Robert Walser Handbuch

Robert Walser

Robert Walser gilt heute als einer der wichtigsten Prosa-Autoren des 20. Jahrhunderts. Obwohl er mit seinen Romanen »Geschwister Tanner«, »Der Gehülfe« und »Jakob von Gunten« in Literatenkreisen früh eine gewisse Bekanntheit erwarb, bewegte sich Walser Zeit seines Lebens an den Rändern der Gesellschaft und gelangte erst postum zu internationalem Ruhm. Erstmals werden Leben und Werk dieses bedeutenden Autors in einem Handbuch dargestellt, das Analysen der einzelnen Werke auf dem neuesten Stand der Forschung umfasst und Einblicke in übergeordnete thematische Aspekte vermittelt. Behandelt werden Entstehungskontexte sowie Schreib- und Darstellungsverfahren mit Blick auf aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen. Der abschließende Teil zur Rezeption veranschaulicht, wie aus einem einmal fast vergessenen Autor ein Klassiker der Moderne wurde.

(Buchpräsentation Metzler Verlag)

Robert Walser und Kuno Raeber: Zwei Autoren zu entdecken

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 10/01/2016

Nachrichten über zwei Aussenseiter

Es ist schon erstaunlich, wie die Walser-Rezeption in jüngerer Zeit einen Aufschwung erlebt. Schweizer Schriftsteller berufen sich seit den 1970er Jahren gerne auf den Bieler Dichter. Doch auch im Ausland erfreut sich Walser unter Kunst- und Literaturschaffenden eines ausgezeichneten Rufes. Mit Robert Walser im Hinterkopf bereisen sie die Schweiz: wandern auf seinen Spuren, suchen in seinen Schriften Inspiration, verwandeln sich seine Texte literarisch und künstlerisch an. All das ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Und all das ist ein guter Grund, das neu erschienene Walser-Handbuch zuallererst auf den hinteren Seiten aufzuschlagen, um Einblick in seine Wirkungsgeschichte zu erhalten.

Die Auseinandersetzung mit Robert Walser begann schon früh, bei Walter Benjamin, sie setzte sich mit Elias Canetti fort, um ab 1970 auf den verschiedensten Ebenen diskursiv, poetologisch und ästhetisch zu einer Wiederentdeckung zu führen. Martin Walser, W.G. Sebald, Gertrud Leutenegger, Jörg Steiner oder Gerhard Meier lassen sich nennen. Nebst vielen anderen, die sich mitunter «allzu leichtfertig bei Walser poetische Nobilitierung und Würde borgen», wie Roman Bucheli kritisch anmerkt. Diese Wiederentdeckung findet Nachhall zum einen in der Walser-Forschung, die in jüngsten Jahren geradezu boomt, doch auch in der literaturgeschichtlichen Kanonisierung und im «Weltruhm», zu dem die zahlreichen Übersetzungen verhelfen. Auch wenn Walser noch immer als ein «writer's writer» gilt, hat sich seine Resonanz in den letzten zwei Jahrzehnten merklich verbreitert.

Im 5. Kapitel gibt das Walser-Handbuch ausführlich Auskunft über die Wirkung Walsers in Literatur, Theater, Kunst, Musik und Forschung. Speziell herauszuheben sind dabei das Walser-Archiv, das 1973 gegründet wurde und seit 2009 in Bern beheimatet ist, sowie die verschiedenen Robert Walser-Editionen. Namentlich die Suhrkamp-Werkausgabe, die pionierhafte Entzifferung der Mikrogramme «Aus dem Bleistiftgebiet» und neuerdings die kritische Robert Walser-Ausgabe im Stroemfeld-Verlag machen sich um Walser verdient.

Diesem Editions- und Rezeptionshorizont gehen im Handbuch die Kapitel eins bis vier voran: Sie behandeln Biographie, Einzelwerke und ausgewählte Themen. «Wer mich liest, und wie man mich liest, kümmert mich nicht.» Den Satz stellt der Hausgeber Lucas Gisi seinem Vorwort voran – gewissermassen als Kontrapunkt zu dem Unterfangen, die Grundlagen darüber zu erarbeiten, was wie gelesen und verstanden werden könnte im Walsers Werk. Das Handbuch will diese «Vielstimmigkeit» bewahren und versuchen, «die Voraussetzungen für eine Neubewertung zu liefern», wo sie nach Stand der Forschung angebracht erscheint.

Ein erstes Problem stellt bereits die Biographie selbst. Robert Walser repräsentiert beinahe mustergültig den literarischen Typus des Sonderlings: er war Einzelgänger, Spaziergänger, Idylliker, psychisch labil und und er neigte dazu, sich literarisch selbst zu mystifizieren. So verkürzt dies klingt, zumindest letzteres stellt ein Problem dar, worauf Walser in einem «Alphabet» von 1921 selbst hindeutet: «I. überspringe ich, denn das bin ich selbst.»

Das Werk als Spiegel und Projektion respektive die «irreduzible Komplexität von Walsers Ich-Inszenierungen» (Gisi) sowie eine sehr schmale Quellenbasis bezüglich der biographischen Fakten sind Anlass zu Deutungen und Missdeutungen. Mit aller Vorsicht versucht das Handbuch hierin Ordnung zu schaffen, indem es sich auf eine chronologische und topographische Auflistung beschränkt, ergänzt von Kontextinformationen. Die Selbstmystifikation wird auch in den Beiträgen zu den einzelnen Werken mit berücksichtigt – beispielsweise zu Geschwister Tanner (familiäre Referenzen, «Wiederspiegelung der Selbstkonstruktion»), oder zu Kleist in Thun und Der Spaziergang, die beide mitwirkten an einem Bild Walsers, das ihn verkürzt als problembeladenen Spaziergänger charakterisierte. Die einzelnen Werke sind chronologisch geordnet, sie beschreiben jeweils Inhalt, Interpretation, Rezeption sowie den aktuellen Forschungsstand dazu.

Der zu letzt genannte Spaziergang ist auch deshalb ein eminent wichtiges Buch, weil es nicht nur als erstes übersetzt wurde, 1957 von Christopher Middleton ins Englische, sondern weil es weiterhin rege Verbreitung in viele anderen Sprachen findet. Das Motiv des Spaziergangs findet  auch im 4. Kapitel des Handbuchs seinen Niederschlag, etwa unter dem Stichwort «Grosssstadt», worin es poetologisch eng mit der Flanerie verknüpft ist. Kaum überraschend setzt der thematische Reigen mit der Begriffs-Trias «Ich, Maske, Autofiktion» ein. Die poetische Selbstreflexion macht leicht vergessen, dass sich in den Ich-Maskeraden «vielfach Walsers Vergnügen an kleinen Mystifikationen und am Rollenspiel» artikuliert, wie Robert Mächler einst bemerkte. Es folgen naheliegende Themen wie Erzählen, Mikrographie oder Psychiatrie, die aufs Anregendste ergänzt werden durch Hinweise auf «Tiere» in Walsers Werk oder auf «Das Büro» als zentralem sozialem Ort, den Walser mit geradezu «buchhalterischer Detailversessenheit» ausstattet, um damit «das ganze Drama des Angestelltenwesens», so Simon Roloff, zu zeigen.

Alles in allem versammelt das Handbuch eine immense Fülle an Informationen, die es zum Lese- wie zum Nachschlagewerk stempeln. Die einzelnen Beiträge sind gut verständlich und im Einzelnen nachvollziehbar verfasst, stilistisch folgen sie eher akademischen Vorgaben. Nicht ausschliesslich aber vornehmlich richtet sich das Walser-Handbuch dergestalt an Leser und Leserinnen, die sich vertieft mit Robert Walser befassen und von den zahlreichen Querverweisen neue Anregungen erwarten. Wer immer sich mit Robert Walser beschäftigen will, findet hierin vielfältige Hilfe und Information, am originalen Werk selbst führt damit allerdings kein Weg vorbei. Erfreulicherweise ist dieses in unterschiedlichen Ausgaben greibar: als kritische Edition wie als wohlfeile Taschenbuchausgabe.

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Während Robert Walser zumindest in literarischen und universitären Kreisen längst (wieder) in aller Munde ist, steht seinem jüngeren Kollegen Kuno Raeber eine solche Wiederentdeckung noch bevor. Entsprechend dünner und weniger umfassend fällt der Band aus, der ihm in der Reihe Text & Kritik gewidmet ist. Das besagt freilich nichts über dessen Wert.

Kuno Raeber darf als einer der originellsten Schweizer Autoren der Neuzeit gelten. Christine Wyrwa, Ko-Herausgeberin seiner Werkausgabe, nennt ihn einen «Wort-Monomanen», der sich eine eigene «Kunstwelt, Wortwelt» errichtet habe. Der Realität wollte Raeber mit einem synästhetischen und synchronistischen Bilder- und Wortstrudel beikommen. Virtuos bis zur Manieriertheit umkreist er in Sprachkaskaden seine elementaren Themen wie Tod, Gewalt, Leidenschaft, Sexualität, Religiosität, Mythos und Ritual. Für feine Psychologisierungen findet sich darin kaum Platz, vielmehr sah Raeber in der dichterischen Arbeit einen magischen Akt der Beschwörung.

Das weckt Faszinationen und erklärt zugleich die Aussenseiterposition dieses abtrünnigen Jesuiten, der sein Künstlertum wie eine Religion lebte. Raeber sah sich als «legitimen Nachfolger der Priester, Propheten und Magier des religiösen Zeitalters», der seine Arbeit «um ihrer selbst willen 'L'art pour l'art'» begriff, wie er 1982 dem Tagebuch anvertraute. Diese dichterische Sendung erlaubte keine Kompromisse: «Der Künstler kann nur die Identität mit sich selbst sein. Sonst ist er niemand.»

Im besagten Band zeichnet Wolfgang Albrecht diese «Wege zum Ich» in seinem Beitrag anhand der Tagebuchaufzeichnungen nach. In jungen Jahren zeigte Raeber ein tief konservatives Schwärmertum, das sich zuerst lyrisch auffächerte – mit einigen Erfolgen bei der Kritik –, bis er mit dem einsetzenden Prosawerk ab 1963 schnell zum Einzelgänger wurde, der sich «keiner Klasse oder Gruppe verpflichtet» fühlte. Seine Tagebücher vergleicht Albrecht mit jenen Kafkas, wobei Raeber «nicht wie dieser das Krisenhafte selbstreflexiv akzentuiert, sondern das Bestreben nach Selbstidentität und Selbstbewusstsein» zelebriert, Die Kränkung durch den Literaturbetrieb, gipfelnd in einer bösartigen Beschimpfung durch Walter Jens anlässlich einer Tagung der Gruppe 47, setzte sich tief in Raeber fest.

Er wehrte sich dagegen sprachlich und mit der «Idee einer kosmischen Balance polarer Kräfte», wie sie Jürgen Egyptien in seinem Beitrag über Raebers zu «Ästhetik des Opfers» beschreibt. Der Kern seines Bemühens bestand darin, «meine Sprache bewusst zu vollenden und zu bilden, bis sie ganz biegsam und zugleich ganz klar und tief ist», so ein Tagebucheintrag von 1942. In einer assoziationsgesättigten, von barocken Vorstellungen durchdrungenen Prosa hat sie einzigartigen Ausdruck gefunden. Religiös-mystische Vorstellungen und klassischer Bildungskanon mischen sich mit einer zuweilen schwülstigen (Homo-)Sexualität und gehen in einer sehr persönlichen symbolischen Ordnung auf.

Wichtigen Stellenwert nimmt in diesem Aufsatzband das lyrische Werk ein. Es ist aus Schweizer Optik von spezieller Bedeutung. Sprache hiess für Raeber Hochsprache, Literatursprache. Die Rückkehr zum heimischen Lokalidiom galt ihm als «ein Selbstbetrug, eine Regression». Umso überraschender war, als er 1985 mit einem Gedichtband in Luzerner Alemannisch aufwartete. Christina Viragh und Peter von Matt setzen sich damit auseinander. Selbstredend suchte Raeber nicht die Stallwärme der Kindersprache, ihn interessierten die lautmalerischen Möglichkeiten von Worten wie «chosle», «tampe», «hösle» oder «ond deh». Sie inspirierten den Sprachartisten Raeber. Hinzu kam, wie von Matt glaubt, dass «die Mundart gegen falsches Pathos von Natur aus gefeit ist und Schwierigkeiten hat, überhaupt feierlich zu werden».

In diesen und weiteren Aufsätzen entsteht das Bild eines sprachmächtigen Dichters, der dem katholischen Milieu entfloh und ein von Mystik durchdrungenes Werk schuf, das heute unzeitgemäss anmutet, doch gerade darin unvergleichlich ist.