Kreuzfahrt

Mireille Zindel

Meret und Dres, Jan und Romy. Zwei Paare, bei denen sich Ernüchterung eingestellt hat. Bis sich Meret und Jan ineinander verlieben - ein scharfsinniges, raffiniertes Kaleidoskop über alle Facetten des Liebens, das durch seine sprachliche Finesse und unvergleichliche Empathie besticht

(Buchpräsentation Kein & Aber)

Recensione

di Liliane Studer

Pubblicato il 18/07/2016

Wie schön wäre es, wenn die Schmetterlinge im Bauch ewig flattern würden, wenn jeder Tag voller Überraschungen wäre, wenn der eigene Mann so aufregend wäre wie am ersten Tag, die eigene Frau jeden Abend neu zu entdecken, auch nach Jahren noch. Wirklich? Ist es nicht eigentlich gut, dass der Alltag in der Regel anders aussieht? So oder so, wir alle träumen manchmal vom anderen Leben und sind am nächsten Tag froh, dass alles noch so ist wie gewohnt. Ausbruchsversuche sind auch in der Literatur immer wieder ein Thema. Von einer tatsächlich erfolgten Flucht zu lesen hat seinen Reiz, wie etwa Peter Stamm mit seinem neuen Roman Weit über das Land (S. Fischer Verlag) gezeigt hat, der sofort die Bestsellerlisten erklommen hat. Hier verlässt Thomas anscheinend völlig unmotiviert Frau und Kinder, wandert einfach los und lässt sich ein auf das, was sein wird. Manchen helfen solche Geschichten, nicht zuletzt, weil das Lesen im Leben anderer erspart, etwas selbst ausprobieren zu müssen, eben zum Beispiel einfach mal wegzugehen. Literatur kann Stellvertreterfunktion übernehmen, und das ist auch überhaupt nicht negativ gemeint.

Auch Schreiben kann «an Stelle von …» stehen. Nicht zuletzt darum geht es im neuen Roman von Mireille Zindel, ihrem dritten nach Irrgast und Laura Theiler (beide im Salis Verlag). Meret, die Ich-Erzählerin in Kreuzfahrt, ist mit ihrem Mann und den beiden kleinen Söhnen Antonín und Joachim am Meer in den Ferien, alles ist so weit ganz normal, nur müde ist Meret, und die Tränen nicht weit. Darum beschliesst sie, sich mal abzusetzen, in ein Strandlokal zu gehen, allein, Wein zu trinken. Doch dann entdeckt sie einen Felsen mit einer Terrasse obendrauf, dorthin geht sie, und dort trifft sie auf Jan Andersson. So viel erfahren wir im kursiv gesetzten Eingangskapitel, dem ein langer Brief von Meret an ebendiesen Jan folgt, in dem sie ihm erzählt, von sich, von ihrem Alltag mit Dres, dem Ehemann und den beiden Buben, und zunehmend von dem, was sie beide zusammen erleben. Auch Jan ist verheiratet, mit Romy, sie kommen aus Schweden und haben ebenfalls zwei Söhne. Sie haben schon an vielen Orten gelebt wegen Jans Arbeit, auch in Zürich werden sie kaum bleiben. Alles ist genau so, wie man es sich vorstellt, wenn zwei Familien aufeinandertreffen, sich anfreunden und versuchen, diese Freundschaft auch nach den Ferien weiterzupflegen. Doch bald schon ist klar, dass Jan für Meret mehr ist als nur ein Familienfreund. Sie hat sich längst verliebt, bevor sie das selber so genau wissen will. Und bald schon erzählt sie Jan, dass es schon ziemlich kühn ist, wenn sie ins Haus ziehen werden, wo Merets Familie lebt, denn dort wird eben eine Wohnung frei. Und damit wird für Meret mehr und mehr möglich. Rasch weiss sie alles von Jan, wann er aufsteht, wann er joggt und wie lange, wann er abwesend ist – das vor allem, denn diese Zeiten erträgt sie schlecht. Dass Romy sie belagert mit SMS und Fotos, nervt sie. Überhaupt nervt diese Frau, und es ist zu offensichtlich, dass ein Mann wie Jan mit dieser Frau nicht glücklich sein kann – so zumindest sieht es Meret. Und wird ganz schön dreist, wie sie sich dem armen Gatten vor aller Augen annähert.

Was längst abzusehen war, trifft selbstverständlich ein: Der Seitensprung wird vollzogen, erst in Paris, dann in Mailand und im Hotel gleich nebenan. Kein Detail wird uns erspart – nicht die Verwunderung (oder ist es vielleicht sogar Enttäuschung?) der verliebten Frau, dass ihr Mann anscheinend nichts merkt, oder die Szene, wenn sich Meret ganz besonders Mühe gibt, für den Geliebten attraktiv genug zu sein – äusserlich, denn nur darum geht es letztlich. Selbstverständlich und trotz allem will sie Dres nicht verlieren, denn «mit vierzig, schien es, trauerte man den Zeiten nach, in denen man noch Spass gehabt hatte. Mit fünfzig, blieb zu hoffen, war man davon geheilt.» Und da wäre es schon blöd, keinen treu besorgten Ehemann mehr zu haben, mit dem frau alt werden kann.

Besonders originell ist das alles nicht. Peinlich wird aber die Geschichte, als Jan einen schweren Unfall hat und auf der Intensivstation liegt. Romy bittet nun ausgerechnet Meret, ihn so oft wie möglich zu besuchen, weil sie dazu nicht imstande sei. Jan wird nie mehr der sein, der er war – und damit sind denn gleich einige Probleme gelöst. Romy zieht bald schon mit den Kindern nach Uppsala, Jan wird ihr nachreisen. «Du bist verschwunden, wie du aufgetaucht bist: Aus dem Nichts bist du auf der Terrasse erschienen, und ins Nichts des Komas bist du wieder verschwunden und wenig später nach Schweden abgereist. Wir haben nie die Möglichkeit gehabt, uns voneinander zu verabschieden.» Im nächsten Sommer, ein Jahr nach der Begegnung mit Jan, verbringt Meret mit ihrer Familie die Ferien wiederum in Spotorno. Fast alles war wie damals, nur dass sich Meret für einen Moment sicher fühlte. «Sicher und geborgen im Kreis dieser Menschen, die meine Familie waren.»

Der Roman endet - wiederum in kursiver Schrift - mit einem Geständnis der Ich-Erzählerin, das allerdings nicht ganz unerwartet kommt, zu zahlreich waren die Hinweise in dem an Jan gerichteten Text. Ob die von der Autorin gewählte Briefform dazu beiträgt, dass diese Geschichte, die durchaus spannend, heikel und kitzlig sein könnte, verflacht und in Klischees verfällt? Tatsächlich wirkt die Du-Form in der deutschen Sprache wenig elegant, sondern wird rasch belehrend, erklärend, kommentierend. So bleibt die Leserin seltsam unberührt - auch wenn Mireille Zindel mit treffenden Alltagsbeobachtungen und feinen Beschreibungen zwischenmenschlicher Beziehungen den Versuch wagt, von dem, was eine Frau sich wünscht, was aber nicht sein darf, zu erzählen.