Ich wünsche, wir begegneten uns neu

Jacqueline Moser

Ella ist Anfang vierzig, bildende Künstlerin und Grafikerin. Nach einem epileptischen Anfall, der sie in den Grundfesten erschüttert, trennt sie sich von ihrem Ehemann und zieht überstürzt mit dem gemeinsamen fünfjährigen Sohn Milo aus dem Einfamilienhaus aus und in eine nahe gelegene große Wohnüberbauung ein. Schicht um Schicht, einer Zwiebel gleich, entledigt sich Ella ihres Lebens.
Jacqueline Mosers Roman, eine Sammlung aus Notaten, kreist um Ella. Um die vierzigjährige Ella, Mutter des kleinen wilden Milo. Zwei Männer, von beiden lebt sie getrennt, wuchern durch Ellas Erinnerungen, Gedanken und Träume. Ella ist bildende Künstlerin und Grafikerin. Sie wirft ihren Job als Grafikerin für eine Genfer Galeristin hin, als sie vom städtischen Kunsthaus einen Grossauftrag erhält. Ella gerät zunehmend zwischen alle Mühlsteine. Wäre da nicht Milo, wäre da nicht der chinesische Großvater mit Goldzahn und seine Enkelin, wären da nicht Frau Lehmann, Frau Kaufmann und Frau Bär, die früher Fräulein Hase geheißen habe. Ella holt auf dem Dachstock alte Schachteln, Schachteln voller Erinnerungen, Zeitreisetickets: die Zeit im besetzten Haus, die Zeit der Ausbildung ... und mitten im Meer der Erinnerung schwimmt ein Buch, ein dünnes Buch über Papierfaltkunst ... Ella faltet Enten. Milo angelt Karpfen. Was ist Glück?

(Buchpräsentation Bilgerverlag)

Recensione

di Liliane Studer

Pubblicato il 12/12/2016

In ihrem zweiten Roman mit dem irritierenden Titel Ich wünsche, wir begegneten uns neu wagt die Basler Autorin Jacqueline Moser viel: Sie erzählt wie tausende vor ihr die bekannte Geschichte einer Frau, die sich von ihrem zweiten Mann und dem Vater des gemeinsamen Kindes Milo trennt und in der Folge so richtig in ein Loch stürzt. Alles wird ihr zu viel, die Berufsarbeit – sie ist bildende Künstlerin und Grafikerin –, das Muttersein, der Hausfrauenalltag. Auf einen Schlag reduziert sich dieses Leben auf kleinste Dinge, letztlich fällt es auseinander. Und so wird auch erzählt: langsam, sehr genau, episodenhaft, wobei die einzelnen Episoden in der Regel nicht mehr als eine Seite umfassen. Ella, die Hauptfigur, ist zusätzlich verunsichert, weil sie einen epileptischen Anfall hatte, der sie umgehauen hat, buchstäblich, und den sie noch nicht so richtig in ihrem Leben einordnen kann. Über allem steht die drohende Frage, wie das alles weitergehen soll, in dieser seltsamen Siedlung, in die sie gezogen ist und wo sie niemanden kennt, als Alleinerziehende mit einem Kind, das Ansprüche hat und von seiner Mutter etwas einfordert, mit einer Herkunftsfamilie im Rücken, die wenig Unterstützung verspricht.

Eine Trennung zu verarbeiten, zieht sich hin, es ist ein Prozess, der viel Zeit braucht: Rückblicke, Konfrontation mit dem, was war, und dem, was hätte sein können. Auch vor Rückfällen ist Ella nicht gefeit, sie kommen oft dann, wenn sie sich schon sicher glaubte. Sehr schön wird nachvollziehbar, dass manche Umwege nötig sind. Ella ist auch eine Kämpferin. Sie hatte im Beruf einiges erreicht, und sie hat einen hohen Preis bezahlt. Will sie das wirklich? In dieses Künstlermilieu zurückkehren? Und wenn nicht, welche Anerkennung wünscht sie sich dann? Was ist überhaupt möglich ohne den Künstlermann im Rücken? Auf langen Spaziergängen findet Ella Ruhe, um nachzudenken. Am neuen Wohnort trifft sie Menschen, die sie näher kennenlernen will. Mit ihrem ersten Mann verbindet sie nach wie vor eine tragende Freundschaft. Es sind diese kleinen Momente, die ihr einen neuen Halt versprechen und einen Blick in die Zukunft erlauben.

In ihrem Roman greift Jacqueline Moser Themen wie Trennung, Konflikte in Beziehungen, Ich-Findung, Vereinbarung von Berufsarbeit und Mutterschaft auf. Der Roman lebt von den schwierigen Versuchen, sich in einem neuen Alltag zurechtzufinden und den alten zurückzulassen, ohne nach der Schuld zu fragen oder danach, warum es so weit hatte kommen können. Wenn sich diese Frage doch dazwischendrängen sollte, erkennt Ella rasch, dass sie nirgends hinführt.

Jacqueline Mosers Sprache zeichnet sich durch Genauigkeit aus: Sie schreibt präzise, interessiert sich fürs Detail. Dass sie im Präsens erzählt, erhöht die Unmittelbarkeit dieser Schreibe. Dieselbe Wirkung haben auch die überwiegend verwendeten Hauptsätze. Ereignisse, Momente des Erlebens, Gedankensplitter werden nebeneinander- und nicht in eine Hierarchie gestellt. Dass die Autorin ihre Figur mag, geht aus dem Text immer wieder hervor. Sie begleitet sie, lässt sie nicht im Stich, auch wenn es heikel wird. Ihr Erzählen deutet darauf hin, dass sie weiss, wovon sie schreibt. So erstaunt denn auch nicht, dass Jacqueline Moser in einem Interview gesagt hat, sie habe sich in die Kantine eines Spitals gesetzt, um die dortige Atmosphäre einzufangen, damit sie die Szenen, die Ella im Krankenhaus verbringt, schreiben könne. Wie ihre Protagonistin ist Jacqueline Moser eine Spaziergängerin. Sie hat nach dem Erscheinen ihres ersten Romans Lose Tage eine Art Rhein-Tagebuch geführt, als sie viel Zeit am Fluss in ihrer Heimatstadt verbrachte, dabei die Vogelwelt beobachtete oder wie sich das Ufer veränderte während des Jahres.

Der Roman umfasst 362 Seiten, das ist nicht wenig. Und es sei nicht verschwiegen, dass Kürzungen und Straffungen diesem Erzählen vielerorts gutgetan hätten. Geschichten gewinnen nicht an Eindringlichkeit, wenn nachgedoppelt wird, im Gegenteil. Doch wer nur wenige dieser Episoden hintereinander liest und Ellas Tempo aufnimmt, um sie auf ihrem Weg in einen neuen Alltag zu begleiten, wird einiges erfahren über eine Frau, die weiss, dass sie jeden Tag neu ihr Leben gestalten will.