Steingrubers Jahr

Ralf Schlatter

Felix Steingruber ist Katzenhalter, Kammerjäger und Junggeselle mit unspektakulärem Leben: Von Schädlingen geplagte Hausfrauen nötigen ihn zum Kaffeetrinken, seine Mutter gibt die Hoffnung auf Enkelkinder nicht auf, Frau Obermüller bringt hin und wieder nach Katzenart ein Geschenk nach Hause. Nach einem seltsamen Traum aber muss Steingruber über den Tod nachdenken. Ein Ratgeber aus der Bibliothek empfiehlt ihm, Tagebuch zu führen. Das macht er, ein ganzes Jahr lang. Außerdem findet er in der Bibliothek eine Bibliothekarin, die dieses Jahr zu etwas Einzigartigem macht …
Ralf Schlatter versteht es unnachahmlich, Tragisches und Komisches ineinander zu verweben, er entdeckt die Poesie im Unscheinbaren, die Schönheit im Morbiden.

(Buchpräsentation Limbus-Verlag)

Von einsamen Männern

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 29/05/2017

Ein Traum rüttelt Felix Steingruber heftig durch. Der Ärmste steckt in der Praxis eines Psychiaters – doch bevor dieser nichts mehr für ihn tun kann, schreckt der wild Träumende aus dem Schlaf auf. Was will ihm der Traum sagen? Steckt darin der Tod seines Vaters vor ein paar Tagen? In der Bibliothek leiht er sich ein Buch über Todesangst aus und beginnt aufgrund eines Tipps darin, ein Tagebuch zu führen. Ein Jahr lang macht er fortan regelmässig seine Einträge: Beobachtungen, Gedanken, Begebenheiten, mal kurz notiert, mal etwas ausführlicher beschrieben. Er hält fest, bei wem er seinem Kammerjägerberuf nachgeht und welches Ungeziefer er vernichten sollte, oder er sinniert über seine Einsamkeit nach und wie komisch ihm die Menschen auf der Strasse vorkommen. Der Besuch in der Bibliothek hat noch andere Folgen. Steingruber fällt die scheue Bibliothekarin ins Auge, mehr und mehr beginnt er zarte Gefühle für sie zu spüren. Er wird zum fleissigen Bücherausleiher, bloss um mit ihr ein paar Worte wechseln zu können, bis er sie endlich richtig anzusprechen wagt. Sie ist wie er eine einsame Seele. Und sie ist, ohne dass es ihr anzusehen wäre, schwer krank. Das erfährt Steingruber bei ihrem ersten Rendezvous. Ein halbes Jahr hat sie noch zu leben.

Ralf Schlatter ist bekannt als die eine Hälfte des Kabarett-Duos «schön&gut», das 2017 mit dem Schweizer Kleinkunstpreis ausgezeichnet worden ist. In seinem Tagebuchroman verbindet er die ironische Beobachtung im Alltäglichen mit einem sarkastischem Witz, in dem ein Quäntchen Todesangst steckt. Der schreibende Steingruber gibt sich als einsamer, 54-jähriger Eigenbrötler zu erkennen, der sonntags seine Mutter besucht und sonst niemandem im Leben hat ausser einer Katze. Wie er sind auch die meisten seiner Kunden und Kundinnen einsame Menschen, die, hegt er den Verdacht, das Ungeziefer selbst aussetzen, damit er als Kammerjäger ins Haus kommt.
Mit der Zuneigung zur Bibliothekarin Bernadette kommt ein Lichtstrahl in sein Leben und schafft sogleich auch einen Schatten der stummen Verzweiflung. Steingruber notiert schwarze Gedanken über die Macht des Zufalls, über Mordfantasien und komische Todesnachrichten, bloss um sich von ihrer Krankheit abzulenken.

Ralf Schlatter bewahrt dem Tagebuch seinen Charakter mit oft kurzen Notizen, die am Ende eines Tages schnell hingekritzelt werden. Eine leise Melancholie verrät die Einsamkeit des Schreibenden. Das ist gut getroffen, allerdings auch um den Preis, dass Steingruber etwas gar perfekt in die Rolle des alternden, einsamen Muttersöhnchens passt. Die Unsicherheit und Zweifel, durch die er sich kämpft, um schliesslich ins Gespräch mit Bernadette zu kommen, wirken glaubhaft, dafür unterlässt er es nachher, dem Tagebuch zerbrechliche Einzelheiten über ihre Krankheit anzuvertrauen und so die Lesenden teilzuhaben an der vermutlich aggressiven Krebserkrankung. Steingruber weicht lieber in eher beliebige Fait divers aus der Zeitung aus. So bleibt das Tagebuch, nebst zart anrührenden Passagen («Meine Güte, alle sind wir einsam») und einer melancholischen Grundstimmung auf seltsame Weise frei von Überraschungen und besonderen Momenten. Steingruber lässt sich kaum in die Mördergrube der eigenen Gefühle blicken.

Die berufliche Beschäftigung mit Satire zum ersten und zum zweiten ein Ich-Erzähler, der zur sonderlichen Spezies zählt und seine Notizen festhält – das verbindet Steingrubers Jahr mit dem Roman Das kürzere Leben des Klaus Halm von Lukas Holliger. Die Titelfigur ist erst Mitte dreissig und mit einer attraktiven Theaterfrau verheiratet. Ihm gehört eine Papeterie, die er von seinem Vater geerbt hat und die er in Schuss zu halten versucht. In dieser Papeterie ersteht sich eines Tages der 32-jährige Ich-Erzähler, ein arbeitsloser Filmvorführer, ein Notizbuch für seine lästerlichen Eintragungen, die er während seiner Tramfahrten kreuz und quer durch die Stadt macht. Er glaubt zu wissen, dass es für einen Einsamen nur zwei Möglichkeiten gibt: «Narzisst oder Voyeur». Er neigt sichtlich zu letzterem und spielt seinen Mitmenschen dabei böse mit – freilich nur im Kopf und auf dem Papier. So hält er sich hinter seinem Sarkasmus geschützt und verborgen. «Mit Freiheit hat mein Alleinsein nichts mehr zu tun».

Mit der Begegnung der beiden Protagonisten verschiebt sich das Zentrum des Romans. Der Bericht des Ich-Erzählers weicht einer Erzählung in der dritten Person, womit sich auch der scharfe, zuweilen verkrampft klingende Sarkasmus abmildert zugunsten einer nüchternen Innensicht aus dem Berufs- und Familienleben des Titelhelden Halm. Dessen Geschäfte gehen schlecht, und die Ehe mit der umtriebigen Viola unterliegt vielen Schwankungen, an denen die Geburt eines Sohnes wenig ändert. Vielleicht weckt deshalb eine rothaarige Frau seine Aufmerksamkeit, die ihm eigentlich gar nicht gefällt. Doch wie aus Trotz erliegt Halm dieser Yvonne.

Lukas Holligers Roman räumt dieser Dreiecksgeschichte breiten Raum ein. Er leuchtet sie in allen Details aus, ohne allzu sehr in die psychologische Kiste zu greifen. Halms Beziehungsgefüge knistert und knarrt in allen Scharnieren, bis Mitte des Buches auf einmal wieder der Ich-Erzähler auftaucht – geläutert und milde geworden, wie es scheint. Auch er hat inzwischen die Bekanntschaft von Yvonne gemacht, womit er als Konkurrent von Halm auftritt. Daraus resultiert eine dramatische Wende, in der alles drunter und drüber geht und jegliche Gewissheit verfliegt.

Die beiden Männer sehen in dieser Konstellation schlechter aus als die zwei Frauen. Ob ihrer beruflichen Aussichtslosigkeit hält sich der Ich-Erzähler mit Zynismen bedeckt, während Halm zur Deprimiertheit neigt. Er fühlt sich bei der Reparatur eines WC-Spülkastens «dem Sinn des Lebens näher» als in seiner Papeterie, in der er inzwischen bloss noch als Geschäftsführer eines neuen Besitzers waltet. Yvonne ihrerseits schwankt standhaft in ihren Beziehungen, während Viola nach dem Tod des greisen, hoch verehrten Vaters die stärkste Kraft in diesem sensiblen Parallelogramm bildet. In diesen Details gibt Lukas Holliger ironisch fein akzentuierte Einblicke ins Familien- und Beziehungsleben. Mit der dramatischen Wende aber zollt er unvermittelt den neuen Turbulenzen Tribut, indem auch die Erzählung auf einmal stilistisch und formal von Unruhe erfasst wird. Sie beginnt in mehrere Stränge auszufransen. Auf einmal werden Rückblenden aufgetan sowie kurze Dialoge und Mailwechsel eingefügt. Solche Wechsel verleihen dem Roman unvermittelt etwas Hektisches und bringen ihn aus der Balance. Clever und raffiniert bleibt aber die erzählerische Möbiusschleife, mit der die Geschichten von Klaus Halm und des Ich-Erzählers auf ebenso rätselhafte wie raffinierte Weise miteinander verschränkt und ins Unglück gebogen werden.

Für einen wie Ralf Schlatters Held Steingruber, notabene, wäre diese Entwicklung zuviel des Guten. Obgleich er sich sehnlichst einen Schicksalsschlag herbeiwünscht. «Es würde das Leben klar machen» und in ein Davor und Danach einteilen. Dafür wäre es kaum zu überleben.