Ein wurstiger Salonlöwe in Provinzdancings

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 24/04/2002

«Am Tag, an dem ich starb, machte ich einen Fehler.» So beginnt die Titelerzählung «Eigermönchundjungfrau»: der Erzähler bestieg in Olten den Zug nach Bern, das ja bekanntlich eine schmucke Stadt ist und einen Bummel unter den Lauben lohnt. Doch dem Besucher behagten die biedere Wohlanständigkeit der Berner sowie die mit Geranien überfrachteten Burgerhäuser mit den postkartengleichen Eigermönchundjungfrau im Hintergrund ganz offensichtlich nicht. Die Menschen erschienen ihm so glücklich, unerträglich froh darüber, «o vo Bärn» zu sein. Dies brachte seine Darmgase in Wallung und liess den Bauch unerquicklich aufquellen, so dass es ihn schliesslich in die Lüfte hob und er mit seinem Bauchballon der Bundesstadt entflog. Seither kreist er «tiefgefroren durchs All auf der Suche nach jenem Ort, der möglichst weit entfernt ist von Städten wie Bern».
Diese Erzählung ist typisch für den neuen Band, mit dem Alex Capus seinen Debüterfolg Munzinger Pascha zu wiederholen hofft. Leichthin und unbefangen erzählt sie eine skurrile Geschichte. Auf charmante Weise wird darin das ewige Glück der guten Berner belächelt. Doch der flotte Erzählton offenbart bei näherem Besehen einige formale Schwächen, die sich zwar leicht überhören, doch weniger leicht überlesen lassen. Nicht allein das selige Glück des zittrigen Fixers, über den der geplagte Erzähler stolpert, wirkt etwas angestrengt lustig. In einer Geschichte, wo die Einheimischen Berner Dialekt reden als Ausdruck ihres Glücks, müsste vermutlich auch er nicht «Danke vielmals», eher «Dankä veumau» oder so erwidern.
Ein Zeichen der Flüchtigkeit, die einen grossen Teil dieser Geschichten negativ auszeichnet. Über dem munteren Fabulieren hat die literarische Feinarbeit gelitten. Capus begnügt sich gerne mit voreiligen Klischees und Allerweltsformulierungen. Beschreibungen wirken oft etwas plakativ und Pointen bemüht herbeigeredet. So ist kaum nachzuvollziehen, warum zum Beispiel der 33jährige Erzähler in «Der Ernst des Lebens» mit seinem Vater regelmässig im Altersheim den ungeliebten Grossvater besucht. Die Erzählung gibt keine Hinweise für die Gründe seines kleinlauten Verhaltens entgegen dem eigenen Willen. Ähnlich unmotiviert wirkt auch die Verfluchung «dieser blöden Schreibmaschine», an der das Erzähler-Ich in «Wollene Unterhosen» sitzt.
Auf der anderen Seite aber gelingt es Capus hin und wieder doch auch, die heitere Leichtigkeit seiner Geschichten formal einzulösen. In «Leite mich, Voyager 1!» schildert er die Unruhe eines Vaters in spe, der die Ultraschallbilder des Fötus aus dem Bauch der Mutter wie Bilder aus dem All wahrnimmt und sich daneben einsam, hilflos vorkommt. Und in «Das geht dich einen Dreck an» – der stimmigsten Geschichte – erinnert sich der Ich-Erzähler einer Jugendliebe, deren Gesicht er beim hitzigen winterlichen Spiel mit Schnee einrieb statt es zu küssen. Ein nicht wieder gut zu machendes Versäumnis.
So schwankt die Qualität zwischen diesen insgesamt 19 Geschichten bedenklich stark. Ein Hinweis wohl darauf, dass für diesen Band zu grossen Teilen alte, literarisch ungenügende Texte ausgegraben wurden, um dem vorangegangen Erfolg ein neues Buch draufzusetzen.
Capus erzählt von Figuren, die einige Erfahrungen mit ihrem Autor gemein haben. Die Geburt in Frankreich, vor allem aber das Leben im provinziellen Olten zwischen Gelegenheitsjobs und dem nächtlichen Barbesuch. Das erzählende Ich beschreibt sich selbst einmal als «wurstiger Salonlöwe», der am nächsten Tag wieder als Lokalredaktor oder als Gabelstapelfahrer zur Arbeit antritt. Natürlich aber sind die mit Phantasie angereicherten Figuren nie ganz mit dem Autor identisch. Dies dürfte sich spätestens dann zeigen, wenn Alex Capus in Bern aus seinem Buch vorliest, keineswegs tiefgefroren und dem Berner Publikum wohl durchaus wohl gesinnt.