Lügen von gestern und heute

Ursula Fricker

Beba träumt von einer Karriere als Pianistin, arbeitet aber als Prostituierte. Nach dem Krieg in ihrer Heimat ist sie der Armut entflohen. Sie spart auf ein Klavier, fängt an, in einem Jazzclub aufzutreten. Auch Isa, eine Studentin, träumt. Sie will die Welt verbessern und gerät in den Kreis linker Aktivisten. Zunehmend militanter unterstützen sie und ihre Genossen die Flüchtlingsbewegung. Innensenator Ottens Utopien sind längst dem politischen Alltag gewichen. Unter Zugzwang lässt er ein illegales Flüchtlingscamp räumen, nicht ahnend, was ihn diese Entscheidung kosten wird. Ein Roman über die Sehnsucht nach dem Guten und Richtigen, über drei Menschen, die sich selbst behaupten müssen und staunend erkennen, wer sie eigentlich sind.

(Buchpräsentation dtv)

«Wie oft ist das Gute schon verdorben»

di Jörg Hüssy

Pubblicato il 29/06/2016

Mit ihrem vierten Roman Lügen von gestern und heute ist Ursula Fricker endgültig in Deutschland angekommen. Kurz nach der Wende zog die in Schaffhausen geborene Autorin nach Berlin. Mittlerweile lebt sie seit vielen Jahren als freie Schriftstellerin im Umland der deutschen Hauptstadt. Während die Handlung ihres ersten Romans noch in der Schweiz angesiedelt war, spielten die nachfolgenden bereits in Deutschland. Begünstigt durch den Erfolg ihres dritten Romans Ausser sich, der auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises 2012 stand, ist Ursula Fricker nun auch verlagstechnisch in Deutschland beheimatet. Erschienen ihre ersten Werke noch bei den Schweizer Verlagen Pendo und Rotpunkt, so wurde ihr neustes Werk im Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) herausgebracht und dies wohlgemerkt in einer gebundenen Ausgabe. Und beruft man sich auf die nach Ländern geordnete Autorenliste der dtv-Webseite, feiert sie gar eine Wiedergeburt als deutsche Autorin. Für Viceversa bleibt sie natürlich eine Schweizer Autorin.

Die Thematik des Romans ist hoch aktuell: Aktivisten setzen sich vehement für ein Flüchtlingscamp ein und fordern mit ihrer Militanz die lokale Politik heraus. Isa Zeisler, eine junge Studentin aus gut bürgerlichem Haus, hat Mühe mit ihrem vorgezeichneten Leben. Das ändert sich, als sie sich der linksautonomen Szene anschliesst. Sie engagiert sich für Flüchtlinge und radikalisiert sich zusehends. Was mit harmlosen Aktivitäten wie Farbanschlägen und Drohungen beginnt, endet mit einem Mord an einem hohen Politiker. Ursula Fricker ist jedoch nicht an der Spannung gelegen – früh ist erkennbar, welchen Verlauf die Geschichte nehmen wird. Unaufgeregt beschreibt die Autorin die Beweggründe der drei Hauptfiguren, ihre Gedankenwelt. Neben der Studentin wäre da der gestandene Politiker Joachim Otten. Als Innensenator der Metropole lässt er das Flüchtlingscamp wegen eines ausser Kontrolle geratenen Hungerstreiks räumen und wird so definitiv zum Feindbild der autonomen Szene, die die Flüchtlinge unterstützt. In längeren Passagen lässt Fricker uns Ottens Motivation und Gedankengänge erfahrbar machen. Er wird als unerschütterlich und sehr reflektiert, aber doch festgefahren in seinen Überzeugungen beschrieben. Seine Gewissheiten und sein Selbstverständnis werden durch die Ereignisse erst mit der Zeit leicht angekratzt. Er, der sich als Jugendlicher mit langen Haaren und linker Gesinnung gegen seinen Vater auflehnte und der sich gewünscht hätte, er wäre ein Arbeiterkind und nicht das eines Bankdirektoren, wird nun seinerseits von Aktivisten der Generation seiner Kinder auf die Probe gestellt. Gleichzeitig kann er mit seiner unpolitischen Tochter, die in seinen Augen völlig verzogen ist und sich einem Spleen nach dem anderen hingibt, gar nichts anfangen und ist erstaunt, dass bei seinem Sohn keinerlei Zeichen von Rebellion auszumachen sind.

Als Ergänzung und verbindendes Element zur Studentin und dem Politiker führt Ursula Fricker eine junge Frau vom Lande irgendwo aus dem ehemaligen Ostblock ein. Beba könnte die spannendste der drei Hauptfiguren sein. Sie ist den Kriegswirren und der Armut entflohen und landet als «Hure» in einem Bordell. Ihre Liebe gehört jedoch der Musik, dem Klavierspiel. Dank diesem eröffnen sich ihr Wege in die bürgerliche Welt und aus dem Bordell heraus. Joachim Otten entdeckt ihre Begabung an einem Jazzkonzert und interessiert sich für sie als Musikerin. Eine nicht genauer definierte Bekanntschaft entsteht, worauf er Beba gar einlädt, an einem Hauskonzert zu spielen. Die Pianistin verliebt sich unterdessen in einen Mitmusiker: Elias spielt Trompete, ist aus gutem Haus und Meisterschüler am Konservatorium. Die beiden werden ein Paar und bald darauf erwarten sie ein Kind. Während er ihre Vergangenheit doch nicht ausblenden kann und sich immer mehr daran stört, kommt sie mit dem vermeintlichen gesellschaftlichen Aufstieg nicht klar. Beengt im Korsett eines angepassten Lebens flieht sie zurück ins Bordell. Und genauso ist ihre Musik, sie sucht die Freiheiten, die ihr der Jazz bietet. In dieser schematischen Gleichung zwischen Musik und Leben liegt allerdings auch die Schwäche der Figur. Andererseits sind die Freiheiten, die Beba sich in ihren Gedanken und Aussagen herausnimmt, in ihrer ungewöhnlichen Art poetisch. Etwa, wenn sie über die Flüchtlinge nachdenkt: «Es wäre schön, dachte sie, wenn alle bleiben könnten, aber wenn von der einen Seite alle auf die andere rennen, kippt die Welt.». Oder wenn sie ihre Arbeit als Prostituierte beschreibt: «Sie ziehe sich den Körper aus, als wäre er ein Mantel, sie lege ihn der Kundschaft hin, sie selber setze sich an den Bettrand und schaue zum Fenster hinaus.»

Isa, Otten und Beba sind vielschichtige, differenziert gezeichnete Charaktere, denen jedoch auch etwas Konstruiertes anhaftet. Ausserdem beschleicht einen das Gefühl, dass Ursula Fricker in ihrem gekonnt aufgebauten Roman etwas viel Verständnis für die Protagonisten und ihr Handeln aufbringt. Es sind Figuren, die auf je ihre eigene Art nach Idealen streben, sich aber in ihren (unbewussten) Lebenslügen verlieren. In diesem Sinne fragt sich Beba programmatisch: «Wie oft ist das Gute schon verdorben?»

Nota critica

In una grande città tedesca di cui non viene fatto il nome s’incrociano il destino di una studentessa impegnata in un campo profughi che rapidamente si radicalizza, e quello del senatore Joachim Otten, il politico che decide lo sgombero proprio di questo campo diventando così bersaglio degli attivisti di estrema sinistra. Il tema estremamente attuale dei migranti è completato attraverso la figura di una giovane immigrata proveniente dall’Europa dell’est, che lavora in un bordello e ottiene riconoscimento come musicista. Ursula Fricker cambia abilmente la prospettiva tra queste «pedine di un gioco», mostrando una società nella quale «le bugie di ieri e quelle di oggi» s’intrecciano tra loro. (Jörg Hüssy in Viceversa Letteratura 11, 2017)