Frederick

Perikles Monioudis

«Frederick wollte tanzen, er wollte nichts anderes als tanzen, und er tanzte wie keiner sonst. Er vollendete sein Metier, er brachte es zu einem Ende, indem er perfekt wurde. (...) Das Schönste ist aber gerade gut genug, um zerstört zu werden.» Er übte versessen, tanzte mit unglaublicher Hingabe - und wurde der beste Stepptänzer, den die Welt gesehen hat: Fred Astaire. Er verkörperte den Höhepunkt einer Kunst, die mit ihm auch wieder unterging. Er strebte nach Perfektion, Eleganz und Schönheit, und doch, so imaginiert es Perikles Monioudis, musste er sich sein ganzes Leben gegen einen geradezu teuflischen Begleiter wehren, der ihn überreden will aufzuhören. Monioudis erzählt von einem großen Künstler, seinem Weg aus der amerikanischen Provinz nach London, an den Broadway, nach Hollywood - und seinem stolzen Widerstand gegen alle Hinfälligkeit des Erfolges.

(Buchpräsentation dtv)

Die schwermütige Seele des leichtfüssigen Tänzers

di Florian Bissig

Pubblicato il 27/04/2016

Der Tanz ist eine flüchtige Kunstform. Er besteht und vergeht ganz mit seiner Aufführung. Zumindest vor dem Zeitalter des Films war das so, als der Unterhaltungstanz am New Yorker Broadway seine Blütezeit hatte. Ob der Tanz durch seine Aufnahme in den Film ab den 1930er Jahren in seinem Wesen gelitten hat, ob er die ihm eigene Ästhetik der leiblichen Präsenz und Präzision nicht verloren hat, ist eine Grundfrage von Perikles Monioudis’ Roman Frederick.

Seine Titelfigur ist Fred Astaire, der den Stepptanz am Anfang des 20. Jahrhunderts perfektioniert hatte und der für alle Zeiten als prominentester Stepptänzer in Erinnerung bleiben wird. Allerdings hat die Filmindustrie einen beträchtlichen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte. Aus der Zeit, in der Fred mit seiner Schwester Adele das Publikum von der Vaudeville-Bühne herab begeisterte, gibt es lediglich eine Handvoll Bilder und Autogrammkarten. Was den Tänzer der Nachwelt überliefert, sind die zehn Hollywoodfilme, in denen er mit Partnerinnen wie Rita Hayworth und Ginger Rogers im Zentrum steht.

Dem folgenreichen Schritt von der Bühne zum Film, den Fred wagte, während sich seine Schwester vom Tanzbusiness zurückzog, widmet Monioudis viel Aufmerksamkeit. Frederick lässt den Leser an den wichtigsten Stationen von Astaires Karriere teilhaben: Bei der Audition in der Tanzschule, um deretwegen die Mutter Ann mit den Kindern von Omaha nach New York gezogen war, bei frühen Momenten des Misserfolgs und bei späteren Momenten des überwältigenden Erfolgs mit Adele auf den Theaterbühnen, bei der Arbeit mit Komponisten am Filmset, und schliesslich bei der Rückkehr auf die Bühne als Star im Seniorenalter.

Nicht eine Künstlerbiografie, sondern einen Künstlerroman will Monioudis indessen vorlegen, wie er mit dem Einsatz einer vielleicht etwas zu grossen Fülle an erzählerischen Techniken deutlich macht. Der Roman ist in Episoden aufgeteilt, die in der Chronologie vor- und zurückspringen. Die Erzählperspektive wechselt zwischen den drei wichtigsten Protagonisten, Fred, Adele und Mutter Ann. Der Autor porträtiert sowohl Fred dessen Mutter als innerlich gespalten. Er tut dies mit dem etwas brachialen Mittel von halluzinierten, redegewandten Figuren, als welche die mahnenden inneren Stimmen scheinbar leibhaftig werden.

Die Erzählstimme des Romans gehört jedoch einem zunächst mysteriösen alten Bekannten der Astaires, der seine eigene Darstellung der Geschichte mit raunenden Einwürfen unterbricht. Die ständig wiederholte Formel «nicht wahr, Frederick?» verweist bei jeder Gelegenheit darauf, dass die Anreicherung der biografischen Fakten mit Einblicken in Fredericks Inneres blosse Spekulation bleibt. Das ist der Glaubwürdigkeit von Fredericks Charakterisierung nicht eben zuträglich, die auch sonst nicht ganz plausibel wird. Dabei wird vornehmlich das Offensichtliche ausgeweidet: Dass er ein angepasster Sohn und Bruder war, und künstlerisch ein Perfektionist.

Auch historische Einordnungen und Vorausblicke, die in eine Biografie passen mögen, aber nicht in einen Roman, mogelt Monioudis mit seinem Erzähler in den Text: «Die Akklamationen werden verebben, die Zeit des Paartanzes wird vergehen. Diese ganze Faszination für das Schöne, sie wird verklingen.» Nicht nur als Zeitgenosse und Intimus tritt der Erzähler auf, sondern zugleich auch als Zeithistoriker und Kulturkritiker. Diese Erzählelemente machen es schwierig, in Fredericks Leben einzutauchen, so wie es Monioudis imaginiert. Zuweilen gelingt es gewiss. Was dann zutage tritt, ist eine Kehrseite zum Fred Astaire der Filmgeschichte. Nicht immer so locker und fröhlich, nicht immer so präzis und aufgeräumt, nicht immer so leichtfüssig und elegant, wie sich Fred auf dem Tanzboden zeigte, war es Frederick auch seelisch zumute. Nach Mondioudis’ Portrait litt er, Inbegriff der Eleganz und Anziehung, stets an Selbstzweifeln und fand sich selber hässlich.