Immer ist alles schön

Julia Weber

Immer ist alles schön ist ein komisch-trauriger Roman, der mit leisem Humor eine eindrückliche Geschichte erzählt: von scheiternder Lebensfreude in einer geordneten Welt und davon, wie zwei Kinder versuchen, ihre eigene Logik dagegenzusetzen. Mit Anais und Bruno fügt Julia Weber der Literatur ein zutiefst berührendes Geschwisterpaar hinzu.

(Buchpräsentation Limmat)

Recensione

di Martina Keller

Pubblicato il 27/02/2017

«Immer ist alles schön» – vier einfache Wörter bilden den Titel von Julia Webers Debütroman und finden sich schon auf den ersten Seiten. Dieser einfachen Wörter nimmt sich Weber mit grossem Geschick an und zeigt uns ihre Kraft – wie diese Wörter einerseits leer sein können, sprachliche Hülsen, ohne Bedeutung, und gleichzeitig die Unendlichkeit der Sprache anklingen lassen und weite Räume öffnen. Immer ist alles schön ist geprägt von diesem Raum hinter den Wörtern und zeigt auf eindrückliche Weise, wie die einfachste Sprache, richtig eingesetzt, ungemein ausdrucksvoll sein kann.

Das Mädchen Anais ist Julia Webers Hauptfigur und Erzählerin. Sie lebt mit ihrem jüngeren Bruder Bruno und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung – eine Wohnung, die für die Familie ihr Zuhause ist, ihre eigene kleine Welt, die aber Anais’ Schulkamerad Peter nicht ganz normal findet. Durch Anais’ Augen erfahren wir von ihrem Leben, von Bruno, der Anais sehr nahe steht, den die Mutter «ihren kleinen grimmigen Professor nennt», der die Hauptstadt von Lettland und alles über Ameisen und Kellerasseln weiss und der immer sein Buch Brücken der Welt mit sich schleppt. Wir lesen von ihrer Mutter Maria, die manchmal einen Tanz braucht, sich in Gold und Glitzer kleidet, sich lange im Badezimmer einschliesst, die sagt, das Leben sei eine Wucht und Anais und Bruno «meine Tierchen» nennt. Wir erfahren vom Männerbesuch, von Fred, der Mutter vielleicht heiraten will und vom «Riesen», der immer wieder mit der Familie sprechen will und sich Notizen über ihre Wohnung macht.

Anais erzählt in einfacher Sprache, ihre Sätze sind repetitiv und einlullend, beginnen immer wieder mit den gleichen Wörtern, manchmal wie ein Gedicht. Ihre Sprache ist bildhaft und die Bilder, die sie verwendet, sind genauso ungewöhnlich wie treffend. Dieser nur scheinbare Widerspruch lässt ihre Geschichten bisweilen lustig, gleichzeitig aber auch wieder unendlich traurig werden. Denn hinter diesen kindlichen Bildern, der einfachen Sprache des Mädchens, dringt immer wieder die schwierige Realität ihres Lebens durch: die schwere Depression der Mutter, ihre Alkoholsucht und Unfähigkeit für die Kinder zu sorgen, das oft fehlende Essen, der Gestank in der Wohnung und das Anderssein der Familie – all das wird nicht benannt und nur durch Anais’ Augen erkennbar, und wirkt umso eindringlicher. Es scheint, als brauche Anais diese Bilder, um aus einer Welt Sinn zu machen, die sie nicht versteht. Immer wieder versichert sie sich der Richtigkeit ihrer Erinnerungen und Erfahrungen, die dadurch erst recht etwas Fragiles bekommen, indem sie sie an konkreten Tatsachen und Beobachtungen festzumachen sucht; «das weiss ich noch, weil...», «das erkenne ich daran, dass...» Eine andere Form erhält das Erzählte am Schluss des Buches, wo einige der Motive in dreissig Zeichnungen wieder auftauchen. Da findet sich der ausgestopfte Fuchs in der Wohnung, aber auch zwei unterschiedliche abstrakte Gebilde, von denen eines «Mutters Logik» und das andere «Brunos Logik» darstellt.

Die kindliche Perspektive der Tochter wechselt ab mit der Erzählung aus Sicht der Mutter Maria. Sie erzählt von ihrer Jugend, wie sie einen Jungen getroffen hat, wie ihre Freundinnen sagten «der ist gut, der ist schön», und sie ihn mochte, weil er ruhig war, wie sie mit ihm nachhause ging und schwanger wurde: «Kein Tier sein, dachte ich, aber ich fühlte mich wie ein Tier. Mit dem Kind in mir, dachte ich, bin ich ein Muttertier». Die Veränderungen im Körper nimmt sie als eine Bedrohung wahr, der man sich nicht erwehren kann, sondern nur ergeben – und so wird Maria immer anteilnahmsloser. Mutter und Tochter verwenden eine ähnliche Sprache; eine Sprache von Kindern, die viel zu früh erwachsen sein müssen. Sie erzählen beide die gleiche Episode mit Marias Mutter im Café, eine Szene, in der alles aus dem Ruder läuft, jeweils aus ihrer Perspektive – und beide Versionen sind gleichermassen wahr und eindrücklich. Aus beiden Erzählungen wird auch deutlich, dass es in diesem Buch keine Bösewichte gibt. Eigentlich meinen es alle «gut» und sind alle überfordert vom Leben: Marias Mutter versucht zu helfen, überfordert ihre Tochter aber mit Vorwürfen und kann nicht akzeptieren, dass diese als Tänzerin in einer Bar arbeitet, Anais’ Vater versucht zwar zuerst, die junge Familie gegen Marias Willen zu retten, findet aber dann eine andere Frau, Brunos Vater – ein Barkeeper im Vereinslokal des Fussballclubs – weiss gar nichts von seinem Sohn und auch «der Riese» vom Jugendamt möchte helfen und erzählt seinerseits von Problemen mit seinen Zwillingstöchtern. Alle Figuren sind «gut», dennoch läuft vieles nicht gut. So kommt es auch nie zu einem Eclat, in der Logik dieser Geschichte ist kein Ausbrechen möglich – die Kinder sind da, die Umstände bleiben unverändert.

Bis eines Tages Mutter eine Postkarte hinterlässt und einfach geht: «Meine Tierchen, wäre ich nicht fortgegangen, wäre ich so müde geworden, dass ich irgendwann nicht mehr hätte aufwachen können». Anais und Bruno ziehen sich immer mehr in ihre Fantasiewelt zurück, in der sie Geborgenheit und Schutz suchen. Als Bruno seine Brille verliert, hält es Anais für besser, ihm diese nicht zurückzugeben, damit er nicht alles sehen muss. Und den «Riesen» lassen sie nur widerwillig in ihre Welt eindringen. Das Buch entwickelt eine unglaubliche Sogkraft vom Anfang bis zum Schluss und wird immer trauriger, gerade deswegen, weil diese Traurigkeit nie direkt angesprochen wird, sondern immer nur durchdringt zwischen schönen Bildern und Wörtern. Die Wörter «schön» und «gut» kommen oft vor, in immer anderen Kontexten, als Wunschträume, als Schöngeredetes, als Augenblicke des Glücks, als Ausreden, als Wiedergutmachungen, als Beleidigungen, als Zeichen der Unsagbarkeit, der Verzweiflung, als Komplimente... Was ist eigentlich schön und gut? Nicht zuletzt zeigt dieses Buch auch, dass alles seine eigene Ästhetik hat – der ausgestopfte Fuchs in der Wohnung, die vielen Zeichnungen und gesammelten Dinge an der Wand. Anais nennt diese Dinge ihre Freiheit. Immer ist alles schön ist eine wunderbare Meditation über die einfachen und doch schönsten Wörter, über das Leben und über das, was hätte sein können. Ein schönes Buch.