Ein Schweizer im finstern Afrika

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 24/04/2002

Beherzte Geister leiden in der Schweiz an der Enge, sagt man. Das war schon früher so, zum Beispiel im Fall des Werner Munzinger (1832–75), dem Sohn des liberalen Bundesrats Josef Munzinger. Mit zwanzig haute der Junge aus seinem behüteten Zuhause ab und kehrte nicht mehr zurück. Im eritreischen Massaua hat ihn Alex Capus aufgespürt.
Munzinger strandete 1852 im finstern Herzen Nordafrikas: im weltabgelegenen Grenzland zwischen Eritrea, Äthiopien und Sudan. Wie gerade in den letzten Wochen von neuem, war die Gegend um Kassala schon zu jener Zeit hart umkämpft. Dabei hielt sich der eingewanderte Schweizer so gut, dass ihn der ägyptische Khedive als Statthalter über die Region einsetzte. Mit Elan ging er daran, die Wasserversorgung zu verbessern und ein Telegraphennetz aufzubauen, um aus Massaua ein Handelszentrum zu machen. Unglücklicherweise kam Pascha Munziger 1875 bei einem Erkundungsfeldzug ums Leben.
Ein Glück, dass dieser Abenteurer noch zu entdecken war. Eher zufällig ist Capus auf ihn gestossen und hat sich von ihm faszinieren lassen. Nach langwierigen Recherchen kann er nun ein Lebensbild von ihm vorlegen. Mit gerafften und vom Autor leicht bearbeiteten Auszügen aus Briefen und Tagebüchern Munzingers dokumentiert er dessen Wirken als Handelsherr und Kolonisator.

Eine glückliche Entdeckung

Als Erzähler heftet ihm Capus den Lokaljournalisten Max Mohn auf die Fersen. Der nutzt die Entdeckung nur zu gerne, um selbst ein bisschen dem alltäglichen Trott entfliehen. Er reist nach Kairo und stöbert da exklusive Dokumente des Gesuchten auf. Nebenbei verliebt er sich zuhause in die nicht minder aufregende Polja.
In seinem Bericht erweist er sich als charmanter, witziger Erzähler, der mit leichter Hand zu schreiben versteht. Mit feinen ironischen Kringeln entwickelt er aus dem Leben Munzingers einen abenteuerlichen Gegenentwurf zum normierten Schweizertum. Allerdings gerät ihm die Romankonstruktion etwas allzu hausbacken, konventionell. Die glückliche Findung wird nicht gleichwertig durch literarische Inspiration aufgewogen.
Kapitelweise wechseln sich Munzingers Erlebnisse und Mohns Recherchen ab. Auf beiden Erzählebenen erweist sich der Gang der Dinge als leicht vorhersehbar, der Geschichte fehlen die überraschenden Haken, den Figuren die irritierenden Kanten. Die Faszination wurzelt somit vor allem im aufgefundenen Stoff selbst.
Aus anderer Perspektive ist Alex Capus aber zugute zu halten, dass er das wilde Leben Munzingers nicht exotisch ausschmückt und artistisch verbrämt, sondern es nüchtern und geradlinig beschreibt. Vielleicht Resultat seiner journalistischen Tätigkeit für die schweizerische Depeschenagentur? Auf jeden Fall preist sich sein Roman Munziger Pascha als frisches, süffig lesbares Buch an.