Di schöni Fanny

Pedro Lenz

Drei Künstler und Tagediebe stolpern in dieser tragisch-komischen Geschichte durch das neblige Olten: Jackpot, der erfolglose Schriftsteller, der auf Hunde und Pferde wettet, und die beiden Maler Louis und Grunz, die das Leben und die Schönheit lieben. Ihre Hingabe zur Kunst und zu den kleinen Freuden des Alltags scheint die drei Freunde zu erfüllen. Das Schicksal meint es gut mit denen, die wenig verlangen und viel geben. Doch dann tritt die schöne Fanny in ihr Leben. Allein durch ihre Präsenz bringt Fanny das scheinbar stabile Gleichgewicht der Männerfreundschaft ins Wanken. Mit der Leichtigkeit des Seins ist es bald vorbei. Jeder begehrt Fanny, aber keiner scheint zu verstehen, was Fanny begehrt.

(Buchpräsentation Cosmos)

Recensione

di Florian Oegerli

Pubblicato il 19/10/2016

Woran es wohl liegt, dass so viele Autorinnen und Autoren in Olten wohnen? Was hat die neblige Kleinstadt nur an sich, dass sich mit Pedro Lenz und Alex Capus gleich zwei bekannte Deutschschweizer Schriftsteller hier heimisch fühlen?

Was genau der Grund ist, weshalb die Bahnerstadt auch ein kleines Literaturzentrum ist, erfährt man in Pedro Lenz’ neustem Mundartroman zwar nicht. Doch nach der Lektüre versteht man die Stadt und ihre Bewohner immerhin ein wenig besser. Denn in Di schöni Fanny ist Olten die Hauptfigur: Der Ich-Erzähler verortet die Geschichte gleich zu Beginn in «Oute, Jurasüdfuess, Mittuland, Ungerland, Hochnäbuland, Isebahnerland, poschtinduschtrielli Landschaft, Aggloland, Zwüscheland, Heimatland.»

Auf den ersten Blick ist «Fanny» eine klassische Dreiecksgeschichte. Jackpot, der Erzähler, ist ein selbsternannter, eher erfolgloser Schriftsteller. Er verbringt seine Tage damit, vor sich hinzuleben, wobei ihm sein Bruder, der in Basel lebt, finanziell aushilft. Abends sitzt Jackpot in der Beiz und vertreibt sich mit seinen Freunden, den Malern Louis und Grunz, die Zeit. Eine Nordwestschweizer Idylle fast schon. Nur leider hält sie nicht allzu lange.

Denn als Jackpot Louis besuchen will, begegnet ihm vor der Haustüre eine junge Frau, die Louis eben Modell gestanden ist: Fanny. Jackpot ist von der Erscheinung so gebannt, dass er nach tagelang an sie denkt. Als Fanny ihm an einer Vernissage wieder begegnet, spricht er sie an. Da merken die beiden, dass sie einen gemeinsamen Bekannten haben. Nicht nur ist Fanny Grunz ebenfalls Modell gestanden, sie weiss auch, anders als Jackpot, dass sich Grunz im Krankenhaus befindet, der Lunge wegen.

Nach dem gemeinsamen Spitalbesuch am nächsten Tag, den Jackpot Fanny aus eher egoistischen Gründen nahegelegt hat, kommt zu einer ersten Annäherung zwischen den beiden. Das inspiriert Jackpot dermassen, dass er sogar endlich anfängt, an seinem Roman zu arbeiten, erst recht, nachdem sein Bruder ihn an einen interessierten Verlag vermittelt hat.

Doch das Hochgefühl währt nicht lange. Als Jackpot erfährt, dass Fanny mit Grunz nach Belgien gefahren ist, kämpft er erfolglos gegen seine Eifersucht an, dieses «Gift, wo sech im ganze Körper cha breitmache, ähnlech wi ne Grippe, nume blibt sie meischtens länger.»

Da nützt es auch nichts, dass ihm seine Freunde während eines Ausfluges in die Romandie nahelegen, dass er mit seinen Versuchen, Fanny für sich allein zu besitzen, nicht nur die Stimmung zwischen ihnen vergifte, sondern auch Fanny in eine unangenehme Situation bringe. Jackpot will davon nichts hören. So kommt es, wie es kommen muss: Als Jackpot der jungen Frau während einer gemeinsamen Nacht gesteht, dass er allein ihr Herz besitzen wolle, verschwindet Fanny aus seinem Leben. Der Autor fällt in ein schlimmes Tief.

Erst als ihm Louis und Grunz erklären, weshalb Fanny sich aus Olten zurückgezogen habe, versteht der Schriftsteller, dass er sich falsch verhalten hat. Denn Fanny sei ein freiheitsliebender Mensch – und wer sie zu besitzen versuche, der verliere sie. Letztlich verhalte es sich mit Fanny nicht anders als mit der Kunst. «D Liebi, d Inschpiration, d Kunscht, der Ruusch, di schöne Gedanke, aues, wo würklech zöut, isch schnäu vergänglech, auso flüchtig.»

«Di schön Fanny» ist also nicht nur eine Dreiecksgeschichte, sondern auch eine künstlerische Selbstreflexion. Jackpots Roman wird nämlich, parallel zum Fortschreiten seiner Beziehung mit Fanny, tatsächlich verlegt. Das Ende des Romans vereint schliesslich Kunst und Leben: Es spielt an Jackpots erster Lesung. Sie findet, wie könnte es anders sein, in Olten statt.

Auch Lenz Sprache gelingt der Spagat zwischen Kunst und Leben, denn der Roman zeichnet sich durch eine naturalistische Sprache aus. Lenz ist, das merkt man, ein ausgezeichneter Beobachter seiner Mitwelt. Subtil arbeitet er die unterschiedlichen Sprechweisen seiner Charaktere aus und arbeitet dabei zuweilen mit Zitaten aus der Popkultur oder der Werbung, wenn er Jackpot z. B. eine Packung Migros-Kaffee inspizieren lässt. Das macht den Roman nicht nur lebensnaher, sondern bildet auch ein Stück Schweiz ab, das nur selten in der Literatur anzutreffen ist.

Doch der Roman ist mehr als nur ein liebevolles Porträt der Oltner Malerszene, die Lenz nach eigenen Angaben als Vorbild diente. Er verhandelt auch die Frage, welchen Preis Menschen zahlen, die sich für ein Künstlerleben entscheiden. Ist es möglich, als freier Maler oder Schriftsteller zu leben und gleichzeitig die bürgerliche Existenz zu führen, nach der sich Jackpot mit seinem Drang, Fanny als Einziger zu «besitzen», so zu sehnen scheint?

Lenz legt nahe, dass sich die Kunst nur schwerlich mit einem normalen Familienleben verbinden lässt – wenn überhaupt. Wer sich für die Freiheit entscheidet, die das Künstlerdasein mit sich bringt, ist ein Aussenseiter, ob er das nun will oder nicht. Die Frage danach, wie und ob sich eine Künstlerexistenz mit dem bürgerlichen Alltag vereinen lässt, ist in der deutschsprachigen Literatur keineswegs neu. Bereits Goethe oder Mann haben sich damit beschäftigt. Doch es ist Lenz Verdienst, diese Thematik nach Olten getragen zu haben – und der Kleinstadt damit ein literarisches Denkmal geschaffen zu haben.

Rassegna stampa (selezione)

Man hört der Pedro-Lenz-Melodie halt so gern zu, sie ist ein eigenes kunstvolles Kontinuum, man singt sie sich selber vor, so gut mans kann, es ist zum Oltenerwerden schön, eine Literatur, die zu der ihr gemässen Sprache ganz und gar gefunden hat. [...] Man muss auf dieses Niveau der sprachlichen Fingerfertigkeit erst einmal kommen. Aber ist es nicht so, dass auch eine Banalität, die so ironisch daherkommt, als wüsste sie, dass sie banal ist, eine Banalität ist? [...] was bliebe von der Fanny und dem Jackpot und der kleinen Lenz-Welt, wenn sie vom Blattwerk des Dialekts entlaubt wären? Vermutlich gingen sie an ihrer wohltemperierten Kleinheit ein. Dieser Gedanke hat mir nun die Freude am neuen Lenz nicht gerade verdorben, aber er hat sie doch relativiert. (Christoph Schneider, Tages-Anzeiger, 04.10.2016)