So einfach war es also zu gehen

Laura Vogt

Ich betätigte das Feuerzeug und inhalierte schweigend. Schliesslich sagte ich: Wäre Vater tot, gingen wir an ein Grab, eine Figur wäre darauf platziert, ein Engel aus Bronze zum Beispiel, Maria mit Kind im Arm oder stattdessen ein Lamm, ein Kamel, die Sphinx. Wir könnten jeden Monat Blumen bringen, und das Grab würde nach fünfundzwanzig Jahren aufgehoben. Aber er ist nicht tot, basta, entgegnete Naomi.

In ihrem beeindruckenden Debütroman erzählt Laura Vogt von Vätern und Schwestern, Körper und Spiegel, von Sprache und Schweigen, Nähe und Distanz. Es geht ums Unterwegssein und den Umgang mit sich selbst als Fluchttier.

(Buchpräsentation Verlagsgenossenschaft Sankt Gallen)

Recensione

di Florian Oegerli

Pubblicato il 25/05/2016

Wer Laura Vogts Erstling aufschlägt, ist versucht, darin einen politischen Roman zu sehen: Bereits im ersten Absatz der grösstenteils in Ägypten spielenden Erzählung fällt der inzwischen berühmte Name «Tahrir Square». Und gleich zu Anfang befinden sich die LeserInnen mitten in einer Fluchtszene: Die Schwestern Helen und Naomi stehen am Flughafen, bereit, das instabil gewordene Land zu verlassen. Doch der erste Eindruck täuscht. Denn im Roman der jungen Ostschweizerin steht die Politik keineswegs im Vordergrund. Zwar zeichnet er sich durch eine für ein Debüt erstaunliche Welthaltigkeit aus – was wohl auch an der Biografie der Autorin liegt, die in Uganda, Griechenland und Ägypten lebte – doch bildet der Arabische Frühling bloss den Hintergrund einer sinnlich erzählten, oftmals beklemmenden Geschichte vom Bleiben und vom Gehen. Die angespannte Stimmung im Land korrespondiert dabei mit der inneren Anspannung der Hauptfigur. So einfach war es also zu gehen ist ein Entwicklungsroman – und was für einer!

Vogt erzählt Helens Geschichte von ihrem Ende her. Erst am Flughafen erkennt die Protagonistin, dass sie Ägypten kaum wahrgenommen hat. Viel zu sehr ist sie in ihrem eigenen Raum geblieben, «belagert von mir selbst, von meiner Vergangenheit».

Der Titel spielt dabei bereits auf das Hauptthema an. Weggehen und Bleiben, Annäherung und Abstossung, sind die beiden Spannungspole, zwischen denen sich die Protagonisten bewegen: Nachdem sie in Hamburg ein paar Tage und Nächte mit dem jungen Musiker Khaled verbracht hat, beschliesst Helen, ihr Studium zu unterbrechen, um ihm nach Ägypten zu folgen, einem Land, das sie seit ihrer Kindheit fasziniert. Helen nimmt sich eine Wohnung, lernt Arabisch und trifft sich ab und an mit ihrem Liebhaber, der allerdings mehr in die Politik, mehr in den Widerstand gegen den «Pharao» Mubarak als in sie verliebt scheint.

Es sei einfach zu gehen, behauptet der Titel, doch ist die Wahrheit um einiges komplizierter. Helen ist nämlich nicht die Erste in ihrer Familie, die geht. Helen und Naomi waren noch Kinder, als ihr Vater Pius sich zuerst von der Mutter scheiden liess, um dann einer Frau und einer esoterischen Sekte wegen sämtliche Kontakte zur Familie abzubrechen. Seine Töchter, so das letzte, was sie von ihm hörten, würden seine Energien stören.

Der Roman lässt offen, inwiefern Helens Kairo-Aufenthalt mit dem Weggang des Vaters zusammenhängt. Klar ist, dass seine Abwesenheit fast auf jeder Seite zu spüren ist. Die beiden Schwestern verfolgen je eigene Strategien, mit der Vaterlosigkeit und der erfahrenen Verletzung umzugehen: Während Helen durch die Welt streut und «unruhig» wird, wenn sie nicht «scheissen kann», leidet Naomi an Bulimie, dem Versuch, sich die «Reste des Vaters», die Erinnerung an das Vergangene, «aus dem Leib zu kotzen». Beide Strategien gehen nicht auf: Die Vaterreste bleiben «unverrückbar», egal, wie oft Naomi erbricht, und Helen kann noch so weit reisen, die Erinnerung holt sie ein.

Bewundernswert, aus wie vielen unterschiedlichen Quellen die Autorin die Bilder schöpft, die ihr dabei helfen, sich dem schwierigen Thema anzunähern. Oft greift sie dabei zu (mitunter drastischen) Körper-Metaphern und Vergleichen. So liegen Helen die vielen Jahre, in denen sie den Vater nicht mehr gesehen hat, «wie unverdautes Fleisch» im Magen. Auch die Schilderungen der esoterischen Überzeugungen ihres Vaters gehen einem körperlich nahe, so die Hymne auf seine neue Frau Astrid, die, Niklaus von Flüe gleich, angeblich nicht essen muss und von Gott ernährt wird (nur ab und an füttert der Vater sie mit Joghurt). Es sind vor allem diese Körperthemen, die dafür sorgen, dass man das Buch zuweilen beiseitelegen muss, um durchzuatmen und das Gelesene erst einmal selbst zu verdauen.

Dass es eben nicht einfach ist, zu gehen, dass einen die Vergangenheit so lange verfolgt, bis man sich ihr stellt, darauf weist das Ende des Romans hin: Naomi ist Helen nach Kairo nachgereist und okkupiert erst ihre Wohnung, um sie dann zu zwingen, endlich einzusehen, dass der Vater sie beide «kaputtgeritten» habe. Erst indem sich beide ihre Verletzung bewusst machen und versprachlichen, schaffen sie es, sie hinter sich lassen zu können. Der Vater erweist sich dabei als nicht so gross, wie er in ihrer Erinnerung ist. Als die Schwestern den Mut aufbringen, ihn anzurufen, merken sie, dass seine Stimme klingt wie die eines alten Mannes, dessen Zeit wohl bald vorüber sein wird – ein wenig wie die des «Pharaos» Mubarak.