Mut zur Mündigkeit

Beat Sterchi

«Ohne missionarischem Eifer, aber mit Nachdruck plädiert Beat Sterchi für ein anderes sprachliches Selbstbewusstsein. Er tut dies nicht aus nationalistischen oder patriotischen Gründen, sondern einfach deshalb, weil er überzeugt davon ist, dass jeder Mensch sich in seiner eigenen Sprache soll zuhause fühlen dürfen.»

(aus dem Vorwort von Pedro Lenz)

Heraus aus der sprachlichen Unmündigkeit!

di Florian Bissig

Pubblicato il 22/11/2016

Als kämpferisches Pamphlet kommt das Büchlein von Beat Sterchi daher. Mit dicken Lettern brüllt es gleichsam seinen Titel «Mut zur Mündigkeit», der an Kants Begriff der Aufklärung gemahnt: «Sapere aude», wage zu wissen; befreie dich aus der «selbstverschuldeten Unmündigkeit». Es muss also um das Joch einer ungeheuerlichen doktrinären Knechtschaft gehen, das hier abgeschüttelt werden soll.

Zugleich schwingt im Titel die «Mündlichkeit» mit, und – horribile dictu – auch die «Mundart» (ein Ausdruck, den Sterchi ablehnt). Und siehe da, auch Pedro Lenz und das Spoken-Word-Ensemble «Bern ist überall» stehen auf dem Cover: Der Band ist «kommentiert» von jenem und «empfohlen» von diesem. Die Machart des Buches ist überdies tupfgenaugleich wie die der «edition spoken script» des Verlags «Der gesunde Menschenversand», in der ein Gutteil der Schweizer Mundartautoren publizieren.

Starke These auf wackligen Füssen

Im Zentrum von Sterchis Buch steht eine griffige These, die durchaus bedenkenswert ist, auch wenn in problematischer Weise hergeleitet wird und ausserdem in einige Aporien führt. Die These lautet: Die Deutschschweizer sind zweisprachig. Das soll heissen, unsere Alltagssprache ist Muttersprache und Erstsprache, die Hochsprache unsere erste Fremdsprache.

Sterchis Argument dafür ist: Weil der Berndeutsch redende Schweizer und der Hochdeutsch redende Deutsche sich nicht gegenseitig verstehen, handelt es sich bei ihren Sprachen um zwei verschiedene Sprachen. Dass linguistisch einiges dafür spricht, von Varianten ein und derselben Sprache zu sprechen, davon will Sterchi nichts wissen, wie er überhaupt nicht gut auf die Sprachwissenschaft zu sprechen ist. Er lehnt auch den Ausdruck «Dialekt» samt und sonders ab, den er für abwertend und damit politisch unkorrekt hält.

Da nun aber der Bauer den Professor ebenso wenig versteht: Müsste man ihre Soziolekte nicht auch als Einzelsprachen ansehen, und den Begriff des Soziolekts als abwertend abschaffen? Und wenn meine Muttersprache nun also Zürichdeutsch ist: Als was soll ich nun das Berndeutsche, das Appenzellische, oder gar das Walliserdeutsche betrachten, die ich teilweise auch nicht verstehe? Wenn es verboten ist, Dialekt oder Mundart zu sagen, müsste man sie entweder als Einzelsprachen oder als identisch bezeichnen. Beides wäre Unsinn.

Mehr Selbstbewusstsein

Auch wenn Sterchis These schon von Beginn weg reichlich wackelt und so nicht gerade den Weg zu einer begriffsscharfen Auseinandersetzung ebnet, stützt sie einige Forderungen, denen wohl grundsätzlich kaum zu widersprechen ist. Die Gleichwertigkeit aller Muttersprachen sei zu anerkennen. Jeder verdiene in seinem Bedürfnis nach sprachlichem Wohlbefinden respektiert zu werden. Es gelte, die Alltagssprachen zu bewahren und zu pflegen. Wer wollte dem widersprechen?

Sterchis Beschreibungen rund um die Situation der Deutschschweizer und ihre Mühen mit dem Hochdeutschen sind freilich treffend. Auch die Widersprüchlichkeit, die darin liegt, das Hochdeutsche als Muttersprache und Amtssprache zu nehmen und sich zugleich derart unsicher und unbeholfen darin auszudrücken, vermag er gut aufzuzeigen. Ebenso das weitverbreitete Unbehagen beim Sprechen unserer eigenen offiziellen Sprache; bei der Sprache, die wir doch in der Schule so konsequent üben; bei der Sprache, die wir hauptsächlich lesen und schreiben.

Insofern Sterchi mit seinem Beharren auf dem Satz über die Zweisprachigkeit ein grundsätzliches Bewusstsein für die sprachlichen Nöte östlich der Saane wecken möchte, wird man ihm gern beipflichten. Die Alltagssprachen sind ernst zu nehmen. Weil wir sie als erstes lernen, sind und bleiben sie uns ein Leben lang emotional am nächsten. Selbstverständlich haben wir das Recht, sie zu benützen, ohne uns dabei minderwertig fühlen zu müssen.

Auch das Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit in der Verwendung des Hochdeutschen hört man gern. Seien wir doch stolz auf unsere sprachliche Flexibilität. Wir können von Schweizerdeutsch auf Hochdeutsch wechseln – die (Nord-)Deutschen können nichts dergleichen. Es gibt keinen Grund uns minderwertig zu fühlen, bloss weil uns Wörter auf der Zunge liegen, die laut Duden «nur» regionale Varianten sind.

Mundartliteratur entghettoisieren

Diffus bleibt, wie ernst es Sterchi mit allerlei Forderungen ist, die er andeutet, ohne konkrete politische Vorstösse zu riskieren. Soll in der Schule Schweizerdeutsch unterrichtet werden? Sollen die Bundesräte in Berlin in ihrer Alltagssprache sprechen und einen Dolmetscher in Anspruch nehmen? Soll Schweizerdeutsch als Amtssprache in die Bundesverfassung aufgenommen werden?

Solche Ideen dürften auf grösseren Widerstand stossen. Eher beiläufig kommt im Buch die Kultur zur Sprache – der Bereich, in dem Sterchi und seine Mitstreiter selbst etwas ausrichten können. Das Theater müsse die Lebenswelt der Zuschauer abbilden, und sollte sich also auch deren Muttersprache bedienen. Und in der Literatur macht sich Sterchi einerseits für denselben unverkrampften Umgang mit der Hochsprache stark wie im mündlichen Bereich, und ermuntert andererseits die Mundartliteratur dazu, sich weiterzuentwickeln.

Mit Verweis auf Pedro Lenz und Guy Krneta konstatiert Sterchi zuversichtlich, dass die alltagssprachliche Literatur im Begriff sei, aus dem Mundart-Ghetto auszubrechen. Weiter zu erwähnen wären neben den zwei Genannten auch Kurt Marti und Ernst Burren, und nicht zuletzt Sterchi selber, der dieses Jahr seine berndeutsche Textsammlung «U no einisch» veröffentlichte. Darin greift er Gesprächsfragmente etwa aus der S-Bahn oder vom Berner Zibelemärit auf und rhythmisiert und sampelt sie gleichsam wie ein DJ. Mit Blick auf die Publikationen dieser Herren fällt indessen auf, dass der alltagssprachliche literarische Aufbruch bisher vor allem im Berndeutschen und Solothurnischen stattfindet, und dass er sich auf kürzere Formen beschränkt. Bei den Texten handelt es sich zu einem guten Teil um Vortragstexte, bei denen die Sprache – ihr Klang und überhaupt ihre Verwendung – oft immer noch als Hauptattraktion figuriert. Mit diesen Bücher steckt die alltagssprachliche Schweizer Literatur zwar gewiss nicht mehr in einem Ghetto, aber sie ist merklich weiterhin damit beschäftigt, sich aus ihm zu befreien.