Ein Niemand

Daniel Goetsch

Es lief schon besser für Tom Kulisch: Seine Freundin hat ihn verlassen, seine Arbeit als Übersetzer von Betriebsanleitungen treibt ihn in den Wahnsinn und die Nächte werden immer länger – als er eines Morgens Zeuge eines tödlichen Unfalls wird. Eine Verwechslung katapultiert ihn in ein anderes Leben und er läuft Gefahr, sich darin zu verlieren.
Als Tom Kulisch von der Notärztin für den Bruder des Unfallopfers gehalten wird, beginnt für ihn ein anderes Leben. Er staunt, wie leicht es ihm fällt, in die Identität des gleichaltrigen Ion zu schlüpfen. Er lebt in dessen schicker Prager Altstadtwohnung und selbst enge Freunde verwechseln ihn.

Nur Mascha, Ions Geliebte, lässt sich nicht täuschen. Denn Ion hatte noch ein paar Rechnungen offen: Anscheinend ging er nicht nur leichtfertig mit Frauen um, sondern auch mit Geld und Versprechungen. Doch für einen Rückzieher ist es zu spät, denn keiner glaubt ihm mehr, wenn er behauptet: Ich bin Tom Kulisch.

(Buchpräsentation Klett-Cotta Verlag)

Undercover in falscher Identität

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 23/03/2016

Daniel Goetsch scheut in seinen Büchern weder brisante Themen noch narrative Strategien. Tummelte sich der Erstling Aspartam (1999) in den Partykellern einer spiessigen Provinz, verdichtete sich das Bild im Nachfolgeroman X (2004) zum Porträt einer von Angst beschädigten Generation. Aus der «Seelenfalle» (wie es in X heisst) erlöst Goetsch seinen Erzähler in Ben Kader (2006), indem er ihn mit seinem Vater konfrontiert, der eine dunkle Vergangenheit im Algerienkrieg mit sich trägt. Noch tiefer in die Wüste dringt schliesslich der Roman Herz aus Sand (2009) ein. Identität und Geschichte, Wohlstand und Krise, Wahrheit und Verdrängung verdichten sich zu raffinierten Geschichten, die von Gefühlen der Entfremdung angetrieben werden. In diese Reihe stellt sich auch der neue Roman Ein Niemand. Die existentielle Wüste verschiebt sich darin nach Osteuropa und in die gescheiterte Existenz eines Berliner Übersetzers.

«Cafard» nannte Friedrich Glauser das affektive Mischmasch aus Langeweile und Überdruss, das die Fremdenlegionäre befällt. Daniel Goetsch lässt es in Herz aus Sand spürbar werden. Doch dieser Cafard scheint auch einen «Niemand» im Herzen von Berlin befallen zu haben. Der Roman erzählt in zwei Strängen, wie der Mittdreissiger Tom Kulisch in die Rolle eines gewissen Ion Rebreanu schlüpft, der vor seinen Augen überfahren worden ist. Die frappante Ähnlichkeit verleitet eine Notärztin, in ihm den Bruder zu sehen und ihm Ions Tasche auszuhändigen, worin sich ein paar Dokumente und eine Fahrkarte nach Prag befinden. Von Problemen verfolgt ergreift Tom die Chance und bemächtigt sich Ions Identität, um sich nach Prag in ein unbekanntes Abenteuer fortzustehlen.

In Prag angekommen gerät Tom alias Ion sogleich in einen Beziehungswirbel, dem er nur mit vorsichtiger Zurückhaltung Herr wird. Seine Identität als Ion scheint vorerst nicht in Frage gestellt – im Gegenteil. Der zweifelhafte Künstler Marincek hängt sich ihm mit alter Vertraulichkeit an und beginnt ihn nach Schwartz auszufragen. Was Ion anscheinend in Berlin vergeigt habe, wird nun Tom ebenso angelastet wie die offenen Schulden hier und dort. Ein Netz zieht sich um ihn zusammen. Mit drohendem Unterton wird ihm ein Besuch bei Cvetković an-, dafür der Kontakt zur «Furie» Mascha abgeraten. Letztere lernt er in einer Kneipe bald kennen – mit allem Zuviel an Euphorie und Hysterie. Ihr muss er als erster seine wahre Identität preisgeben. Doch das verhindert nicht, dass er mehr und mehr in eine existentielle Falle gerät: «Ich bin nicht Ion. Ich bin ein anderer. Aber wer ist Ion, wenn ich ein anderer bin? Ist in Wahrheit nicht Ion der andere?» Diese Spiegelfechterei der Identitäten erzeugt Angst, und zugleich etwas Gegenteiliges, wie er sich eingesteht: «Er war ein Niemand, und das war unglaublich befreiend.»

Allmählich verdichten sich die Drohungen jenes Cvetković, hinter denen irgendwie der Tycoon Schwartz steckt, der wiederum verbandelt sein könnte mit einer geheimnisvollen Doina, von der Ion alias Tom regelmässig liebevolle Nachrichten zugesteckt erhält. In B. wie Bukarest würde sich alles auflösen.

Daniel Goetsch erzählt diese zwielichtige Geschichte aus der Sicht Toms, der hartnäckig und vergeblich in der Identität Ions herumstochert, um dennoch nicht aus ihr klug zu werden. Mehr und mehr beginnt ihn die verheissene Doina zu reizen, von der er bloss den Vornamen kennt. Im kapitelweisen Wechsel bettet Goetsch die Geschichte ein in den Rahmen einer Befragungssituation. Am 27. Dezember 2006 behauptet ein Ion Rebreanu am Flughafen Tegel, er sei Tom Kulisch, ohne dies beweisen zu können. Ein Psychologe soll in mehreren Befragungen das Rätsel oder den Betrug aufdecken. Verhör und Erzählung wechseln sich ab, bis sich am Neujahrstag 2007 die Sachlage grundlegend verändert.

Diese täglichen Befragungen erlauben es dem Autor, die sich verästelnde Erzählung immer wieder zu raffen und abzukürzen. Zudem geben sie eine zweite Sicht auf die Figur des verkrachten Tom frei, der zwischen den Identitäten eingezwängt wird. Tom eignet sich dabei ebenso wenig als Lichtgestalt wie der unbekannte Ion. Suff, Affären und ein Hang zum Scheitern scheint beiden eigen.

Ein Niemand bündelt diese Verwirrung spannend und voller Fallen. In Toms Identitätskrise spiegeln sich quasi die Transformationsprozesse im Osten, die untermalt werden von einer seltsamen Faszination für den Dritten Weg (à la Ota Šik), dem Marincek und Cvetković mit eigenartiger Inbrunst anhängen.

Mit Recht kann eingewendet werden, dass sich der Roman um das Problem der Sprache (Tom spricht ja kein Rumänisch) herum mogelt oder um die Frage, ob die falsche Identität die alten Freunde Ions ernsthaft zu betrügen vermag. Andererseits hängt all das Geschilderte bloss an der Erzählung Toms, und zudem wird nie ganz klar, ob jene Freunde nicht selbst mit dessen falscher Identität spielen. Zumindest das Ende lässt eine solche Schlussfolgerung denkbar erscheinen. In der Tiefe interessiert sich Ein Niemand weniger für die sozialen und politischen Konflikte als die Romane Ben Kader und Herz aus Sand. Das Identitätsthema ist hier verspielter in eine verschwörerische wie mysteriöse Atmosphäre verpackt, die nicht frei ist von literarischem Budenzauber. Gleichwohl stecken in ihm Raffinesse und viel Spannung, die zuletzt in einem unschlüssigen, doch absolut stimmigen Ende aufgelöst wird. Die erotischen Verheissungen verpuffen auf überraschende Weise und selbst die Identität des Helden bleibt in der Schwebe – vermutlich. Ein Niemand in einer labilen Existenzzone, dem die Freiheit dank eines schnöden Verwaltungsaktes geschenkt wird.