Die japanische Tasche

Adolf Muschg

Beat Schneider hat etwas Unverzeihliches getan, was ihn seine Ehe mit LouAnne kostet. Sie ist eine außergewöhnliche Zeichnerin, die nicht nur auf seine Liebe, sondern auch auf seine Fürsorge angewiesen ist. Umso kostbarer ist ihm die japanische Tasche, die ihm LouAnne geschenkt hat und die er nicht aus den Augen lässt. Bis er auch sie verliert. Das Leben Schneiders, eines originellen Historikers, der an Karriere nicht interessiert ist, steht unter dem besonderen Schutz seiner einstigen Kinderfrau, die er Alcina nennt und die ihm nach ihrem Verschwinden ein beträchtliches Erbe hinterlassen hat. Sie hat ihm Märchen erzählt und die Traumlogik der Märchen scheint auch in Schneiders Leben zu walten. Nicht nur dieses Motiv verbindet Adolf Muschgs neuen Roman Die Japanische Tasche mit Sutters Glück (2001). Denn auch dessen Hauptfigur, der ehemalige Gerichtsreporter Emil Gygax, den seine Frau Ruth Sutter nannte, taucht hier wieder auf, aus gutem Grund. Freundschaft und Liebe, Abschied und Verluste, die rätselhaften Verbindungen im Leben der Menschen, familiäre Bande und solche jenseits der Familie, die vielleicht noch stärker sind, spielen eine zentrale Rolle in diesem schönen, schwebend-geheimnisvollen Roman, der von einer großen Liebe und ihrem tragischen Verlauf erzählt.

(Buchpräsentation C.H. Beck Verlag)

Unter Wahlverwandten

di Beat Mazenauer

Pubblicato il 15/02/2016

In Märchen wird gerne von Kindern erzählt, die ihre Eltern vermissen oder vor bösen Stiefeltern fliehen. Sie bleiben unbehaust, bis sie im Zauberwald dennoch ihr Glück finden. Dieser märchenhafte Schatten fällt auch auf den Historiker Beat Schneider. Er kennt den Vater nicht und über die Mutter hegt er eher Vermutungen – eine Wunde, die nicht zu schliessen ist. Als Waise geboren wuchs er mit einer Kinderfrau auf, die ihn mit Märchen ins Leben führte. Erwachsen geworden zog er sich in die historische Forschung zurück. Etwas Vermögen, das ein alter Beistand verwaltet, erlaubte es ihm, nicht nach universitären Meriten streben zu müssen. «Im Auerhahn», einer Villa am Stadtrand, fand er eine Gemeinschaft ähnlich gestimmter Menschen. Alice, die Hausherrin, überliess ihm das Atelier, wo er ungestört blieb.

Bis er eines Tages in einer Vorlesung der rätselhaften LouAnne begegnet. Sie hört ihm weniger zu als dass sie während der Stunde zeichnet. Wie sich bald herausstellt, ist sie Künstlerin und wie Schneider elternlos aufgewachsen, bei einer Kinderfrau, die sie noch im Erwachsenenalter zu ängstigen und observieren scheint. «Das tapfere Schneiderlein» und die psychisch sehr labile Künstlerin tun sich – vielleicht wider alle Vernunft – zusammen und geloben sich eiligst gegenseitig die Ehe. Bei LouAnne findet Schneider erstmals eine alte kindliche Vertrautheit. Er liebt sie innig, von ihrer einflussreichen Verwandtschaft aber wird er argwöhnisch unter Beobachtung gehalten. So steht die Ehe zwischen ihm und LouAnne von Beginn weg unter einem besonderen Stern. Glück und gemeinsame Lust halten über etliche Jahre, bis der Zauber durch eine einzige unbeherrschte Geste verfliegt. Einmal nur erhebt Schneider die Hand gegen seine Frau, weil ihn eine ihrer Fotografien vollends aus der Fassung bringt. Es reicht, um alles zu zerstören. LouAnne gerät auf eine schiefe psychiatrische Bahn, die sie von Schneider wegführt, der seinerseits ein Verbot erhält, sie zu besuchen.

So kehrt Beat Schneider in den «Auerhahn» zu seiner Wahlverwandtschaft zurück, wo Alices Nichte Elinor das Zepter übernimmt. In diesem Haus begegnet er auch Emil Gygax, einem Wiedergänger aus Muschgs Roman Sutters Glück von 2001. Daraus greift der Autor einige Fäden auf und verwebt sie ins neue Buch. Ob Gygax vielleicht der Vater von Beat Schneider sein könnte?

«I would prefer not to» zitiert dieser eingangs den Schreiber Bartleby. Auch sein Autor Muschg hält sich an die Devise. Er möchte lieber nicht unnötig Klarheit schaffen, weil es solche Klarheit bestenfalls in kurzen Lichtblicken gibt, die Schneider «Geistesgegenwart» nennt. Viel lieber führt Muschg seine Leserinnen und Leser behutsam in einen Garten, dessen Erzählpfade sich immer neu verzweigen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, zu dessen Zusammenleben ganz wesentlich auch das Missverstehen gehört. Was wissen wir voneinander? Schneider bleibt ein Rätsel, ebenso wie Gygax oder Elinor, ganz zu schweigen von LouAnne. Gerade darin liegt der Reiz ihrer Freundschaften.

Beat Schneider sucht sein Heil, indem er sich verweigert. Das ärztliche Attest, das ihm vielleicht eine Krankheit diagnostiziert, verdrängt er ungeöffnet. Auch LouAnne verweigert sich, indem sie sich in sich selbst verkriecht und nur noch über mysteriöse Zeichnungen kommuniziert. Die Kunst rettet sie nicht – doch sie verleiht, wie auch dieses Buch, Einblick ins menschliche Unheil. Schneider begnügt sich damit, diese Zeichen aus dem fremden Innenreich zu sammeln. Als ihm aber auch die japanische Tasche, die seine Frau ihm schenkte, abhanden kommt, verschwindet er spurlos. Zurück bleiben Elinor, Gygax und andere, in deren Munkeln Schneider als Schatten weiter anwesend bleibt.

Adolf Muschg erzählt von Krankheit und Verlust, von Einsamkeit und Scheitern, von Liebe und Verrat. Es kommt hier vieles zum Vorschein. Was den Roman dabei auszeichnet ist die Art und Weise, wie Muschg die Themen zusammenführt. Er zitiert Märchen und romantische Gedichte, entwirft historische Thesen und künstlerische Formate. Er tut dies freilich nicht aus Bildungshuberei, vielmehr sind es natürliche Bestandteile eines Erzählens, das keinen Aufschluss über die Herkunft der Zitate mehr verlangt.

Der Roman ist durchdrungen von einer souveränen Leichtigkeit und feinen Ironie. In den Dialogen und Beschreibungen lässt Muschg Leerräume, Bruchlinien und Schattenzonen stehen, die dem Text die Gravität, nie aber den Ernst nehmen. So klug verspielt, so gelassen widerborstig, so witzig und souverän wie kaum je verführt er uns in den Irrgarten seines Textes. In ihm wird fündig, wer nicht sucht – gibt er uns als beglückendes Motto für die Lektüre mit.