Der Gutachter

Anna Stern

Eine fehlende Kassette und eine unauffindbare Reproduktion von Giacomettis Katze. Berufsfischer und Naturschützer, eine Ehefrau und Büronachbarn, die nichts wissen und gesehen haben wollen; die alle ihre eigenen Interessen haben: Hat sich der Gutachter nach einem Streit rargemacht oder wurde er Opfer eines Verbrechens?

(Buchpräsentation Salis Verlag)

Abtauchen

di Miriam Hefti

Pubblicato il 20/04/2016

Ein Mann verschwindet. Ein Anruf auf dem Polizeiposten in R.: Frau H. meldet ihren Mann als vermisst. Faber, zuständiger Polizist, beschwichtigt und erklärt, das Verschwinden einer erwachsenen Person, das noch nicht einmal 24 Stunden zurückliege, könne zahlreiche Gründe haben. Nur: Es fehlt nicht nur der namenlose Mann – es fehlen auch dessen Fahrrad, eine Skulptur und eine Kassette. Ein rätselhaftes Gefüge von Dingen, die verschwunden sind ...

Anna Sterns neue Roman Der Gutachter skizziert gleich auf den ersten Seiten die für den Verlauf der Geschichte wichtigsten Dinge und Personen. Es sind vor allem Abwesende, Schweigende, Stumme, die in dieser Kriminalgeschichte Gehör bekommen: Allen voran der verschollene Mann, ein Gutachter, der die Wasserqualität und Biodiversität eines Sees bewerten soll. Dann der See, nicht nur wissenschaftliches Objekt, sondern Lebensraum, Arbeitsort, Hauptmotiv, Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. In ihm die Fische, stumme Protagonisten, deren Bestand für die Fischer lebensnotwendig ist. Paradoxerweise sinkt deren Zahl, wenn der Phosphorgehalt des Wassers reduziert wird, wie es die Naturschützer fordern. Eine wichtige Rolle spielt ein akustisches Tagebuch, auf Band gesprochene, wissenschaftliche Erkenntnisse des Gutachters zum Zustand des Sees.
Aber es gibt auch greifbare Figuren in dieser Geschichte: Mit dem Ermittler Paul Faber hat die Autorin eine leicht melancholische, an der Existenz leidende, aber keineswegs verzweifelte Figur geschaffen. Verlassen von seiner Freundin sitzt er in der Wohnung, eingekapselt, kränkelnd; in seiner Einsamkeit brechen die Gedanken weg. Luzide Momente stellen sich dann ein, wenn er ins Gespräch vertieft mit seiner Arbeitskollegin Elsa Michaelis den Fall bespricht.

Der Leser ist gleich von der ersten Seite an mittendrin; das ist auch eine der Stärken dieses Buches. Die Autorin schafft es, eine Atmosphäre des Ungewissen und Unklaren heraufzubeschwören. Niemals sagt sie zu viel, sachte nur wird das Rätsel aufgelöst, ohne allzu viele Ablenkungs-Manöver oder bewusstes In-die-Irre-Führen. Gleichwohl: Es ist immer nur eine Ahnung, die einen beim Lesen beschleicht, sicher kann man sich bis zuletzt nicht sein; der Spannungsbogen ist souverän gesetzt. Das ist erstaunlich, zumal Der Gutachter erst der zweite Roman aus der Feder der jungen, 1990 in Rorschach geborenen Autorin Anna Stern ist. Im Jahr 2014 debütierte sie mit Schneestill (Salis 2014), einer Geschichte von nicht unbedingt federleichtem Inhalt, die sie aber zart erzählte. In Der Gutachter entwickelt sie ihr unbestrittenes Vermögen weiter, Charaktere zu zeichnen und Natur zu schildern – etwas vom Schwierigsten überhaupt –  ganz zu schweigen von der Herausforderung, eine Kriminalgeschichte zu erfinden, die nicht schon tausend Mal zu lesen war. Dies gelingt ihr mit ruhigen, niemals ausufernden, aber trotzdem nicht staccatohaft kurz gehaltenen Sätzen. Zwei Ebenen verschränken sich und heben sich typografisch voneinander ab: Zum einen folgen wir durch sieben Tage hindurch Faber und seinen Kolleginnen und Kollegen und erleben mit, wie der Fall gelöst wird. Die andere Ebene, kursiv gesetzt, lässt uns in den Kopf eines gewissen ‚Er’ schauen. Rätselhaft und in unscharfen Konturen wird die Gedankenwelt des Unbekannten entwickelt, bis  die beiden Erzählstränge zusammenkommen. Es gibt weitere Erzähl-Schichten: Das akustische Tagebuch, das der vermisste Gutachter zurückgelassen hat, mit seinen Überlegungen zur Qualität des Sees, stellt einen wichtigen Teil des Buches: die wissenschaftliche Analyse zur Qualität des Sees, zur Gefahr der Überfischung, zum Stand des Phosphorgehalts. Auch für Nicht-Biologen ist es erhellend, sich durch diese Passagen zu lesen. Ist nicht alles verständlich, so wird es ihnen wie Faber ergehen. Dieser nämlich beginnt damit, einfach alles nachzuschlagen, und dabei eröffnet sich ihm ein ganzer wissenschaftlicher Kosmos. Der Leserin, die parallel zu forschen und nachzuschlagen beginnt, geht es ebenso.

Lange bleibt unklar, was es mit dem Verschwinden des Gutachters auf sich hat: Hat er sein bisheriges Leben hinter sich gelassen, um irgendwo ein neues Leben aufzubauen? Wurde er entführt? Von wem? Von den Fischern des Dorfes, die das Gutachten des Sees manipulieren wollen? Wurde er gar ermordet? Ist die Ehefrau doch nicht so unbescholten, wie es scheint? Oder ist alles ganz anders?

Während sich Der Gutachter als packende Kriminalgeschichte lesen lässt, gibt es unter der Oberfläche der Handlung tiefgreifende Fragen, die mittels der Figuren verhandelt werden: Sind wir alle in unserem Handeln und Leben vorbestimmt und ist unsere Identität doch gar nicht so sehr frei wähl- und formbar wie wir meinen? Anhand einer Figur – des jungen Fischers Simon – wird dieses Thema parabelhaft durchgespielt. Angelegt ist es bereits in einem der beiden Motti: «and you are a fisherman’s son/ and that is what you’ll become».

Anna Sterns Roman ist also viel mehr als eine Kriminalgeschichte, die beim Lesen aufgelöst werden will. Die Frage nach der Vorbestimmung des menschlichen Lebens oder der Ausweglosigkeit des freien Willens sind ebenso zentral. Vielleicht kann der ganze Roman als Experiment rund um ein philosophisches Dilemma gelesen werden: Halte ich mich an die ‚Wahrheit’ der Wissenschaft und gebe diese wieder mit der ganzen Konsequenz, die sie für einzelne Menschengruppen (die Fischer) nach sich ziehen würde oder lege ich wissenschaftliche (und andere) Erkenntnisse so aus, dass sie für möglichst viele lebbar sind? Und schliesslich: Entscheide ich mich zum Wohl der Tiere oder zum Wohl einer bestimmten Berufsgruppe? Diese ethischen Fragen schwingen mit und werden an einzelnen Figuren durchgespielt. Geschehnisse wir Charaktere spiegeln sich dabei im See, der in Anna Sterns Roman die heimliche Hauptrolle spielt.