Der Spartaner

Tom Zürcher

Ein junger Mann Mitte zwanzig findet sich unversehens in einem »Hotel ohne Fenster« wieder – einem Privatsanatorium, in das er nach dem letzten Treffen mit seinen ehemaligen Schulkameraden eingeliefert wurde. Sein bester Freund, den alle nur den Spartaner nennen, hatte bei dieser Zusammenkunft eine Pistole gezogen.

Minutiös hält der Protagonist alle Gespräche und Erlebnisse im Sanatorium fest. In täglichen Sitzungen versucht die Ärztin, die ihm zwischenzeitlich gefährlich nahekommt, seiner Faszination auf den Grund zu gehen, die der Spartaner auf ihn ausübt. Entspringt sie dessen beharrlicher Weigerung, ein normales Leben zu führen? Tatsächlich kommt nach und nach etwas zum Vorschein, womit niemand gerechnet hat – auch die Ärztin nicht.

Mit seinem Roman Der Spartaner hat Tom Zürcher ein dichtes, tragikomisches Psychogramm eines Menschen geschaffen, der am Erwachsenwerden gehindert wird und dessen Weltsicht den Leser in ihren Bann zieht.

(Buchpräsentation Lenos Verlag)

Notizen aus der Psychiatrie

di Florian Bissig

Pubblicato il 16/08/2016

«Eigentlich wollte ich frei sein, und jetzt sitze ich hier in diesem Hotel ohne Fenster und schreibe.» Der junge Mann, der diesen Satz aufschreibt, ist nicht frei. Er ist belastet mit seelischem Leiden, und er wird in einer psychiatrischen Privatklinik behandelt. Dank seiner Gabe, Gespräche wortgetreu in Erinnerung zu behalten, zeichnet er seinen ganzen Klinikaufenthalt minutiös und auf – und lässt den Leser gleichsam in Echtzeit an der Entwicklung seiner Gedanken teilhaben.

Mit diesem erzähltechnischen Kniff zieht uns der Zürcher Schriftsteller Tom Zürcher hautnah ans therapeutische Geschehen heran. In rasanten Dialogen – aus denen der Roman mehrheitlich besteht – zeigt sich der Erzähler als beängstigend wacher Geist, der nur so sprüht vor aberwitzigen Einfällen und sprachlichen Kapriolen: «Ich kann schon auch ehrgeizig sein. Mit zwanzig wollte ich so schnell wie möglich zehn Bier schaffen.»

Dass die ganzen Spässchen und Mätzchen die Strategie einer versehrten Seele sind, um von Fragen abzulenken, die zu einer schmerzhaften Wahrheit vordringenden könnten: Davon ist die Ärztin von Beginn weg überzeugt, und dem Leser dämmert mit der Zeit, das sie wohl Recht hat. Dem Autor gelingt es, die schwungvolle Leichtigkeit der Erzählung zunehmend ins Stocken und Straucheln zu bringen, und so den Sinn für die Last zu schärfen, die der Patient mit sich herumschleppt, obwohl er sie nicht zur Sprache bringen will (sie soll auch hier nicht ausgeplaudert werden, um der Lektüre nicht die Spannung zu rauben).

Der schillernden Figur des titelgebenden «Spartaners» gelten viele der Dialoge: Ein Mann im gleichen Alter wie der Erzähler, ein bewunderter Schulfreund, der verblüffende Stärken und Tugenden hat, der anscheinend ein radikales Leben lebte. Der sich der Welt der Erwachsenen, dem Nützlichkeitsdenken, dem Konsum, und vor allem der kapitalistischen Wirtschaftswelt verschloss. Der wie besessen malte und philosophierte. Und der schliesslich offenbar etwas Ungeheures tat, und dabei unter ebenso mysteriösen Umständen wieder verschwand, wie er bereits in das Leben seines bewundernden Freundes getreten war.

Ein Thema für sich ist währenddessen die Beziehung des Patienten zu seiner nur wenige Jahre älteren Psychiaterin. Haarsträubend, was in dieser eins-zu-eins-Betreuung alles schiefläuft! Die Ärztin ist abwechselnd geduldig und genervt, zuversichtlich und überfordert, professionell distanziert – und dann doch allzu stark emotional in ihren Fall verwickelt. Zürcher zeichnet ein hoffentlich stark parodistisches Bild des Betriebs in einer psychiatrischen Klinik für Gutbetuchte.

Der Autor versteht es, den Leser allmählich an immer mehr Elementen der Geschichte zweifeln zu lassen, die der Erzähler über seine Vergangenheit auftischt. Die Verdachtsmomente erhärten sich zunehmend, doch der Roman lässt sich viel Zeit, und führt oft zur Einsicht: So ist es also bestimmt nicht gewesen. Aber wie denn? Zürcher zögert die Auflösung – die Gewissheit über den ursprünglichen Grund der psychischen Probleme des Erzählers – so lange hinaus, bis man als Leser gar nicht mehr an eine solche glauben mag. Dann bringt er das Kunststück auf der allerletzten von 250 Seiten zustande. Die widerwillige Begegnung mit der Mutter zur Besuchszeit bringt ein Klarheit schaffendes Schuldeingeständnis, ein Liebesbeweis, eine Versöhnung – und die Perspektive einer Genesung. Zum Schluss schimmert durch, dass die Therapieresistenz des Erzählers, dem der Roman soviel von seiner Komik verdankt, überwunden ist. In seinen schlaumeierischen Ton mischt sich ein Signal aus der Tiefe. Ähnliches könnte man über Zürchers Roman sagen: Er ist unterhaltsam, nonchalant, und handelt doch in ernsthafter und nachdenklich stimmender Weise von einer relevanten und schweren Thematik.