Wiedersehen in Tanger

Amsél

Der erfahrene Einzelgänger Tarik sucht Erleuchtung, die Ornithologin Chaya nach einem sibirischen Zugvogel und die Botanikerin Thelma meint, nichts mehr suchen zu müssen. Die drei Protagonisten begegnen sich in der magischen Hafenstadt Tanger auf einem Kongress über die Gefahren der Ausbreitung der Wüsten. Niemand von ihnen ahnt, dass dies der Beginn einer leidenschaftlichen Liebe und vieler abenteuerlicher Ereignisse ist, die ihr Leben und ihre Weltanschauungen grundlegend verändern werden.

Der Roman erzählt von der Sehnsucht nach Verbindung und Nähe bei gleichzeitiger Freiheit. Marokko dient als Schauplatz dieser Abenteuer- und Liebesgeschichte.

(Buchpräsentation die brotsuppe)

Recensione

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 06/03/2017

«Es heisst, Tanger sei wie ein Spiegel. Wer sich darin erblickt und nicht aushält, was er sieht, muss unverzüglich abreisen.» Die beiden Frauen, die für einen Kongress zum Thema «Stopp Desertifikation» nach Tanger gereist sind, sehen für letzteres keinen Grund. Die eine, Chaya, ist eine Ornithologin aus der Schweiz, die andere, Thelma, befasst sich in den USA mit Kakteen. Sie spüren, trotz charakterlicher Unterschiede, auf Anhieb Sympathie und Zuneigung füreinander. In ihren Bund schliessen sie bald auch den Einheimischen Tarik mit ein. Tarik wohnt im benachbarten Tetouan. Er hat die Aufgabe erhalten, einige der Kongressgäste zu betreuen. Es widerstrebt ihm zwar, aber etwas Kontakt und Abwechslung können nicht schaden. Auf die beiden Frauen macht Tarik Eindruck, sie finden ihn interessant. Chaya fragt sich, «ob es sich bei dem Mann um einen vorzeitig gealterten Jungen oder einen jugendlichen Alten» handle. Es zeigt sich bald, dass Tarik auch unter den Einheimischen eine spezielle, beargwöhnte Rolle einnimmt. Er ist ein moderner Sufi, ein Dozent, Querdenker und «Wahrheitssucher», der gläubig ist und zugleich frei von allen Bindungen.

Während die beiden Frauen am Rande des Kongresses in gesitteter und vielleicht auch etwas gar manierlicher Weise Vertrauen zueinander fassen, verleiht Tarik der «Dreiecksgeschichte» schärfere Konturen. Zutiefst zwiegespalten zwischen Tradition und Moderne erkennt er mit dem Herzen die Bruchstellen, die durch seine Kultur und seine Heimat gehen. Zudem erinnert ihn sein jüngerer Bruder Hamid mit seinen kleinen Gaunereien daran, dass er, auch wenn er allein lebt, familiäre Pflichten hat.

Davon erzählt die Autorin Amsél, die eigentlich Franziska Selma Muheim heisst und als Fotografin und Psychologin zwischen Tanger und Zürich pendelt. Sie kennt Region und Kultur aus eigener Erfahrung. Diese Vertrautheit ist ihrem Roman gut anzumerken, zu seinem Vorteil. Die marokkanische Topographie wird in vielen Facetten anschaulich, ohne je in touristische und «orientalische» Klischees zu verfallen.

Tanger ist eine «magic City» sagt man, und zugleich ist es eine Projektion für Besucher von auswärts. Wie sehr die Stadt seit langem Künstler, Autoren und Weltenbummler fasziniert, zeigt der von Florian Vetsch und Boris Kerenski herausgegebene Band Tanger Telegramm, der 2004 erstmals publiziert wurde und jetzt im Bilgerverlag wieder neu aufgelegt worden ist. In Bildern, Dokumenten und Texten von Roland Barthes bis Rolf Winnewisser präsentiert er eine, so der Untertitel, «Reise durch die Literaturen einer legendären marokkanischen Stadt».

Der Band macht eine Faszination spürbar, der auch Thelma und Chaya erliegen. Ihre Bewunderung für das handwerkliche Können in der Medina rückt Tarik freilich gleich ins richtige Licht: «Im Grunde sind sie nur noch Dekoration für Touristen», die sich nicht darum kümmern, dass die Region längst den Anschluss an die technische Moderne verpasst hat. Am Ende des Kongresses beschliessen die beiden Frauen, sich im folgenden Sommer wieder in Marokko zu treffen. Dabei wollen sie auch Tarik wiedersehen. Thelma mietet ferienhalber ein Haus, Chaya wird anschliessend einen Forschungsaufenthalt in Marokko antreten. Gespräche über Gott, die Religion, Orient und Okzident werden vertieft, und über allem liegt ein erotisches Knistern und Versprechen. In aller Behutsamkeit löst dieses sich schliesslich auf – in Minne, doch auf dem Weg in die Wüste droht alles verloren zu gehen. Ein fürchterliches Gewitter inszeniert einen gespenstischen Showdown.

Letzteres klingt beinahe melodramatisch, ist hier aber ohne falsches Pathos eingelöst. Vielmehr bewahrt die Autorin ihren drei Protagonistinnen eine stetig abwägende, ebenso kritische wie affektive Haltung. Sie wirken glaubhaft als Suchende, die von ihrer Sehnsucht nach Freiheit getrieben sind und immer wieder deren Grenzen erfahren. In ihren Gesprächen rührt der Roman mit grosser Behutsamkeit an viele Fragen: religiöse, gesellschaftliche, persönliche und nicht zuletzt auch wissenschaftliche. Vor allem bezüglich des Spannungs- und thematischen Minenfelds zwischen Orient und Okzident beweist die Autorin grosse Behutsamkeit, hohe Differenziertheit und diskursives Geschick. Am Ende finden die verschiedenen Elemente kompositorisch gut zusammen, auch wenn nicht alles glückt. Ein paar Passagen wirken allzu gemächlich in die epische Breite erzählt. Und in stilistischer Hinsicht ist die eine und andere Unebenheit und schiefe Formulierung zu finden. Dennoch überzeugt Wiedersehen in Tanger als atmosphärisch einladende, stofflich reiche und behutsam erzählte Geschichte zwischen den Kulturen.

Nota critica

L’ornitologa Chaya e la specialista di cactus Thelma si incontrano a un congresso sulla desertificazione a Tangeri. Le due donne provano un’istintiva simpatia e progettano di incontrarsi nuovamente nel deserto sei mesi più tardi. Farà parte della spedizione anche Tarik, il loro accompagnatore e filosofo sufi. L’autrice zurighese Amsél conosce bene Tangeri, come dimostra questo romanzo ricco di sfaccettature. Il fascino dell’Oriente viene descritto con grande vivacità, ma senza cadere nei cliché turistici. E anche l’apparente idillio nel deserto prenderà una brutta piega. (Beat Mazenauer in Viceversa Letteratura 11, 2017)