Herzvirus

Bettina Spoerri

Herzvirus ist die Geschichte der Autorin, die mit über dreißig Jahren Abstand nochmals einen Annäherungsversuch an diese prägende Kindheitserfahrung und ihre damals entschwundene Mutter wagt. In erschütternden, aber fein­fühlig erzählten Erinnerungsbildern entwickelt sich das Drama des Lebens einer ungewöhnlichen Frau. Sie lebt mit ihren ­Fantasien an den Rändern der Wirklichkeit, ängstlich beobachtet und bewundert von ihrer Tochter. Sie wächst mit einer Mutter auf, die vieles auf ihre ganz eigene Weise tut, Konventionen missachtet, in Büchern, Musik und Filmen lebt, aber in zwanghaften Gedanken Briefkästen sprengt oder andere Menschen zu vergiften meint – bis zu dem Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt. Herzvirus zeichnet das Psychogramm einer Beziehung nach, in der Schrecken, Wahn und Freiheit so nahe beieinanderliegen, dass sie sich bisweilen nicht voneinander unterscheiden. Die 1970/80er-Jahre zwischen Aufbruch und Ernüchterung sind hier Spiegel innerer und äußerer Umwälzungen: die Musik, die Literatur, die Unruhen auf den Straßen, die reale Bedrohung durch Umwelt­katastrophen wie Tschernobyl und Schweizerhalle.

(Buchpräsentation Braumüller Literaturverlag)

Das Mutterbuch eines Schlüsselkinds

di Florian Bissig

Pubblicato il 30/08/2016

«Herzvirus»: Der titelgebende Ausdruck birgt zwei Hinweise auf die Todesursache bei der Frau, der Bettina Spoerris zweiter Roman gewidmet ist. Es handelt sich um ihre Mutter, und bei der Erzählerin, so kann man bei aller grundsätzlicher Skepsis gegenüber der Verwechslung von Autoren und Erzählern getrost annehmen, um Spoerri selbst.

Die Mutter war unerwartet an Myokarditis gestorben, einer Entzündung des Herzmuskels, die ohne Symptome fortschreitet und zum plötzlichen Herzstillstand führen kann. Doch der unwissenschaftliche Ausdruck «Herzvirus», mit dem sich der Gerichtsmediziner den fassungslosen Hinterbliebenen verständlich zu machen versucht, dünkt Spoerri überhaupt passend für die Leidensgeschichte ihrer Mutter. Denn eine Art von Virus hatte sich «vor Langem in ihr eingenistet» und sorgte dafür dass ihr ein psychischer Schutzmechanismus fehlte. «Sie erschien mir stets ausgeliefert, verletzlicher als die meisten anderen Menschen, die ich kannte und kenne.»

Dieser vage Hinweis auf ein seelisches Leiden, eine Imagination der letzten Momente im Leben der Mutter und eine Rahmenerzählung rund um das Ausmisten einer verstaubten Bananenkiste mit Habseligkeiten: Das ist die Einleitung des Romans, der den Leser auf die Reise in die Vergangenheit mitnimmt. Die Kulisse von Herzvirus ist die Schweizer Mittelstandsgesellschaft der 70er und 80er Jahre und erinnert detailgetreu an die Lektüren und Soundtracks ebenso wie an die sozialen und pädagogischen Debatten dieser Jahre. In der Rückschau vermag Spoerri den interpretierenden Blick des gegenwärtigen Selbst mit der kindlichen Perspektive zu verbinden. Auswahl und Symbolkraft der Episoden zeugen vom Gestaltungswillen der Autorin, etwa wenn sie von ihrer Begeisterung für resiliente Kinderbuchcharaktere wie Pippi Langstrumpf erzählt, oder von der Bibliothek ihrer Mutter, in der Bücher von Sylvia Plath und Virginia Woolf stehen.

Zugleich gelingt es ihr, starke Eindrücke davon zu vermitteln, wie sie ihre Kindheit erlebt hat. Mit zwei Brüdern und der alleinerziehenden Mutter wechselte sie mehrmals den Wohnort. Wie hart es für ein Primarschulkind ist, sich in einer neuen Schule einzuleben, wenn sie bereits ahnt, dass es auch diesmal nicht für lange sein wird; wie grausam die herablassende Taxierung der Handarbeitslehrerin über das «Schlüsselkind» ist, das nach der Schule nicht von der Mutter empfangen wird; das vermögen die Szenen plausibel zu machen.

Das seltsame Verhalten der Mutter ist dem Kind zunächst das Normale. Es ist einfach das Verhalten der Mutter, an das es gewöhnt und angepasst ist. Dass die Frau zwanghaft handelt und wahnhafte Züge hat, erschliesst sich dem Leser in der Wahrnehmung des Kindes, das natürlich noch nicht über ein psychopathologisches Vokabular verfügt. Gerade in diesen Schilderungen, in denen sich das Entsetzen über die schwierigen Umstände von Spoerris Aufwachsen mit dem Staunen über die Widerstandsfähigkeit des Mädchens die Waage halten, liegt die Stärke von Herzvirus.

Im kürzeren zweiten Teil des Romans spricht die Autorin ganz aus der Gegenwart. Sie hat Vater und Brüder interviewt, sie hat psychopathologische Handbücher studiert, und sie hat sogar eine Seminararbeit ihrer damals zwanzigjährigen Mutter mit persönlichen Bekenntnissen ausgegraben. «Heute weiss ich», «Heute verstehe ich»: Hier bringt Spoerri ihr ganzes Wissen in Anschlag und führt eine durchaus überzeugende post-mortem-Diagnose vor: Traumatisierung, Manisch-depressive Psychose, Angstzustände, Gedankeneingebung, und so weiter. Das Spoerri dies als Tochter macht, ist mutig und psychologisch vollkommen nachvollziehbar. Aus literarischer Sicht ist es dem Buch nicht in jeder Hinsicht zuträglich. Der Erkenntnisgewinn, der in der solcherart abgerundeten Erzählung liegt, hat seinen Preis darin, dass alle Mysterien, die der kindliche Zugang zu dieser eigenartigen Mutterfigur mit sich brachte, reflektiert, erklärt und so gewissermassen entweiht werden. Herzvirus ist ein persönliches Buch, das ein poetisches Erinnerungsbuch in sich einsperrt.

Am Ende ist Spoerri bei sich selbst angelangt. Nun weiss sie im Detail, woran ihre Mutter litt. Sie kennt die Ätiologie der bipolaren Störung. Es gibt einen genetischen Anteil und es gibt biografische Auslöser. Und so weiss Spoerri auch, dass sie als Tochter ihrer Mutter eine siebenfach erhöhte Wahrscheinlichkeit hat, dereinst an Bipolarität zu erkranken, und sie wähnte sich auch bereits einmal erkrankt. Das Resultat der Untersuchung lautete zweideutig, sie habe «nichts, was man medizinisch feststellen könnte». So erscheint das Liedzitat «die Gedanken sind frei» zum Ende des Buchs nicht nur als Reverenz an die Gedankenwelt der verstorbenen Mutter, sondern mit Blick auf die eigene Gesundheit auch als hoffnungsvolle Beschwörung.