Gottfried Keller-Handbuch

Ursula Amrein

Gottfried Keller gehört zu den bedeutendsten Autoren des Realismus. Mit seinen Romanen und Novellen hat er die Epoche massgeblich geprägt. Walter Benjamin erklärte ihn zu einem der «drei oder vier grössten Prosaiker deutscher Sprache» überhaupt. Doch nicht nur als Erzähler trat Keller hervor. Er wollte Maler und Dramatiker werden, fand als Lyriker erste Anerkennung, mischte sich in die Politik ein, schrieb Kunstkritiken und unterhielt ausgedehnte Korrespondenzen. Das Handbuch bringt Kellers Werk unter Berücksichtigung des Nachlasses erstmals in seinem vollen Umfang zur Darstellung. Entlang der Schauplätze Zürich, München, Heidelberg und Berlin rekonstruiert es die wichtigsten Stationen im Leben des Autors und verortet sein Schaffen im kulturellen und politischen Kontext der Zeit. Mit Blick auf die Wirkungsgeschichte wird Keller darüber hinaus als Wegbereiter der Moderne erkennbar.

(Klappentext J. B. Metzler Verlag)

Ein aufschlussreicher Rundgang: Das neue Gottfried Keller-Handbuch

di Daniel Rothenbühler

Pubblicato il 16/01/2017

In zwei Jahren steht der zweihundertste Geburtstag Gottfried Kellers an. Welchen Keller wir dann feiern, wird sich weisen. Fest steht, dass die Keller-Forschung noch nie so gut auf ein Jubiläum vorbereitet war wie heute. Einen bestens fundierten und höchst aufschlussreichen Rundgang durch Kellers Leben, seine Werke, ihre Entstehung, Wirkung und Erforschung präsentiert die Zürcher Germanistin Ursula Amrein als Herausgeberin des neuen Gottfried Keller Handbuchs. Dieses bietet mit Beiträgen von acht anderen Zürcher Germanistinnen und Germanisten und weiteren Keller-Spezialisten der Universitäten Basel, Genf, Hamburg und Köln die nun gründlichste Einführung in die ältere und neuere Keller-Forschung. Sehr zugute kommt dem Handbuch der ihm vorausgegangene editorische Grossakt, durch den zwischen 1996 und 2013 in der Historisch-Kritischen Gottfried Keller-Ausgabe (HKKA) sämtliche Schriften Kellers der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

Vielseitige Einblicke

Zum Leben des Autors lässt der Teil I des Handbuchs zwar kaum neue Aspekte erkennen, dafür bieten die gründlichen Darstellungen aller Werke Kellers, auch der unveröffentlichten, im Teil II vielseitige Einblicke in sein Schaffen. Auf subtile Weise wird die Inhaltswiedergabe hier immer wieder mit Hinweisen zu Deutungsansätzen in der Forschung verbunden, am häufigsten in den Beiträgen von Michael Andermatt. Während das epische Schaffen Kellers sich überblicken lässt, wurde seine Lyrik bisher eher selektiv im Hinblick auf die Erhellung seiner Erzählkunst untersucht. Walter Morgenthaler und Philipp Theisohn geben uns nun einen Überblick über das ganze lyrische Schaffen Kellers sowohl in seiner Genese und Publikation wie in seinen Entwicklungslinien. Ebenfalls grössere Aufmerksamkeit als in früheren Gesamtdarstellungen erfahren Kellers Schriften zu Politik, seine amtlichen Publikationen und seine autobiografischen Zeugnisse.

Ganz neu ist der Einblick in Kellers Schaffensprozess durch seine Studien-, Notiz- und Geschichtsschreibbücher, die das Handbuch gebührend würdigen kann, weil die HKKA sie erstmals vollständig publiziert hat. Zu Kellers umfangreichem Briefwechsel, seinen Dramenfragmenten und seinem bildkünstlerischen Nachlass hingegen bietet das Handbuch zunächst wenig Neues. Als wichtige Momente in Kellers Schaffen erweisen sie sich dann aber, sobald sie im Teil III des Handbuchs, Kontexte, mit zeitgeschichtlichen Entwicklungen in der Politik, der Religion, der Anthropologie und der verschiedenen Künste (Literatur, Theater, bildende Kunst) und mit Kellers vielfältigem Beziehungsnetz im gesamten deutschen Sprachraum verbunden werden.

Breite Resonanz

Teil IV des Handbuchs verfolgt die Rezeption und Wirkung Kellers in der Editionsgeschichte, in der Literaturkritik zu Lebzeiten, im Nachleben und in Deutungskontroversen, in der breiten Resonanz in Künsten und Übersetzungen und in der ergiebigen Abschlussfrage, welche Spannungen und Wandlungen ein Realismus-Konzept erfährt, «das ausdrücklich Keller in den Mittelpunkt rückt». (Hugo Aust)

Seltsam mutet an, dass «Nachleben und Deutungskontroversen» auf die ersten fünfzig Jahre nach Kellers Tod beschränkt werden. So kommt insbesondere der grosse Widerhall zu kurz, den Kellers Werk bis 1989 in der Sowjetunion und ihrem Herrschaftsbereich gefunden hat. Bezeichnend für die Vernachlässigung dieses wichtigen Aspekts der Keller-Rezeption ist die Tatsache, dass im Abschnitt Film die Verfilmung von «Romeo und Julia auf dem Dorfe» durch Siegfried Kühn in der DDR (1984) gar nicht genannt wird.

Eine weitere bedauernswerte Lücke ergibt sich im Kapitel Literarisierungen dadurch, dass Adolf Muschgs literarischer Gross-Essay «O mein Heimatland» von 1998 nicht einmal erwähnt wird. Muschgs Kontextualisierung Kellers durch die Spiegelung heutiger populistischer Bewegungen in jenen der 1860er Jahre bleibt auch heute noch, zwanzig Jahre nach ihrer Publikation, so aktuell, dass sie im Jubiläumsjahr 2019 hoffentlich die nötige Aufmerksamkeit erfahren wird.

Eminente Leistung

Denn das zeigt dieses Handbuch in verschiedenen Hinsichten immer wieder: Keller war in seinem ganzen Schaffen, nicht nur in seinen lyrischen Anfängen, ein durch und durch politisch denkender Autor, ein im Sinn der Aufklärung liberaler Republikaner, der sich nur «in Tonfall und Stil» (Michael Andermatt) wandelte. Damit einher geht eine unbeirrte Verbundenheit mit seiner Zeit: Er hält sich in seinen Lektüren, seinen vielfältigen persönlichen Kontakten und seinem ausgiebigen Briefwechsel auf der Höhe avanciertester Positionen seiner Zeit, sowohl was die Begründung eines neuen, wissenschaftlich begründeten Welt- und Menschenbildes angeht wie die – weiterhin ungelöste – Frage der Vereinbarung von liberaler Demokratie und frei expandierendem Kapitalismus. Zugleich besteht er immer auf dem, was er die «Reichsunmittelbarkeit der Poesie» nennt, «das Recht zu jeder Zeit (...) an das Parabelhafte, das Fabelmässige ohne weiteres anzuknüpfen», und sucht sich damit jenseits der Alternative Epigonentum oder Avantgarde zu situieren. Die Spannung zwischen entschiedener Zeitgenossenschaft und ebenso entschiedenem Beharren auf der Eigengesetzlichkeit der Dichtung begründet die heute noch wirksame «eminente Leistung» Kellers, «dass er den Blick auf das Imaginäre, das Versteckte und Tabuisierte, die unausgesprochenen Vorannahmen und Aporien im Denken seiner Zeit blosslegt». (Ursula Amrein)

Das Handbuch würdigt diese Leistung dadurch, dass es in mehreren Beiträgen ein besonderes Augenmerk auf Kellers werkimmanente Poetologie legt. Damit rückt es auch das delikate Problem der Wechselwirkungen zwischen Biografie und Fiktion in ein neues Licht, da Keller ja selbst in seinen autobiografischen Texten Leben dichtet, indem er «einem elaborierten literarischen Verfahren» (Michael Andermatt) folgt.

Mit der umfassenden Würdigung bisheriger Forschungsergebnisse darf ein Handbuch auch Desiderate gegenüber der künftigen Forschung festhalten. So schlägt z. B. Alexander Honold eine «systematische Auswertung des Gestaltungsmittels konventionalisierter idiomatischer Spruchformeln bei Keller» vor, Sabine Graf erwägt eine Erweiterung der Lesarten dank einer «kontrastiv-vergleichenden Lektüre der Übersetzungen» von Kellers Werken und Hugo Aust ruft nach vermehrten «medienorientierten Untersuchungen im Verein mit semiotischen und bildwissenschaftlichen Ansätzen». Kellers Werk hält auch für künftige Lektüren Überraschungen bereit.

Rassegna stampa (selezione)

Das Buch ist eine bildlose Fundgrube für alle Leser, die - wie Walter Benjamin - in Keller einen der «grössten Prosaiker der deutschen Sprache» sehen. (Guido Kalberer, Tages-Anzeiger, 6. 12. 2016)

Das von der Zürcher Germanistin Ursula Amrein herausgegebene Werk versammelt das gegenwärtige Wissen in kompakter Form und darf Referenzcharakter beanspruchen. (Beatrice Eichmann-Leutenegger, NZZ, 8. 12. 2016)