten Texte ihrer beiden Mitschreibenden.

Inzwischen suche ich nach ein paar Wörtern, um mein Gehirn in Bewegung zu halten und singe ein Lob auf die Unvergleichlichkeit, die lieber schweigt. Frühlingsverlassenheit. Sondersorgensopran.

Wolfram Malte Fues schliesst daran an. Seine erste Intervention (und Metaerzählung) ist mit «Skepsis» überschrieben: «Es wird Winter. (Was es alles werden kann: Frühling, Sommer, Herbst, Winter...)». Er bringt damit gleich eine erzähltheoretische Begrifflichkeit in Anschlag und versucht sie zum Beschreiben, ja Erzählen zu bringen. Umgedreht: Er verspinnt seine lose Erzählung in eine skeptische Reflexion, die dem Zweifel als Methode nachspürt. Was wäre, wenn Odysseus direkt nach Hause zu Penelope gesegelt wäre? Auf den Zweifel folgt die Parodie, die Hypothese, die Analyse. Im Zentrum aber steht ein Text mit der schlichten Überschrift «Ohne Titel I». Was wissen wir, wann wir sterben? Und was in uns weiss es besser: das Gehirn oder das Herz? Die kleine Parabel, in einem zweiten Teil variiert, leitet hinüber in eine biographische Erzählung über das «Ding an sich»:

Als mein Vater starb, blieb sein Platz eine Zeit lang leer, bis meine Mutter ihren Stuhl aufgab und sich, von mir aus gesehen, mir gegenüber setzte.

Angesichts dessen verändert sich der begriffliche Diskurs, «Syntax» und «Semiotik» verrücken sich in einen sehr persönlichen Modus.
Gegenläufig dazu, gewissermassen, setzt Elisabeth Wandeler-Deck ein Stakkato von Peripetien gleich an den Anfang, um daraus ihre Fiktionen abzuleiten. Sie geben das Thema Tod vor: Was ist und wie lässt sich darüber sprechen? Mit wem? Über das Sprechen sprechen ist Teil von über etwas Sprechen. Ein Satz wie «Schon passiert nichts» bringt das Verstehen ins Schlittern. Korrekt und doch – ungewöhnlich. Genau so wie die Diskussion über die Würde des Todes einer Fliege («sterben wie die Fliegen») und was ihr auf dem Fuss folgt – wessen Fuss? Elisabeth Wandeler-Deck versucht, wie sie schreibt, «zum Wort als Vorrichtung für Ansichten vorzustossen». Was bleibt von der Wirklichkeit hinter der Simulation –  in der Zweifelhaft? Die Autorin stösst ein Domino der metaphorischen Signale an, die in übliche Sprechweisen eingefügt werden.

Nein, nicht alles ist Simulation. Doch ist es vielleicht interessant, manches unter dem Aspekt der Simulation zu betrachten. Simulation ist ein Übungsmodell. Ein Übungsmodell, um nachzudenken.

Und um ex-pliziert, auseinander-gefaltet zu werden, in den Zweifel (im Nachgriff zu Fues) und von da in die Parodie, und weiter an den Rand: des Textes, der Fiktion. Schliesslich darüber hinaus, «Eyes on Demand», in den futuristischen Rückblick eines Cyborgs aufs menschliche Erzählen.

Auf dreierlei Weise verquirlen sich das Erzählen und seine Selbstreflexion zu je wunderlichen, mitunter sprühend sprudelnden Textspuren, die durchaus je einzeln und in sich fortlaufend gelesen werden können. In der angepeilten Ordnung des Buches zielen sie auf ein Viertes: poetologische Grundlagenforschung. Sie machen sich gegenseitig durchlässig. Sie treten miteinander in einen fortlaufenden Diskurs, in dessen Verlauf sie immer wieder direkt oder indirekt aufeinander Bezug nehmen und sich gegenseitig forterzählen. Mit Absicht steht ein Motto des Komponisten György Kurtag dem Buch voran: «Es passiert etwas, und es wird geantwortet.»
Mehr und mehr finden die Texte dabei «nach Hause», indem sich hinter der theoretischen Begrifflichkeit und der mitunter etwas formalistischen Abbildskepsis autobiographische Räume öffnen, in denen sich das begrifflich Reflektierende erden kann.
Drei Autoren und Autorinnen finden hier zusammen, um gemeinsam an den Rändern des Buchbetriebs ihre poetologischen Experimente voranzutreiben. Das Erzählen wird dabei zum unabdingbaren Modus. Sie geraten dabei unvermeidlich ins Erzählen, denn das Erzählen gehört zum menschlichen Naturell.

 

NB: Der Text «Erzählen» von Wolfram Malte Fues erschien hier im Fokus vom 14.07.2014, mit italienischer Übersetzung von Gabriella Soldini.